Berlinale Wettbewerb

Hoher Schniefpegel

Von Verena Lueken

12. Februar 2008 Das Wettbewerbsprogramm ist in diesem Jahr eine besonders ruckelige Angelegenheit, nach unten. Kein Wunder, muss man sagen, denn nach oben lässt es sich kaum steigern. Bombastisch als Ereignis war die Eröffnung mit Scorsese und den Stones, danach setzte „There Will Be Blood“ von P.T. Anderson einen Maßstab, den kein Film bisher auch nur annähernd erreichte. Seitdem wirken die Beiträge zum überwiegenden Teil nichtig. Selbst mit großem Engagement gedrehte Filme scheiterten. Auch solche, auf die alle gespannt gewartet hatten, etwa Erick Zoncas „Julia“, fielen durch. Vielleicht ist es Zufall, vielleicht ein Wahrnehmungsreflex, dass es ausgerechnet zwei kleinen Filmen gelang, den stärksten Eindruck zu hinterlassen.

Der eine war der mexikanische „Lake Tahoe“, und das war, nachdem am Anfang wiederholt Schwarzbilder den Fluss unterbrachen, was meistens der Beginn einer hoch prätentiösen Sache ist, dann doch eine Überraschung. Hier war der Schwarzfilm Vorbote und Zeichen einer großen Stille, die sich im Folgenden fortsetzte und die Trauer spürbar machte, um die es in diesem Film geht. Ein Sechzehnjähriger fährt das Auto der Familie gegen einen Pfahl und macht sich auf, eine Werkstatt zu finden, die ein kaputtes Teil ersetzen kann. Seine Mutter liegt in der Badewanne und bleibt auch dort. Sein kleiner Bruder ist in ein Zelt im Vorgarten gezogen. Sie alle trauern auf ihre Art um den Vater, der offenbar kurz zuvor gestorben ist. Mehr erfahren wir dazu nicht.

Geschichten, in denen nichts weiter geschieht

Der Regisseur Fernando Eimbcke konzentriert sich auf den Jugendlichen, Juan (Diego Cataño). Dieser findet in einer Werkstatt einen alten Mann, der dort mit seinem Hund lebt. Er trifft einen anderen Jungen, der sein Auto reparieren kann. Er begegnet einem Ehepaar, das ihm kondoliert und ihm das Baseball-Trikot und den Schläger seines toten Vaters schenkt. Er backt Pfannkuchen mit seinem Bruder. Er lernt in einem Geschäft ein Mädchen kennen und beruhigt dessen Baby. Das sind so die Dinge, die geschehen, aufgenommen in langen, meist unbewegten Einstellungen, in die die Figuren hineinlaufen und wieder heraus, oder in denen sie einfach sitzen und sitzen bleiben bis zum Schnitt. In dieser Unaufgeregtheit fühlen wir die Leere, in der die Figuren ihre Trauer erleben. Fühlen, wie monströs es ihnen erscheint, dass das Leben einfach weitergeht, dass ein Hund bellt oder ein Mann Cornflakes isst, wo doch der Vater tot ist. Eimbcke findet für eines der größten Gefühle überhaupt eine minimalistische Form, das ist schon eine beeindruckende Leistung. Und er will uns nicht rühren.

Um kleine Dinge, die im Leben einer Familie irgendwo auf dem Land in der Nähe von Teheran eine große Rolle spielen, geht es in Majid Majidis „Lied der Spatzen“. Kinder wollen ein Wasserloch säubern, um darin Goldfische zu züchten. Dabei fällt das Hörgerät von Karims Tochter in den Schlamm und geht kaputt. Das ist die erste Katastrophe. Karim arbeitet auf einer Straußenfarm, und dass eines der Tiere entläuft, ist die zweite. Er verliert diese Arbeit und wird Motorradchauffeur in der Stadt. Und ausgerechnet beim Transport eines Kühlschranks gibt das Motorrad seinen Geist auf. Majidi inszeniert das nicht wie den großen Unglückseinbruch in eine Idylle, sondern als mehr oder weniger normale Härtefälle im Leben dieser Menschen. Romantisch ist an alldem gar nichts, und dass wir von diesem Alltagsfilm so eingenommen werden, hat mit dem Timing des Regisseurs zu tun. Er bleibt immer genau lang genug bei den Figuren, bei den Kindern im Wasserloch, bei Karims Frau und den Nachbarn, und bei Karim selbst, der das Zentrum ausfüllt mit seinen teilweise verzweifelt absurden Versuchen, das Leben für seine Familie ein bisschen besser zu machen. Was dabei herauskommt, ist erst mal ein hoher Schrottberg neben seinem Haus, lauter Dinge übereinandergestapelt, die noch einmal nützlich sein können und die Karim aus Teheran mitbringt. Die große Stadt ist für Karim Fundgrube von Wiederverwendbarem. Am Ende fällt er vom Schrottberg. Das war zu erwarten, aber es geht auch gar nicht um Suspense hier, sondern um diese Figuren. Da gibt es erstaunlich offenherzige Neckereien, und ein paar surreale Bilder, von den Straußen natürlich, und von Karim, wie er eine blaue Tür auf dem Rücken über ein riesiges Feld trägt. Für solche Bilder wurde das iranische Kino berühmt, und für solche Geschichten, in denen nichts weiter geschieht als das Leben.

So haben wir Japan schon oft gesehen

Doris Dörrie erzählt uns in „Kirschblüten - Hanami“ auch vom Leben und vom Tod, aber leider glauben wir weder das eine noch das andere. Eine Ehe endet mit dem Tod der Frau (Hannelore Elsner). Das Paar lebt auf dem Dorf in Bayern, die Tage verlaufen einer wie der andere, weil der Mann (Elmar Wepper) das so will. Die Frau, Trudi, wäre gern Buthotänzerin geworden und nach Japan gefahren, wo einer ihrer Söhne lebt. Allein das klingt schon sehr ausgedacht, und wenn man dann sieht, wie Trudi ihrem Mann Rudi die Hausschuhe hinstellt, wenn er nach Hause kommt, fragt man sich, ob es solche Ehen, solche Leben, eine solche Frau wirklich noch gibt? Als sie plötzlich stirbt, reist Rudi nach Japan, zieht Trudis Kleider an, um ihr zu zeigen, was sie nicht mehr sehen konnte.

So wie Wepper das spielt, könnten wir fast glauben, dass da in der Trauer ein neuer Mann in Rudi zum Vorschein kommt, der mit einer achtzehnjährigen Buthotänzerin zum Fujiyama fährt. Aber nur fast. Doris Dörrie kennt Japan gut, präsentiert es uns aber aus touristischer Perspektive, Rudi ist ja auch Tourist. Aber so haben wir Japan schon oft gesehen, und es wird nicht klar, warum uns das nun wieder gezeigt wird. Wir verstehen am Ende nicht mehr von dieser Liebe, der Trauer oder dem Tod, und das liegt auch daran, dass der Film überhaupt keine Sprödigkeit hat, die man beim Thema Tod doch erwartet hätte. Aber gerührt hat Doris Dörrie die Zuschauer schon. Es wurde laut geschnieft.



Text: F.A.Z., 12.02.2008, Nr. 36 / Seite 35
Bildmaterial: AP

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche