Von Karoline Utz, Trifels-Gymnasium Annweiler
18. Juni 2008 Alle 50 Meter steht ein blauuniformierter Polizist am Straßenrand. Sie haben neonrote Stäbe in der Hand und scheuchen mit Hilfe ihrer Trillerpfeifen jeden Autofahrer weg, der am Straßenrand halten will. In Tscholponata, einem kleinen Badeort am Yssykköl, einem See in Kirgistan, wird der kirgisische Präsident Kurmanbek Bakijew erwartet.
Knapp zwei Stunden verteidigen die Polizisten den Straßenrand, da kommt die Durchsage: Alle Autos von der Straße runter. Jetzt haben die Blauuniformierten alle Hände voll zu tun, um jeden Autofahrer am Straßenrand zum Stehen zu bringen. Und da kommt auch schon der Präsident: vor und hinter seinen Autos, drei weißen Toyota Landcruisern mit komplett verdunkelten Scheiben, jeweils ein Polizeiauto mit Blaulichtern und Martinshorn. Mit halsbrecherischer Geschwindigkeit jagen sie über die geleerten Straßen in Richtung Feriengelände des Präsidenten.
Der Präsident ist immer präsent
Die Ferienanlage ist durch hohe Mauern und Wachpersonal an den beiden Aus- und Eingängen gesichert. Rein kommt nur, wer eine Bescheinigung hat, dass er in der Ferienanlage wohnt. Haus, Park und Strand des Präsidenten sind mit einem Zaun und einem Soldaten an der Einfahrt vom Rest der Urlauber getrennt. Die Bodyguards, Soldaten, Chauffeure, Ärzte, Polizisten und anderes Personal, das den Präsidenten und seine Familie auch in den Urlaub begleitet, leben währenddessen im Aufenthaltsbereich der normalen Urlauber.
Deshalb wimmelt es am Strand nur so von Bodyguards und Soldaten in Badehose, die aber wegen ihres Bereitschaftsdienstes über der Badehose einen Gürtel tragen, in dem eine Pistole und ein Walkie-Talkie steckt. Ständig klingelt irgendwo ein Handy oder knackst ein Walkie-Talkie, aus dem dann für die ganze Umgebung vernehmbar erzählt wird, wohin der Präsident gerade in Bewegung ist.
Badendes Liebespaar mit Bodyguards
"Obwohl der Präsident gerade mal durch einen Zaun getrennt 100 Meter von meinem Zimmer entfernt schläft, kontrolliert man hier nicht streng, wer da während der Anwesenheit des Präsidenten in der Ferienanlage Urlaub macht. Die sind unglaublich unvorsichtig hier", meint ein braungebrannter Mittvierziger. Er sitzt in einem Liegestuhl in der prallen Sonne am Strand. Schmunzelnd erzählt er, dass er unter falschem Namen hier ist. Er kommt aus Deutschland und hat wegen seiner russlanddeutschen Herkunft gute Kontakte hier in Kirgistan. Deshalb hat man ihm auch geraten, nicht seinen deutschen Namen zu nennen, denn sonst müsste er gleich mindestens den doppelten Preis für die Nacht zahlen. Beim Anmelden hat er keinerlei Papiere vorzeigen müssen; er hat sich einfach mit dem Nachnamen eines Bekannten angemeldet.
Während er noch erzählt, läuft an ihm ein Pärchen händchenhaltend vorbei. Auffällig an den beiden ist, dass sie ihre Badetücher über den Kopf gezogen haben und von vier Bewaffneten mehr oder weniger auffällig eskortiert werden. Kaum sind beide im Wasser, kreisen die Bodyguards auf ihren Jet-Skis um die beiden. Sie schwimmen zu der Segelyacht die etwa 200 Meter vom Ufer entfernt vor Anker liegt. Auch als sie davonsegeln, weichen die Jet-Skis nicht von ihrer Seite. Andrej Svinkin, der Fahrer der Frau des Präsidenten, der nebenan auf seinem Handtuch in der Sonne liegt, erklärt: "Das ist der Sohn Bakijews mit seiner Freundin."
Lass uns in Ruhe!
Zwei Tage bevor der Präsident ankommt, fangen am Strand Übungen zur Sicherung des Präsidenten an. Der Teil der Leibwache, der schon aus der Hauptstadt Bischkek angereist ist, übt mit Taucherausrüstungen das Sichern des Schiffes, das dem Präsidenten während seines Aufenthalts zur Verfügung steht. Zumindest sollten sie es. Aber anstatt, wie ihr Vorgesetzter verlangt, unter dem Schiff durchzutauchen, um im Ernstfall das Schiff unterhalb der Wasserlinie zu untersuchen, tauchen sie am Ufer entlang und suchen nach verlorenen Schmuckstücken und Geld auf dem Grund.
Ihr Vorgesetzter steht schreiend und fluchend am Ufer, aber niemand beachtet ihn. Einer der Taucher kommt an Land. "Du Idiot!", legt der Vorgesetzte los. "Wieso verschwendest du unnötig den Sauerstoff? Ist es denn so schwer zu kapieren, dass ihr unter dem Schiff durchtauchen sollt?" "Jetzt hab dich nicht so!", entgegnet der Bodyguard, während er sich bemüht, den Neopren-Anzug auszuziehen. "Wer braucht den Scheiß? Du weißt doch, dass wir's können. Lass uns in Ruhe!"
Plötzlich wird er zahm
Abends im Hotel hat der Chauffeur des Präsidenten, Nurlan Tschusupow, eine Auseinandersetzung mit zwei Zimmermädchen. Sie wollen, dass er in ein Zimmer nebenan umzieht, um für eine Familie zwei nebeneinanderliegende Zimmer freizumachen. Der Chauffeur, er ist schon relativ betrunken, weigert sich standhaft. Er wird beinahe handgreiflich. Währenddessen verlässt einer seiner Kollegen das Zimmer. Auf dem Flur führt er ein kurzes Telefonat. Kaum hat er aufgelegt, klingelt das Handy des Chauffeurs. Der Präsident ist dran.
Plötzlich ganz zahm geworden, antwortet der Chauffeur: "Einen Moment, ich bin gleich da." Er haucht seinen Zimmernachbarn an: "Riecht man, dass ich getrunken hab'?" Mit einem Kaugummi eilt er davon. Eine viertel Stunde später ist er wieder da. Grinsend erzählt er: "Ich bin vorgefahren, da sagt Bakijew, ich soll reinkommen. Drinnen hat er mir ein Glas Wodka eingeschenkt und gesagt, ich soll mir 'nen schönen Aufenthalt machen und mich ordentlich benehmen." Jetzt dürfen die Zimmermädchen auch seine noch unausgepackten Koffer in das Zimmer nebenan bringen.
Viel gesehen und viel erlebt
Am Tag der Abreise sitzt Andrej Svinkin am Strand. Im Großen und Ganzen ist er zufrieden mit seinem Job. "Sicher, ich bin kaum zu Hause, aber ich bin geschieden, meine Kinder sind beide schon verheiratet." Dafür hat er fast das ganze Land durchquert, viel gesehen und noch mehr erlebt. Mit umgerechnet etwas mehr als hundert Euro im Monat verdient er sehr gut. Ein Normalverdiener muss im Vergleich dazu mit etwa 50 Euro im Monat auskommen.
Sein Handy klingelt, er nimmt ab. "Alles klar, ich komme." Seine Chefin, die Frau des Präsidenten, verlangt nach ihm. Zehn Minuten später steht er mit einem schwarzen Mercedes SLK vor dem Gebäude, in dem der Polizist wohnt, der ihn immer begleitet. "Die Frau des Präsidenten will die zeitraubende Fahrt zurück nach Bischkek nicht auf sich nehmen. Sie fliegt. Das heißt, sie ist in zwei Stunden in Bischkek am Flughafen, und ich muss sie dort abholen. Ich muss also die Strecke, für die man mit dem Auto vier Stunden braucht, in zwei Stunden schaffen." Auf derselben Strecke ist vor einigen Jahren der Chauffeur des damaligen Präsidenten tödlich verunglückt, da er mit extrem überhöhter Geschwindigkeit versuchte, rechtzeitig in der Hauptstadt zu sein, um den Präsidenten vom Flughafen abzuholen. (Die Namen der Chauffeure sind geändert.)
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Illustration Moni Port, Labor Frankfurt