Die „Feuerherz“-Produzenten im Gespräch

„Die Frage ist, ob das Böse siegt“

06. Februar 2008 

Herr Bareiss, Herr Burgemeister, Ihr Film „Feuerherz“ ist von der gleichnamigen Autobiographie von Senait Mehari inspiriert. Was hat Sie an dem Buch fasziniert?

Bareiss: Im Kern handelt das Buch von einer Menschwerdung und der Entstehung eines Gewissens. Wir fanden, dass das auch auf der Leinwand erzählt werden soll. Zugleich waren wir uns einig, dass wir nicht dieLebensgeschichte von Senait Mehari verfilmen, sondern uns von ihren Erlebnissen inspirieren lassen.

Worum geht es also in dem Film?

Burgemeister: Der Film „Feuerherz“ handelt von einem eritreischen Mädchen, das sehr behütet bei christlichen Ordensschwestern aufwächst, dann jedoch in eine Einheit der eritreischen Befreiungsarmee gestoßen wird, wo es zum ersten Mal Menschenverachtendes erfährt. Eines Tages muss das Mädchen eine Entscheidung treffen, bei dem seine guten und schlechten Prägungen miteinander in Widerstreit geraten. Die Frage ist, ob das Kind sich seine Reinheit bewahren kann oder ob das Böse siegt.

Mit Luigi Falorni haben Sie einen Regisseur und Drehbuchautor engagiert, der sich durch Dokumentarfilme wie „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ einen Namen gemacht hat. Dennoch soll „Feuerherz“ ein Spielfilm sein.

Bareiss: Ja, eine fiktionale Erzählung, als Spielfilm mit dokumentarischer Sorgfalt, damit alles möglichst authentisch ist. Wir haben uns früh dafür entschieden, den Film mit eritreischen Laiendarstellern und auf Tigrinia, der eritreischen Landessprache, zu drehen. Luigi Falorni hatte ohnehin überlegt, einen Dokumentarfilm über Eritrea zu drehen. Als Italiener begreift er die Geschichte Eritreas auch als Teil der eigenen Geschichte – Eritrea war fünfzig Jahre lang italienische Kolonie.

In Eritrea und unter den Eritreern in Deutschland ist die Frage, ob es Kindersoldaten gegeben hat, ein Politikum. Haben Sie mit der eritreischen Regierung zusammengearbeitet?

Bareiss: Anfangs haben wir jede unserer Drehbuchfassungen der eritreischen Regierung zukommen lassen. Sie hat die unterschiedlichen Versionen lektoriert und sogar Verbesserungsvorschläge gemacht, teilweise waren diese sehr schön. Zum Beispiel kritisierte die Regierung, dass der Vater des Mädchens sehr böse dargestellt werde, obwohl doch nicht alle afrikanischen Väter so seien. Diesen Hinweis fand ich richtig, denn in der Tat wirkte die Figur des Vaters ein wenig zu rustikal. Bedauerlicherweise ist die eritreische Regierung aber nicht unserer mehrmals geäußerten Bitte nachgekommen, uns historisches Material aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges zur Verfügung zu stellen. Auch hat sie uns keine Nachweise für ihre Behauptung geliefert, dass es während des Krieges keine bewaffneten Kinder gab. Stattdessen teilte uns die Regierung in einem Schreiben vom 18. April 2007 mit, dass sie den Film nicht unterstütze, denn es habe zu keinem Zeitpunkt des Unabhängigkeitskrieges Kämpfer unter achtzehn Jahren gegeben. Ich zitiere aus dem Schreiben: „Für den Fall, dass es solche Jugendlichen gegeben hat, sind die heimlich aus den Schulen abgehauen, haben sich heimlich an der Front gemeldet und wurden sofort wieder zurückgeschickt.“ Die Absage hat uns zunächst große Probleme bereitet, denn wir wollten in Eritrea mit Eritreern drehen. Schließlich haben wir erfahren, dass in Kenia viele eritreische Flüchtlinge leben und dass es im Norden des Landes eine Region gibt, die der eritreischen Landschaft ähnelt. So haben wir uns entschieden, den Film in Kenia zu machen.

Das Thema wird erstaunlicherweise in toto angezweifelt. Wie haben Sie sichergestellt, dass Ihre fiktionale Geschichte einen Rahmen hat, der auf nachweisbaren historischen Tatsachen beruht?

Bareiss: Natürlich kann man nur dann einen Film über ein historisches Ereignis drehen, wenn man sich ganz sicher ist, dass die Aspekte, die ins Drehbuch eingeflossen sind, auch auf Tatsachen beruhen. Wir haben deshalb mehrere Wissenschaftler mit Recherchen beauftragt, Archive in Italien, Großbritannien und Amerika nach Belegen zu durchkämmen, die bestätigen, dass es in Eritrea Jugendliche, die an der Waffe Dienst leisteten, beziehungsweise Kindersoldaten gegeben hat. Unsere Wissenschaftler kehrten mit zahlreichen Dokumentarfilmen zurück, darunter Filmmaterial der eritreischen Befreiungskämpfer, aber auch „Weltspiegel“-Dokumentationen des Bayrischen Rundfunks aus den siebziger und achtziger Jahren, in denen eritreische Kindersoldaten zu sehen sind. Für jede einzelne Szene, in der es in unserem Film um historische Wahrheit geht, haben wir einen Beweis. Einer unserer Rechercheure hat anfangs auch in Asmara geforscht und hatte dort Kontakt zum eritreischen Informationsminister.

Ging damals schon die Debatte um Senait Meharis Buch los?

Bareiss: Als wir anfingen das Drehbuch zu entwickeln, haben wir schnell gemerkt, dass es bei Eritreern Irritationen deswegen gibt. Das Wort, das dabei am häufigsten fiel, war „Beschmutzung des Befreiungskrieges“.

Auf der Berlinale 2007 haben Sie das Projekt vorgestellt. Das NDR-Magazin „Zapp“ brachte damals einen Beitrag, der Senait Meharis Buch angriff.

Burgemeister: Wir dachten zunächst, dass es bei den Vorwürfen der eritreischen Gruppe, die in dem Beitrag auftrat, um persönliche Befindlichkeiten ginge. Als uns wenig später die eritreische Regierung ihre schriftliche Ablehnung schickte, war uns klar, dass etwas Politisches dahintersteckt und sie alles dafür tun wird, um den Film zu verhindern.

Wie stellte sie das an?

Bareiss: Als wir in der eritreischen Gemeinde in Kenia nach Darstellern suchten, haben wir sofort gemerkt, dass auch dort die Angst umgeht. Beim Casting haben wir offen gesagt, dass die eritreische Regierung unseren Film nicht will und dass wir Verständnis haben, wenn jemandem das Mitwirken zu heikel ist. Wir haben aber auch gesagt, dass wir nicht bereit seien, einen propagandistischen Film für ein diktatorisches Regime zu drehen. Trotz alledem haben sich fünfundzwanzig Eritreer bereit erklärt, mitzuspielen. Wir bereiteten sie mehrere Monate auf ihre Rollen vor; die Zusammenarbeit funktionierte wunderbar. Irgendwann kam uns zu Ohren, dass die eritreische Botschaft in Nairobi jeden unserer Schritte genau beobachtete und den Film sabotieren wollte. Sie hatte den Leuten zwar erlaubt, mitzumachen, doch am ersten Drehtag sollten alle Schauspieler ihre Arbeit niederlegen. Wir sprachen daraufhin beim eritreischen Botschafter in Nairobi vor. Er sagte, unser Film sei großer Quatsch, wir sollten lieber nach Asmara reisen und einen „schönen Film“ drehen. Er stritt sogar ab, dass wir jemals Kontakt mit der eritreischen Regierung gehabt hätten, und sagte am Ende: „Übrigens, auch unser heutiges Gespräch hat niemals stattgefunden.“ Bis dahin war noch alles von einer, sagen wir, freundlichen Vehemenz. Was danach kam, war alles andere als freundlich.

Sie wurden weiterhin behindert?

Bareiss: Zehn Tage vor Drehbeginn legten tatsächlich elf Schauspieler ihre Arbeit nieder. Sie sagten, dass es ihnen leid täte, aber ein Vertreter der eritreischen Botschaft setze sie unter Druck. Ich musste herausfinden, wie stark die Bedrohung wirklich ist, und habe deshalb einen jungen Mann, der für eine zentrale Rolle vorgesehen war, in mein Büro gebeten. Ich drohte ihm mit einer Klage, sollte er seinen Vertrag mit uns brechen. Mir blutete das Herz dabei; etwas Schlimmeres hätte ich nicht sagen können, denn eine Klage hätte seine Ausweisung aus Kenia zur Folge gehabt. Der Mann brach in Tränen aus und sagte: „Egal, was du tun wirst, mein Leben garantieren kannst du mir nicht.“ Er verabschiedete sich mit den Worten: „Der Film muss gemacht werden; Gott schütze diesen Film.“ Das war ein sehr berührender Moment. In diesem Augenblick verstand ich, wie ernst die Lage ist.

Wie haben Sie die Situation gerettet?

Bareiss: Wir hatten ohnehin vorgehabt, die Statisten in einem eritreischen Flüchtlingslager zu suchen, das in der Nähe des Drehortes liegt. Um den Film zu retten, blieb uns nur, dort nach Ersatz für die ausgefallenen Schauspieler zu suchen. Das gelang: Die Flüchtlinge im Lager stehen unter dem Schutz des UNHCR und fühlten sich deshalb sicherer. Dennoch mussten wir ihnen Personenschutz garantieren: Während des gesamten Drehs haben bewaffnete Sicherheitskräfte den Drehort bewacht. Um gefährliche Verwechslungen zwischen den Filmwaffen und den echten Waffen zu vermeiden, haben wir die echten mit rosa Stoffbändern markiert. Das alles war unheimlich und für die ganze Crew sehr belastend.

Die Verantwortung, die Sie übernehmen, ist sehr groß, auch für die Darsteller.

Bareiss: Ja, die Geschichte ist sicherlich noch nicht zu Ende: nicht für das Land, aber auch nicht für die Menschen, die in dem Film mitgewirkt haben.

Burgemeister: Wir halten täglich Kontakt zu den Menschen. Wir wollen wissen, wie es ihnen geht.

Was, glauben Sie, wird passieren, wenn der Film läuft? Er wird seine Wirkung doch über Deutschland hinaus entfalten.

Bareiss: Wir hoffen, dass sich die Debatte um die eritreische Vergangenheit durch den Film verändert. Wir haben versucht, die ursprünglich sehr positiven Grundsätze der Befreiungsarmeen ELF und EPLF darzustellen. Niemand in Eritrea hatte den Plan, Kinder in den Kampf zu schicken. Die Kinder sollten die Zukunft des Landes sein und eine gute Ausbildung erhalten, doch dann ist die Situation eskaliert. In einem Bürgerkrieg, der fast dreißig Jahre dauert, ist das nicht ungewöhnlich, das haben wir auch in anderen Ländern gesehen. Das Land hat zwar die „Cape Town Principles“ der UN unterschrieben, gleichzeitig sollen bis vor zwei, drei Jahren noch immer Jugendliche zum Dienst an der Waffe rekrutiert worden sein.

Burgemeister: Unsere Schauspieler haben große Anerkennung verdient. Die Erfahrung des Drehs hat ihnen neues Selbstbewusstsein für alles gegeben, was noch kommt. Sie sagten immer: „Erzählt. wie es uns geht. Erzählt, dass wir schon seit siebzehn Jahren in einem Flüchtlingslager leben.“ Durch den Film hat ihre Geschichte ein Gesicht.

Was hat der Film mit den Eritreern in Deutschland zu tun?

Burgemeister: Es gibt in Deutschland eine große eritreische Gemeinde. Der Bruderkampf, der noch immer die Gesellschaft in ihrer Heimat prägt, bildet sich auch unter ihnen ab. Auch hier gibt es Eritreer, die sich fürchten, ihre Meinung offen zu äußern. Die eritreische Regierung behauptet zwar immer, dass alles in Ordnung sei. Doch warum haben die Menschen dann Angst?

Hatten Sie niemals das Gefühl, dass die Risiken dieses Films zu hoch sind?

Bareiss: Es gab Momente, in denen wir daran gedacht haben, das Projekt abzubrechen. Doch es kann und darf nicht sein, dass eine Handvoll Leute mit Unwahrheiten einen Film verhindert, nur weil er einem diktatorischen Regime missfällt.

Burgemeister: Es geht auch um die generelle Verantwortung, die aus unserer Meinungsfreiheit erwächst. Eritrea liegt in der Weltliga der Pressefreiheit hinter Nordkorea auf dem letzten Platz. In Eritrea kann man keinen kritischen Film drehen, wir hingegen können das. Warum sollten wir es also lassen? Wissen Sie, wir haben die eritreische Regierung und auch Eritreer in Deutschland eingeladen, sich an dem Projekt zu beteiligen und die historische Wahrheit zu erzählen. Doch wir stießen fast nur auf Ablehnung. Die wenigen Eritreer, die uns unterstützt haben, wollen namentlich nicht genannt werden, denn sie fürchten um das Wohl ihrer Familien. Das sagt doch schon alles.

Das Gespräch führten Karen Krüger und Michael Hanfeld



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Jan Roeder, REUTERS, TV60/Senator Film

 
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