Berlinale-Wettbewerb

Hongkonger Langfinger

Von Verena Lueken

13. Februar 2008 Das Licht ist samtig, die Musik aus den Siebzigern, und ein Gangster sitzt in seinem Zimmer in der Sonne und näht einen Knopf an sein Jackett. Dann fliegt ein Spatz durchs Fenster, und finge der Gangster, der sich als Taschendieb entpuppt, jetzt an zu singen, wunderten wir uns nicht. So leicht, so musikalisch in allen Einzelheiten beginnt Johnnie Tos Wettbewerbsbeitrag „Man Jeuk“ („Spatzen“ - in Hongkong, berichtet der Regisseur, werden umgangssprachlich die Taschendiebe so genannt), und so geht er weiter für 87 Minuten, mit einem traumhaften Timing und Ansichten von Hongkong, wie wir sie im Kino von Paris gewöhnt sind, vielleicht noch von New York beim frühen Woody Allen.

Der Mann vom Anfang nämlich, Kei (Simon Yam), ist Teil einer Vierergruppe von Taschendieben, und wenn er nicht arbeitet, fährt er mit dem Fahrrad durch die Stadt und fotografiert mit einer alten Spiegelreflexkamera Häuser, Straßenszenen und auch die zarte Chun Lei (Kelly Lin), die immer auf der Flucht ist, verfolgt von mindestens zwei Männern.

Hier wird mit Kunst gestohlen

Chun Lei ist eigentlich auch ein Spatz oder eine Prinzessin in Prada, und wie sie die vier Diebe kennenlernt, wie diese dann dafür bezahlen, wie alles zuläuft auf ein Ballett von Taschendieben im Regen, nachts unter riesigen schwarzen Schirmen, die Chun Leis Reisepass von einem zum anderen gleiten lassen, Taschen aufschneiden, Hosenbeine abtrennen und mit einem Schwung der Schirme ihr Gegenüber blind spritzen - das inszeniert To mit der gleichen Sorgfalt und den gleichen Mitteln, mit denen er sonst schon so häufig Massaker, Schießereien, Kampfszenen jeder Art gefilmt hat, verlangsamt, nah, so dass wir sehen können, mit welcher Kunst hier gestohlen wird.

Es geht um nichts in diesem Film außer um eine Märchengeschichte und all die Szenen, aus denen sie sich zusammensetzt - auf dem Dach, am Spieltisch, in der Nudelküche. To erzählt ausschließlich über seine Bilder und die Musik, und er zeigt uns deutlich seine Verehrung für Jacques Demy und seine „Regenschirme von Cherbourg“, auf Chinesisch halt. „Man Jeuk“ ist eine Überraschung im Wettbewerb in Berlin, leichthändig, stilsicher und ohne Sinnhascherei jenseits davon, was er ist.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

 
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