Kampfflieger

Harte Landung im Ruhestand

Von Johannes Lieb, Rosenstein-Gymnasium, Heubach

Arbeitet in Höchstgeschwindkeit: Tornado-Pilot

Arbeitet in Höchstgeschwindkeit: Tornado-Pilot

20. Juni 2008 Alles vibriert, wie bei einem Erdbeben. Der ohrenbetäubende Lärm ist kaum auszuhalten. Die Sonne strahlt, und die eisig kalte kanadische Luft riecht stechend nach Kerosin. Im olivgrünen Tornado jagt der dunkelhaarige Kampfjetpilot Axel Thumm mit rund 300 Stundenkilometer über den trockenen, rauhen Asphalt der in Labrador, im Südosten Kanadas, liegenden Start-und-Lande-Bahn. Langsam zieht er den schwarzen Steuerknüppel nach hinten; der 30-Tonner steigt in die Lüfte. Und dann? Frei sein. Fliegen.

Einmal mehr lässt der großgewachsene 44 Jahre alte Königsbronner die ihm alles abverlangenden Situationen vor seinem geistigen Auge Revue passieren: wie er im engen Jet sitzt, vor ihm Hunderte kleine Schaltknöpfe, Hebel und Kompasse, rechts und links dicke weiße Cumuluswolken, an denen er mit 1,5-facher Schallgeschwindigkeit, also etwa 1850 Stundenkilometern, vorbeirauscht. Über sechs G pressen seinen in feuerfeste Unterwäsche und einen orangefarbenen Fliegerkombi gepackten muskulösen Körper in den harten Schleudersitz des mit vier scharfen Bomben und zwei Raketen ausgerüsteten Kampfjets. Mit einem Kribbeln im Bauch bringt er den 100 Millionen Euro teuren Jet im Sturzflug aus dem dichten Wolkenmeer auf gerade einmal noch 30 Höhenmeter herunter, und plötzlich hat er durch das verspiegelte Visier des Camouflage-Helms, das seine buschigen Augenbrauen und seinen Dreitagebart verdeckt, freie Sicht auf die atemberaubende Seenlandschaft.

Vier Jahre Ausbildung in Amerika

Thumm öffnet langsam seine dunkelbraunen Augen und gelangt vom Schleudersitz zurück auf die alte Eckbank in seiner Eigentumswohnung in Königsbronn, einer 7000-Einwohner-Stadt auf der Schwäbischen Alb, etwa 90 Kilometer östlich von Stuttgart. "So knapp über solch ein Gebiet hinwegzufegen, dass ist das absolut geilste Gefühl der Welt." Doch dieses Gefühl ist für ihn seit drei Jahren nur noch Erinnerung.

Bereits als Junge wollte Thumm hoch hinaus. "Sicherlich auch ein wenig angetrieben durch die Begeisterung meines Vaters für Modellflugzeuge, hatte ich schon damals nur ein Ziel: Fliegen. Dafür wäre ich auch an den Südpol gezogen", sagt der sympathische Hobbykoch. Nach dem Abitur bewarb er sich bei der deutschen Luftwaffe. Entscheidend war das Auswahlverfahren in Fürstenfeldbruck bei München, das er unter zahlreichen Kandidaten als Lehrgangsbester absolviert habe. Dies öffnete Thumm den Weg zu einer zwei Millionen Euro teuren Ausbildung zum Jagdbomber in Texas. Nach vier harten Jahren in den Staaten kehrte er als 26 Jahre alter Elite-Tornadopilot zurück nach Deutschland zur Luftwaffensicherungsstaffel in das Jagdbombergeschwader 34 in Memmingen. Von diesem Zeitpunkt an verdient er 3200 Euro netto monatlich.

Sechs Freunde hat er verloren

Das Training der zwölf Tornado-Piloten des Geschwaders findet zu dieser Zeit hauptsächlich in den unbewohnten Weiten Kanadas, in denen man bis zu 30 Meter tief fliegen darf, statt. Denn in dieser Einsamkeit können sich die Tornado-Piloten, die zur schnellen Zerstörung von Bodenzielen eingesetzt werden, ideal auf die Kriegssituation vorbereiten. "Bei der Geschwindigkeit in der Höhe reicht ein Fehler, und du segnest das Zeitliche." Sechs gute Piloten und Freunde aus seinem Geschwader lägen aufgrund von Unachtsamkeiten bei solchen Trainingsflügen bereits unter der Erde.

Der Hobby-Angler betrachtet mit Tränen in den Augen das alte Gruppenbild seines Geschwaders. Neben den Bildern von verschiedenen Kampfjets stehen eine Vielzahl von aufwendig zusammengebauten Modellflugzeugen in einer großen Vitrine. "Ich hatte auch schon eine Atombombe im Bauch meines Tornados, bin aber gottfroh, dass sie nicht weiter benötigt wurde", sagt der Sportschütze. Überhaupt dankt er Gott noch heute, dass sich Deutschland während seiner Zeit als Kampfjetpilot, bis auf den Kosovo-Konflikt, an keinem Krieg beteiligte.

Jetzt ist Zeit für eine Beziehung

"Im ehemaligen Jugoslawien haben wir den Amerikanern den Luftraum freigehalten, indem wir die feindlichen Radar- und Luftabwehrstationen bekämpften", berichtet er nachdenklich und fügt hinzu, dass seine serbische Freundin exakt aus dieser Region stamme, die er damals bombardierte. Die dunkelhaarige Frau lernte er vor zwei Jahren in ihrem Eiscafé kennen. Frühere Beziehungen seien immer wieder gescheitert, weil er des Öfteren aus Sicherheitsgründen nicht einmal seiner Partnerin sagen durfte, wo er am kommenden Tag sein wird. "So hat es doch etwas Positives, dass ich seit über drei Jahren nicht mehr fliegen darf, jetzt habe ich wirklich Zeit für Frauen und für meine Hobbys", sagt der Frührentner und denkt dabei stolz an seine Waffensammlung, die in seinem großen schwarzen Safe lagert.

Wie die meisten Kampfjetpiloten redet Thumm nicht gern darüber, dass in Deutschland aufgrund der enorm hohen physischen Ansprüche nach nur 15 Jahren ultimativer Fliegerei mit 41 bereits alles vorbei ist. "Erst kürzlich hat sich ein ehemaliger Kollege von mir die Pulsadern mit einem Küchenmesser aufgeschnitten. Er kam wie so viele von uns einfach nicht damit klar, dass der Traum ausgeträumt ist. Mein Leben lang hab' ich außer Fliegen nix gelernt. Was soll ich jetzt schon groß anfangen?" Heute bekommt er eine Rente von 2200 Euro netto im Monat.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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