„Feuerherz“ im Berlinale-Wettbewerb

Schulfernsehen mit Kindersoldatin

Von Andreas Kilb

14. Februar 2008 Senait G. Meharis Buch „Feuerherz“ hat einen Gerichtsstreit ausgelöst. Er dreht sich um die Frage, ob die Autorin in ihrem Bericht über ihre Kindheit in Eritrea die Realität und einzelne Personen bewusst entstellt hat. Mehrere Verfahren sind derzeit anhängig. Vor dem Berlinale-Palast, in dem Luigi Falornis Verfilmung von „Feuerherz“ lief, wurden Flugblätter verteilt, in denen Zeitzeugen der eritreischen Tsebah-Schule gegen die „Schwindelgeschichten“ Meharis protestierten. Der Film, so dachte man, würde eine Reibefläche sein, an der sich all die Empfindlichkeiten, die das Buch ausgelöst hat, noch einmal entzündeten.

Aber Falornis „Feuerherz“ ist alles andere als explosiv. Es ist die biederste, naivste, oberflächlichste Leinwandversion einer Kindersoldatengeschichte, die sich denken lässt, und nur in dieser Biederkeit liegt der Skandal des Films. Das Mädchen Awet – eine erfundene, von Meharis Bericht abgerückte Figur – kommt aus der Klosterschule zu ihrem Vater, der sie zu einer Kampfeinheit der eritreischen Rebellen schickt. Die Rebellen bekämpfen sich untereinander, und Awet, die anfangs mit einem Holzgewehr, bald jedoch mit einer Kalaschnikow hantiert, sieht ihre Lagergenossen sterben, bis sie sich zur Flucht entschließt. Das ist die Geschichte, sie ist verstörend und schrecklich, aber der Film behandelt sie, als wäre sie eine Vorlage fürs Schulfernsehen, er rollt sie episodisch aus.

Zuschauen heißt mitleiden - vor allem Mitleid mit der Regie

Die zehnjährige Letedikan Micael, die Awet verkörpert, ist mit der Darstellung dieses Schicksals erkennbar überfordert, und Luigi Falorni ist mit der Aufgabe überfordert, diesem Schicksal eine Form zu geben, er hängt eine Szene an die andere, ohne dass eine Figur, eine Dramaturgie, ein erzählerischer Rhythmus entstünde. Zuschauen heißt mitleiden, aber in diesem Film hat man vor allem Mitleid mit der Regie.

Ohne die Prozesse und Proteste gegen das Buch wäre auf diesen zweiten Wettbewerbsbeitrag der Berlinale kein solches Schlaglicht gefallen, und man hätte ihn rasch vergessen. So aber erzählt uns „Feuerherz“ ein paar Dinge über das deutsche Kino, die wir ungern hören. Zum Beispiel, dass es hierzulande nach wie vor nicht möglich ist, einen Film zu drehen, der souverän über den deutschen Tellerrand hinausblickt, einen Film mit einer Haltung zur Welt, die weder herablassend noch beflissen, weder arrogant noch ahnungslos ist. Nicht, weil es die Geschichten nicht gäbe; sondern weil es die Regisseure nicht gibt, die Produzenten, das Geld, die Professionalität. Also fast alles, was man im Kino braucht.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Berlinale

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