Kardinal Scola

Papabile

Von Heinz-Joachim Fischer, Rom

30. Januar 2005 Unter den italienischen Bischöfen ist er der einzige „Patriarch“: der von Venedig - außer dem Papst, dem „Patriarchen des (lateinischen) Abendlands“. Angelo Kardinal Scola erzählt das in seinem Amtssitz neben San Marco, der fast orientalischen Kuppelbasilika neben dem Dogenpalast, weil es ihn freut, daß die Venezianer stolz darauf sind.

Erst vor kurzem habe das eine Frau richtiggestellt: „Wir haben nicht einen Bischof, sondern einen Patriarchen!“ Das war in einem „Vaporetto“, dem „Dampf-Bus“ der einzigartigen Lagunenstadt. Natürlich benutzt der Patriarch die öffentlichen Verkehrsmittel. Als Sohn eines Lastwagenfahrers kennt er auch sonst keine Berührungsängste.

Kraftvoll und entschieden

Außerdem erhielt Venedig den „Patriarchen“ geschenkt, vom nahen Grado/Aquilelia älterer Tradition, im 15. Jahrhundert, als das Oströmische Reich der christlichen Byzantiner mit Konstantinopel von den Türken zerstört wurde (1451/1457). Aber der 63 Jahre alte, kraftvoll und entschieden wirkende Kirchenmann will gar nicht zu sehr in der Kirchengeschichte zurückblicken, sich in schwierigen Zeiten mit Historischem trösten - wozu in Venedig viel Grund bestünde.

Aber natürlich kann der am 7. November 1941 im lombardischen Städtchen Malgrate nördlich von Mailand bei Lecco geborene Kardinal nicht verhindern, daß man in dem Palazzo die Porträts seiner patriarchalen Vorgänger nachdenklich, wenn auch aus zu vermeidender Verlegenheit nur kurz betrachtet.

„Ahnengalerie“ der Päpste

Nehmen wir nur die letzten hundert Jahre: Da ist Giuseppe Sarto, der als Papst Pius X. von 1903 bis 1914 die Kirche regierte; da Angelo Roncalli, der spätere freundliche Johannes XXIII. (1958 bis 1963), und schließlich der „Kurz-Papst“ von 1978, Johannes Paul I., Albino Luciani. Schauen wird man noch dürfen. Aber gesprochen wird über die „Ahnengalerie“ und darüber, daß auch jetzt in Venedig ein „Papabile“, ein Kandidat für die Papst-Nachfolge amtiert, nicht. Schließlich kann man die besonderen Vorfahren nicht abhängen.

Über seine tägliche Arbeit spricht der Patriarch am liebsten. Wie er mit seinen Priestern etwa den sonntäglichen Kirchbesuch konsolidieren will, immerhin 20 Prozent, gegenüber 80 in seiner Jugend. Was er mit dem neuen Bildungszentrum „Marcianum“ neben der weltbekannten Kirche Santa Maria della Salute vorhat, für künftige Priester, für Studenten aus dem östlichen Europa, für den Dialog mit dem Islam.

Gebildet und weltoffen

Für seine eigene kirchliche Karriere findet er nur wenige Worte: 1970, mit 28 Jahren, Priesterweihe nach einem auch politisch bewegten, gegen linksextremistische Bedrohungen durchgesetzten Studium (Politische Philosophie und Moraltheologie), Engagement in der Laien-Bewegung „Gemeinschaft und Befreiung“, weitere Studien und Universitätsseelsorge im schweizerischen Freiburg, München und Paris, Professor in Rom, 1991 Bischof im Toskana-Bistum Grosseto, 1995 Rektor der römischen Lateran-Universität, Januar 2002 Patriarch, Oktober 2003 Kardinal.

Dann spricht der gebildete und weltoffene Lombarde in der Stadt des heiligen Markus von der Zukunft des Christentums, von der guten Botschaft für die Menschen und ihre Gemeinschaft vor Gott. Und plötzlich vermittelt der Patriarch den Eindruck, daß die katholische Weltkirche mit dem Zentrum in Rom unter dem Papst das Beste vielleicht noch vor sich hat.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.01.2005, Nr. 25 / Seite 10
Bildmaterial: AP

 
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