07. Februar 2008 Doris Dörrie, Luigi Falorni und Rosa von Praunheim: Drei Filmemacher, die alle einen Film auf der Berlinale zeigen, reden über das deutsche Kino - und rätseln gemeinsam darüber, was für eine Generation das ist, die an den Filmhochschulen heranwächst.
Frau Dörrie, wie inszeniert es sich, wenn man die Sprache der Schauspieler selbst nicht versteht?
Doris Dörrie: Das ist eine Frage, die hat wenig mit dem wirklichen Filmemachen zu tun, denn das ist eigentlich immer etwas, was sich auch außerhalb von Sprache abspielt, wie man mit dem Schauspieler wirklich zurechtkommt, auf welcher Ebene dann wirkliche Kommunikation stattfindet. Diesmal hatte ich eine interessante Erfahrung, weil ich sehr viele Jobs gleichzeitig gemacht habe, eben auch Maske. Und als Maskenbildnerin hat man doch eine ganz andere Art von Aufregung und Beziehung, wenn man morgens so dicht an jemandem rumfummeln muss.
Rosa von Praunheim: Ist ja auch erotisch, nicht?
Doris Dörrie: Durchaus, aber auch sehr gefährlich, denn wenn man da kalte Finger hat oder etwas unangenehm physisch ist, dann ist der Tag unter Umständen schon gelaufen für den Schauspieler. Dieses ständige Rumzupfen ist ja auch etwas, was Schauspieler, je länger sie im Geschäft sind, umso weniger vertragen. Aber da war eigentlich schon immer so ein Boden bereitet für den ganzen Tag. Und für mich ist das ideale Inszenieren eigentlich etwas, was nicht mehr viel mit Sprache zu tun hat, wo man nicht stundenlang diskutieren muss und Sätze auseinandernehmen und dramaturgische Bögen erklären. Wenn es dann läuft, ein tiefes Einverständnis und ein großes Vertrauen gibt zwischen Regie und Schauspieler, das ist dann wirklich das Größte.
Rosa von Praunheim: Als ich nach Lettland in meine Geburtsstadt kam, um einen Film über meine Mutter zu machen, hatte ich sehr große Vorurteile, weil in Lettland wie in vielen Ländern im Osten ein großer Schwulenhass herrscht: In Riga war die Schwulendemonstration verboten worden, und die Kirche hat sich mit den Rechtsradikalen zusammengetan gegen Schwule. Und da gab es eine ganze Reihe von Dingen, die mir erst mal unangenehm waren, bis man dann dahin kommt, einfach die Schönheit der Menschen zu entdecken, die mir am Anfang noch fremd und verschlossen waren. Als Filmemacher kannst du das dann manchmal ein bisschen besser durchbrechen, als wenn du nur ein Tourist bist. Du kommst dann näher ran und kämpfst mehr um Dinge.
Das klingt fast, als wäre im Ausland das Leben filmischer als in Deutschland.
Doris Dörrie: Ja, das kennt jeder von uns. Der Blick wird natürlich immer schärfer, wenn die Umgebung nicht vertraut ist. Im Gegenteil muss man sich bemühen, zu Hause auch diesen scharfen Blick zu haben und den Dingen die Gelegenheit zu geben, sich zu zeigen. Das ist in einem nicht vertrauten Umfeld immer viel einfacher.
Luigi Falorni: Als Italiener in Deutschland bin ich hier sowieso entwurzelt. Außerdem komme ich vom Dokumentarischen her, und da ist eine gewisse Neugier für das Fremde mit eingebaut. Meine Erfahrung war, wenn man die Sprache nicht versteht, dass man sich plötzlich auf andere Dinge einlässt, indem man dem Ausdruck folgt, wie ein Mensch rüberkommt, wie die Sprache klingt.
Doris Dörrie: Für mich ist das kein Zufall, dass Luigi den Weg vom Dokumentar- zum Spielfilm gefunden hat, weil ich als Dozentin an der Filmhochschule immer wieder die Erfahrung mache, dass im Dokumentarfilmbereich die Studenten sehr viel genauer hinschauen und auch neugieriger sind auf Geschichten. Im fiktionalen Bereich fängt diese Formatierung ganz früh an, dass die Studenten vom ersten Tag in der Filmschule an Angst haben, in welches Format sie wohl passen. Die versuchen sehr schnell, mit Versatzstücken zu spielen, mit Zitaten zu jonglieren, und glauben kaum daran, dass man in Deutschland Geschichten finden kann. Im Dokumentarfilm hingegen, wo es sowieso so wenig Plätze und Geld gibt und die Chancen so gering sind, ist man freier zu gucken: Was interessiert mich wirklich, und was will ich erzählen?
Rosa von Praunheim: Das ist ja auch eine Generation momentan, wo alle so unheimlich nett und lieb sind und gut aussehen und Filme machen darüber, wie schwer das war mit ihren schrecklichen Eltern. Ist da wirklich Reibung, ist das nicht alles ein bisschen langweilig geworden?
Doris Dörrie: Diese Reibung versuche ich auch herzustellen. Ich habe das ganze letzte Seminar im Hofbräuhaus unterrichtet, wo die Studenten sich morgens um zehn mit den Stammgästen zusammentun mussten. Oder ich bin mit ihnen lange vor Hape Kerkeling pilgern gegangen nach Santiago de Compostela, wo die Reibung durch die eigenen Füße zustande kam und natürlich auch durch all die Verrückten, die da mitpilgern.
Rosa von Praunheim: Ich habe meine verwöhnten Studenten in die ärmste Stadt der Welt geschickt, nach Kalkutta, und habe gesagt, da geht es nicht anders, als gute Filme zu machen, weil du da erst mal vergessen musst, was du hier an Absicherung hast, und konfrontiert wirst mit anderen Menschen. Oder ich habe einen Knast gemietet und sie in Einzelzellen verfrachtet und gesagt, hier kriegt ihr einen Schauspieler und müsst euch was ausdenken. Die wollten gar nicht mehr raus aus dem Gefängnis.
Doris Dörrie: Ich habe ein ganzes Seminar in Kuba, in Havanna, unterrichtet, und da war schon sehr auffällig, dass die deutschen Studenten immer ein paar Dollar für eine Cola auf den Tisch gelegt haben und ihnen nicht bewusst war, dass ihr kubanischer Kommilitone sich niemals eine Cola leisten kann, aber sie sind dann auch nicht auf die Idee gekommen, ihm eine mit auszugeben. Das hat mich wahnsinnig irritiert und auch böse gemacht, aber irgendwann habe ich mir dann auch gedacht: Na ja, man kann es ihnen auch nur bedingt zum Vorwurf machen - das ist eben die Welt, aus der sie kommen.
Luigi Falorni: Reibung hat viele Gesichter und Formen, und in dieser Gesellschaft ist die ideologische, die politische Reibung so gut wie weg. Ob die Rechten oder die Linken an der Macht sind, ändert nichts. Die Diskussion ist aus dem Reich der Ideen gewichen, darum findet man die beste Reibung gerade in der Realität.
Rosa von Praunheim: Nehmen wir nur München. Da lächeln alle, sehen gesund aus, sind sportlich, und ich wundere mich, dass da gute Filme rauskommen. Eigentlich denkt man, man verblödet, wenn man all diese Lodenmäntel sieht.
Luigi Falorni: Ich habe gerade ein Kind, das ist ein Jahr alt, und ich habe mal etwas von der Wichtigkeit der Langeweile gelesen. Man darf ein Kind nicht ständig beschäftigen, sonst tötet man seine Phantasie. Langeweile ist phantasiefördernd. Vielleicht kommen auch deshalb so viele gute Filme aus München.
Nach diesen wunderbaren Ausflügen, die so Phantasiefeuerwerke entfachen - Kuba, Kalkutta, Santiago de Compostela -, wo bleiben die Filme, denen man diese Erfahrung irgendwie anmerkt?
Rosa von Praunheim: Ein Manko ist, dass viele auf die Filmhochschule gehen, weil sie da so gut aufgehoben sind, aber sie würden nie Filme machen, wenn sie dort nicht aufgenommen würden. Und wenn sie dann auf der Schule sind, machen sie dann wirklich nur über Förderung Filme, und wenn sie die nicht kriegen, machen sie den Film eben nicht.
Doris Dörrie: Ich finde nicht, dass die Filme komplett fehlen. Es ist doch schon eine sehr pluralistische Landschaft entstanden im deutschen Film. Da gibt es Keinohrhasen parallel zu Am Ende kommen Touristen oder zu Schöne Bescherung. Dass das nicht alles Perlen sind, ist doch logisch. Man kann nur die Welt sehen, wenn man sich seiner eigenen autobiographischen Sicht auch bewusst ist. Und trotzdem muss es ja möglich sein, dass manche sagen: Nee, interessiert mich alles nicht, ich will eben wie Roland Emmerich mit Versatzstücken und mit Technik spielen, und da möchte ich richtig klotzen. Wenn wir das immer wieder madig machen und sagen, das taugt alles nicht, dann verzichten wir insgesamt auf eine Landschaft. Den Blockbuster im Buchhandel muss es geben, damit sich das kleine Gedichtbändchen weiter herstellen lässt.
Rosa von Praunheim: Aber oft ist das ja ein Widerspruch, weil sich das kleine Gedichtbändchen eben nicht mehr herstellen lässt, wenn es nur noch Blockbuster, große Buchketten und Bestseller gibt und das andere immer mehr runtergeht.
Doris Dörrie: Man muss eben diesen Gedichtband immer weiter hochhalten.
Rosa von Praunheim: Die Leute werden doch sehr beeinflusst von der kommerziellen Filmästhetik. Und das ist die große Gefahr bei dem, was durch das kommerzielle Fernsehen auf uns zurollt, dass die Leute natürlich verblöden. Ich sehe es ja auch an meinen Studenten, das ist sicher bei dir auch nicht anders, die gehen auch nicht mehr in gute Filme.
Doris Dörrie: Die gehen gar nicht mehr ins Kino. Ich muss sie an den Haaren ins Kino zerren und muss es auch noch bezahlen. Ich habe sie alle in Persepolis geschickt, kein einziger von 35 Studenten hatte diesen Film gesehen. Da habe ich ihnen von meinem Etat die Karten bezahlt, damit sie überhaupt einen Film gesehen hatten in den letzten sechs Wochen.
Rosa von Praunheim: Ich hatte einen polnischen Studenten, hochbegabt, der hatte nie polnische Filmkunst oder Klassiker gesehen, der schwärmte für Jackie Chan. Ein Student hat mal zu mir einen Satz gesagt, den ich nie vergessen werde: Ich mag keine alten Filme. Das ist ein junger, begabter Mensch, der wirklich tolle Sachen macht, aber er mag keine alten Filme. Dahinter steht sicher: Ich mag keine alten Leute, ich mag nur Gegenwart und Zukunft. Das ist ein Satz, der mich total erschüttert hat. Das ist so, wie wenn ein Fernsehredakteur sagt: Ich mache keine künstlerischen Dokumentarfilme mehr. Das höre ich immer wieder. Das ist ein Satz, der heute so schamlos ausgesprochen wird, wie das früher keiner gewagt hätte.
Doris Dörrie: Aber ich muss sagen, ich freue mich schon wieder über so einen Satz: Alte Filme finde ich doof. Ich habe auch zu meinem Vater irgendwann so mit vierzehn mal gesagt: Goethe finde ich blöd - und dann hat er vor Wut nicht mehr mit mir gesprochen. Da lache ich dann schon wieder: So einen blöden Satz zu sagen, damit wir so richtig an die Decke gehen. Unseren didaktischen Auftrag, den erfüllen wir beide ja wirklich sehr brav, aber wichtig ist, dass so ein Talentierter, wenn er aus der Hochschule rauskommt, dann auch wirklich geschützt wird und dass dann eben nicht Fernsehredakteure kommen und das demoskopische Mittelmaß einfordern.
Luigi Falorni: Ich denke, dass all die Anforderungen durch Redakteure, Sender, Zuschauer oder sonst wen nicht unbedingt kreativitätvernichtend sind - ich glaube, Kreativität heißt auch wie bei Nietzsche: Lernen, in Ketten zu tanzen. Kreativität ist nicht: in seinem Kopf nur frei zu sein und vor sich hin zu erfinden. Kreativität ist: sich mit den Gegebenheiten der Welt, mit den Problemen des Fernsehens, der Position der Kinobetreiber, den Erwartungen der Zuschauer, sich mit allen diesen Gefügen auseinandersetzen, das ist kreativ. Und nicht sich davon frei zu machen und zu sagen: Ich bin frei und kreativ.
Rosa von Praunheim: Ob einer Flipper macht oder wie Luigi Das weinende Kamel, da ist ja schon ein Unterschied.
Luigi Falorni: Das weinende Kamel, so kompromisslos wie es vielleicht aussehen mag, ist ein Projekt, das durch viele solche Schritte entstanden ist, durch Gespräche mit einer Redaktion wie durch den Willen, an ein Publikum zu denken.
Rosa von Praunheim: Ich finde das aber gefährlich, was du sagst, denn das genau ist ja das, was alle nur noch beschäftigt: Was interessiert den Zuschauer?
Luigi Falorni: Aber die Frage, die man sich doch stellen muss, ist: Will ich diesen Film, den ich mache, auch selbst sehen? Die vielen Studenten an den Filmhochschulen, die würden doch nie in die eigenen Filme reingehen, wenn sie sie nicht selber gemacht hätten. Die schauen lieber gut verpackte Hollywood-Sachen. Ich kenne das von vielen Kollegen: Die gehen nie in einen anspruchsvollen Film, der in einem obskuren Kino läuft. Nein, man geht in Sachen, bei denen man Spaß hat. Und diese Kluft, zwischen den Erwartungen, die man an sich stellt als Regisseur, und dem eigenen Geschmack, was einen berührt und interessiert, die muss man im Griff haben als Macher. Sonst geht es nur um Luftschlösser, nicht um die Realität.
Doris Dörrie: Da ist auch immer die Frage nach der Inspiration, was inspiriert mich, also wirklich ganz streng lateinisch gesehen: inspirare - einatmen. Was brauche ich, um zu überleben, nicht nur ein Dach überm Kopf und was zu essen, sondern was brauche ich seelisch, was für Bücher, was für Kunst, was für Filme inspirieren mich? Ich glaube, das ist eine sehr entscheidende Frage ans Publikum: Was ernährt einen wirklich? Ernährt es, den hundertsten Blockbuster zu sehen? Ich glaube, dass da im Moment auch etwas in Bewegung gerät, dass gerade dieses Vorgefertigte und Formatierte auch immer mehr Unzufriedenheit produziert.
Rosa von Praunheim: Es gehen ja nur noch Senioren ins Kino. Ich wohne in Wilmersdorf-Charlottenburg, und da gibt es ein paar Kinos, und du siehst nur alte Leute so wie mich, die noch diese Gewohnheit haben, ins Kino zu gehen - weil sie vielleicht nicht wissen, wie sie eine DVD einlegen -
Doris Dörrie: - oder den Film auf ihr Handy runterladen.
Rosa von Praunheim: Genau. Und du musst wirklich fragen: Stirbt das Kino? Das wird für die Filmemacher auch die Frage sein: Wird man überhaupt noch lange Filme machen? Oder werden das nur kurze Geschichten sein, die du auf dem Handy dir anguckst? Diese Entwicklung kann ja sehr spannend sein und wirklich was Neues, Kreatives hervorbringen, aber es ist doch eine ganz große Revolution, die uns bevorsteht.
Doris Dörrie: Was die Zukunft des Kinos angeht, habe ich ein dickes Fell. Mein allererster Film 1976 war eine Dokumentation übers Kinosterben, Ob's stürmt oder schneit hieß der, über eine Kinobesitzerin in Endorf bei Rosenheim, die es irgendwie geschafft hatte, als Einfraubetrieb dieses Kino am Leben zu erhalten. Sie hat immer den merkwürdigen Satz gesagt: Mein Kino ist wie die Titanic, es will und will nicht untergehen. So habe ich angefangen, und deshalb denke ich mir, na gut, Totgesagte leben länger. Ich glaube, dass das Bedürfnis, optisch erzählte Geschichten zu sehen, bleiben wird, und das ist ja sogar sehr viel stärker geworden. Ob wir diesen dunklen, inzwischen oft auch stinkenden Ort namens Kino retten können, weiß ich auch nicht so genau. Aber ich glaube schon sehr stark an die Möglichkeit, sich immer wieder neu zu erfinden und immer wieder auch andere Plattformen sich zu erobern, weil ich ans Geschichten-Erzählen und ans Geschichten-hören-und-sehen-Wollen glaube.
Rosa von Praunheim: Das Erfolgreichste ist doch immer wieder, einen guten Film zu machen. Es gibt so viel wunderbare, gute Filme aus der ganzen Welt, die mein Leben bereichern. Und ob die nun erfolgreich sind oder nicht, ist mir erst mal egal, sondern ich bin begeistert und erzähle davon. Ich glaube, das wird es immer geben.
Doris Dörrie: Es gibt aber so einen Moment, den werden wir dann doch nicht mehr erleben. Ich war am Strand von Viareggio, als Fellini starb. Und da hat der Bademeister über sein Megaphon verkündet: Il Maestro e morto. Und dann hat er die Flagge gesenkt auf halbmast, und alle Italiener am Strand sind aufgestanden und haben sich vor dem Maestro verbeugt. Das ist eine Zeit im Kino, die vorbei ist. Dass ein ganzes Land seinen Film dermaßen schätzt und seine Regisseure und dann so ein allgemeines Bewusstsein vom Film als Kultur hat - die Deutschen haben das sowieso nie gekonnt, aber auch Italien hat es komplett versaut. Deren Kinosituation ist eine Katastrophe, die haben ihre gesamte Filmkultur aus dem Fenster geworfen zugunsten von Gameshows.
Und kennen Ihre Studenten die Filme von Fellini?
Doris Dörrie: Diese Frage stelle ich nicht mehr. Ich traue mich nicht mehr, sie zu stellen, denn die Antwort ist so deprimierend, dass ich sofort anfange zu weinen.
Das Gespräch führten Michael Althen, Peter Körte und Verena Lueken.
Text: F.A.Z., 07.02.2008, Nr. 32 / Seite 39
Bildmaterial: Berlinale, F.A.Z. - Foto Christian Thiel
