Behinderung

Balanceakt mit Holzbein

Von Eva Schruff, Hermann-Josef-Kolleg, Steinfeld

04. Juli 2008 Das Bein war nicht mehr zu retten. Einfach über dem Knie abgerissen", sagt der heute 84 Jahre alte Hubert Sigel aus dem Eifelort Blankenheim. "Ich stand an der Dreschmaschine und wollte eigentlich nur das heruntergefallene Stroh aufheben, als mein linker Fuß in der Walze hängenblieb. Das war alles." Das war am 23. Dezember 1954. Sigel kann dennoch auf ein eigentlich ganz normales Leben zurückblicken. Allerdings nicht dank moderner medizinischer Technik oder besonders engagierter Therapeuten, sondern dank seiner Willenskraft.

Noch im Krankenhaus beschließt der damals 32 Jahre junge Mann, nicht im Rollstuhl sitzen zu wollen. "Da bist du ja ständig auf andere angewiesen", sagt er etwas unwirsch. Überhaupt will er nichts davon wissen, dass er es sich im Leben ja eigentlich viel einfacher hätte machen können. Er hätte den Bauernhof seiner Eltern verkaufen anstatt übernehmen können, um sich dann in den Rollstuhl zu setzen und den ihm angebotenen Bürojob anzunehmen.

Aber Sigel weigert sich. Er will sein normales, sein altes Leben zurück. Deshalb bringt er sich selbst das Gehen mit der Prothese bei, geht stundenlang im Stall auf und ab, um das Nichthinfallen zu üben, und beginnt nur ein Jahr nach dem Unfall wieder mit der Hofarbeit. Und das alles mit einem schlichten Holzbein, das nur mit einem Bauchgurt befestigt und mit einer Art Schaft an den Stumpf angepasst ist.

Das Laufen mit dieser Art Prothese erweist sich als Balanceakt, da das "Knie", eine Art Scharnier, ständig droht, nach hinten wegzuknicken. "Auf den Mond klettern, das konnten die, aber ein vernünftiges Knie machen, das konnten die nicht", berichtet er leicht verärgert. Jeder Schritt fordert Konzentration und Vorsicht - wie beim Balancieren eben. Insbesondere bei der körperlich schweren Arbeit stellt das Holzbein eine enorme Belastung dar.

Erst vor drei Jahren wird er durch Fernsehberichte auf Prothesen mit elektronischem Kniegelenk aufmerksam, die beim Laufen sozusagen mitdenken und sich der Schrittlänge anpassen. Er spricht seinen Orthopädietechniker darauf an. "Ich durfte dieses moderne Hightech-Bein sogar drei Wochen lang zu Hause ausprobieren", berichtet Hubert Sigel begeistert. "Danach war für mich klar, dass ich so eins unbedingt haben will." Sein erster Antrag auf Finanzierung der Prothese, die sich preislich immerhin im zweistelligen Tausenderbereich befand, wurde zunächst mit der Begründung, er sei schon zu alt, eine solche Investition lohne nicht mehr, abgelehnt. Erst nachdem er mehrmals Widerspruch eingelegt hatte, kam es zu einer Art Kompromiss: Sigel soll als Bedingung für die Finanzierung der Prothese eine sogenannte Gehschule besuchen, damit sich sowohl Ärzte als auch Therapeuten überzeugen können, ob er mit einer so modernen Prothese in seinem Alter überhaupt noch zurechtkommt.

"Die Therapeutin in der Gehschule war schon ziemlich radikal. Treppe rauf, runter, verschiedene Parcours, kaum Pausen - die hat wirklich alles versucht, um einen Grund zu finden, mir das Bein nicht zu geben. Ich wohne zwar in der Eifel, aber ich bin deswegen noch lange kein Hinterwäldler", sagt er verschmitzt. Das Durchhalten hat sich gelohnt. Die Finanzierung der Prothese wurde aufgrund seiner guten körperlichen und geistigen Verfassung bewilligt. Seit Dezember 2005 hat Sigel seine neue Prothese, die ihm das Laufen und das gesamte Leben ungeheuer erleichtert. Der alte Mann mit den Lachfalten um die blauen Augen lächelt zufrieden: "Man muss eben für das kämpfen, was einem wichtig ist, und darf nicht einfach aufgeben. Geschenkt kriegt man heutzutage nämlich gar nichts."



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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