Verhalten auf dem roten Teppich

Auch Stars sind letztlich große Tiere

Von Cord Riechelmann

15. Februar 2008 Auch jemand, der als Verhaltensbiologe auf die Welt schaut, kann auf der Berlinale etwas sehen, dazu muss er nicht mal ins Kino. Er bleibt einfach davor stehen, am roten Teppich. Der rote Teppich ist das für jeden gleich lange Stück Weg, das Stars zurücklegen, wenn sie aus ihren Autos gestiegen sind und zwischen den Absperrgittern auf den Eingang zulaufen. Er bietet für eine Studie der unterschiedlichen Gangarten in einem bekannten oder unbekannten Terrain eine fast schon optimale Versuchsanordnung.

Mit Madonna, den Rolling Stones, Neil Young und Patti Smith waren in diesem Jahr vier Starformationen eingeladen, die alle in derselben Branche, in der Musikindustrie, ihr Geld verdienen und genügend Erfahrung mit der Kamera und dem Film gesammelt haben, um sie als vergleichbar im Sinne einer Verhaltensstudie einzustufen. Und so gleich der Weg war, den sie zurücklegten, so verschieden und doch klassifizierbar war die Art ihres Ganges.

Madonna und die Stones sind Ortskundige auf dem roten Teppich

Dazu muss man wissen, dass ein Territorium, und der rote Teppich ist für den Verhaltensbiologen auch nichts anderes, keinen festen Raum beschreibt wie einen Käfig oder ein Grundstück. Ein Territorium wird erst geschaffen. Dazu braucht es einen Raum und jemanden, der ihn zu seinem Territorium macht. Die Lebewesen, die dazu in der Lage sind, nennt man Territorialisierte - im Gegensatz zu solchen, die sich in einem Raum befinden, in dem sie sich fremd fühlen und den sie nicht zu ihrem Territorium machen können: Sie nennt man die Deterritorialisierten.

Schaut man sich die Stars an, stehen dabei auf der einen Seite die Rolling Stones und Madonna und auf der anderen Neil Young und Patti Smith. Man sieht schnell, dass Madonna und die Stones die Ortskundigen, also Territorialisierten sind und Patti Smith und Neil Young die Wegunsicheren, die Deterritorialisierten. Schon wie Mick Jagger, Ron Wood, Keith Richards und Charlie Watts aus dem Auto steigen, lässt keinen Zweifel aufkommen: Sie kennen sich hier aus. Keine Unsicherheit trübt ihren Schritt. Ihre Hände haben sie vorne an den Armen, und die Arme wissen, was sie zu tun haben. Die laufen nicht aus dem Ruder oder hängen schlaff herab wie bei Neil Young.

Bei den Stones tragen die Arme die Hände. Jagger streckt die Arme vor, Daumen und Zeigefinger weisen ins Publikum, die anderen Finger schützen die Innenhand. So patschhandmäßig, wie Neil Young alle fünf Finger und die Handfläche hochhält, würde Jagger nie winken. Richards hebt den linken Arm, Zeige- und Mittelfinger zusammen gerade, die anderen Finger angewinkelt. Watts verschränkt seine Hände hinter dem Zweireiher im Rücken. Er braucht sie ja später noch beim Trommeln, einer ernsten und ehrlichen Arbeit, wie er mit jeder Geste zu verstehen gibt.

Neil Young geht zwar gelassen, aber er bleibt verwirrbar

So individuell verschieden die Stones mit ihren Händen verfahren, so gleich ist ihre Sicherheit, mit der sie Arme und Hände buchstäblich handhaben. Die vier haben ihren Körper zu ihrem Territorium gemacht, sie müssen nicht mehr fliehen, sie sind überall zu Haus. In ihrem Körper gibt es für sie keine unbekannten Wege mehr. In dieser Sicherheit werden sie nicht mal von Madonna übertroffen, für die die gleiche Diagnose gilt.

Madonna geht in der gleichen Weise sicher durch den Garten ihres Körpers, nur wirkt sie strenger. Ihr Gang hat wegen ihrer Absätze etwas Technisches, ewig Angespanntes. Die Lockerheit eines Keith Richards gehört nicht zu ihrem Körperprogramm. So sicher ist sie sich noch nicht. Man sieht ihren Bewegungen die Angst an, vielleicht doch etwas in ihrem Territorium übersehen zu haben, das ihr unbekannt geblieben ist. Trotzdem scheint sie immer zu wissen, wo sie gerade ist.

Das kann man von Neil Young nicht sagen. Schon das Auto, aus dem er steigt, hat nichts mit dem Körper zu tun, den er mit sich herumschleppt. Sein Körper ist für ihn so fremd, so voller Überraschungen geblieben wie in gewisser Weise wohl die ganze Welt. Obwohl er schwer an ihm zu tragen hat, fehlt ihm alles unbeweglich Dickköpfige. Er schiebt sich nicht hart und geduldig wie ein Politiker oder Bauer durch die Menge, der misstrauisch die Reaktionen der Leute registriert. Er geht zwar gelassen, er hat schon viel gesehen, aber er bleibt verwirrbar. Er scheint zu wissen, dass unbekannte Dinge jederzeit auch ins bekannte Terrain einfallen können. Genauso wie Patti Smith.

Patti Smiths Gang hat etwas von der Unsicherheit eines Kindes

Sie geht nicht so sicher-locker wie Mick Jagger oder so angespannt wie Madonna. Sie geht, als ob sie damit rechne, dass sich jederzeit vor ihr die Erde auftun könnte und sie dann weg wäre. Ihr Gang hat etwas von der Unsicherheit eines Kindes, das sich aus Selbstüberschätzung zu weit aus dem Garten gewagt hat. Und wie ein Kind, das im Dunkeln singt, um sich zu beruhigen, sang sie sich am Ende ihrer Pressekonferenz mit „My Blakean Year“ aus der Fremde nach Hause, in ihr Lied.

An William Blake, den Smith seit Jahren verehrt, wie sie Arthur Rimbaud und Bertolt Brecht verehrt, konnte man den Unterschied von Patti Smith und Mick Jagger ablesen. Auch Jagger hat einmal Blake zitiert, vor vielen Jahren im Londoner Hyde Park anlässlich eines Konzertes der Rolling Stones zu Ehren ihres damals verstorbenen Gründungsmitglieds Brian Jones. Von der Verunsicherung aber, die dessen Tod damals in das Lied der Stones getragen hat, ist heute nichts mehr geblieben. Die Lieder der Stones gehen wie ihre Körperhaltung nicht mehr über ihr Territorium hinaus. Die Rolling Stones bleiben immer zu Hause, während Patti Smith ab und an ihr Haus verlässt und unsicher wird. Dass man dabei trotzdem nie das Gefühl hat, einer hilflosen Person zuzusehen, hat damit zu tun, dass man schnell merkt, dass sie die Dunkelheit kennt und sich zu helfen weiß.

Das machte ihren Gang merkwürdigerweise souveräner als den kontrollierten Schritt Madonnas. Die sicheren Bewegungen auf dem Gebiet, auf dem sie sich auskannten, der Gesang und das Gitarrenspiel, standen bei Patti Smith und Neil Young neben den Unsicherheiten ihres Körpers wie zwei gleichzeitig nebeneinander mögliche Ausdrucksformen ein und derselben Seele. Beide hatten ihre Territorialität und ihre gleichzeitige jederzeit mögliche Deterritorialisierung weder dialektisch versöhnt noch das eine über das andere siegen lassen - anders als Madonna oder die Rolling Stones.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS

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