Garri Kasparow

Hitzkopf auf allen Feldern

Von Melanie Amann

Schachkarriere geplant, in der Politik am improvisieren: Garri Kasparow

Schachkarriere geplant, in der Politik am improvisieren: Garri Kasparow

21. Juli 2008 Es muss nicht immer die große Politik sein. An diesem Tag ist Garri Kasparow in das Moskauer „Haus der unabhängigen Presse“ gekommen, um gemeinsam mit Oppositionskollegen zu Spenden für ein Museum über Menschenrechtsverletzungen in der Sowjetzeit aufzurufen. Seine Oppositionskollegen murmeln ihre Appelle in die Mikrofone. Erst als Kasparow, einst Schachweltmeister und jetzt Berufspolitiker, das Wort ergreift, kommt Leben in die Runde. Wie ein Maschinengewehr rattert er los, mit zornigem Blick und vorgerecktem Kinn. „Sogar die Millionäre in unserem Land haben Angst, für kritische Projekte zu spenden! Die Krise dieses Museums zeigt, wie es um unsere politische Kultur steht.“

Wenn es um seine Überzeugung geht, macht Garri Kasparow keine halben Sachen. Sein ganzes Leben hat der Schachweltmeister aus Aserbaidschan gekämpft: gegen Menschen und gegen Computer, am Schachbrett wie in den Schachverbänden, in Fernsehstudios und auf Straßendemonstrationen. Im Schach hat er alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. In der Politik steht Kasparow noch am Anfang, und seine Chancen sind bescheiden.

Heiße Diskussionen in der Küche

„Ich war schon immer ein ,political animal‘“, sagt er nach der Pressekonferenz in Moskau, während er versucht, auf den harten Holzstühlen des Pressecenters eine halbwegs bequeme Position zu finden, immer im Blick seines bulligen, kurzgeschorenen Leibwächters. „Mein Opa war Kommunist, und mein Onkel war ein Kritiker des Sowjetregimes. In unserer Küche hing eine große Weltkarte, und es wurde immer heiß diskutiert.“

Mit fünf brachten seine Eltern dem kleinen Garri die Schachregeln bei, mit zehn ging er bei einem Schachweltmeister in die Lehre, mit zwölf wurde er sowjetischer Juniorenmeister, und 1980 wurde er mit 17 Jahren der jüngste Großmeister der Welt. Spätestens dann musste das Schach-Wunderkind entscheiden, wie es zum System der Sowjetunion und ihren Schach-Apparatschiks stand, die festlegten, wer gegen wen antreten durfte. „Mir war klar, ohne die Hilfe der Funktionäre würde ich nie aufsteigen.“ Bis 1990 war Kasparow Mitglied der Kommunistischen Partei.

1984 begann er ein wahnwitziges Duell mit seinem größten Rivalen Anatolij Karpow, das nach 48 Runden und 300 Spielstunden vom Weltschachverband FIDE abgebrochen wurde – zum Schutz von Karpow, ist Kasparow noch heute überzeugt. Doch am November 1985 besiegte er Karpow und errang mit 22 Jahren den Weltmeistertitel. Fünf Jahre später stand Kasparow auch an der Spitze der Weltrangliste – seine „Elo-Zahl“, eine Punktzahl auf der Basis seiner Turnierteilnahmen und Siege, bleibt unübertroffen. „Kein anderer ist so bekannt, so charismatisch, so kreativ am Brett“, jubelte die Schachpresse.

Der Angriffspieler scheitert an Deep Blue

Kasparow spielte dynamischer als die Gegner und immer auf Angriff. Und der ganze Körper spielte mit: Er raufte sich die Haare, rollte mit den Augen und murmelte zu sich selbst. Nach Partien erlaubte er sich auch mal markige Sprüche über seinen Gegner. „Waleri Salow hat mit dem Läufer auf d4 geschlagen, das ist ein homosexueller Zug“, lästerte er 1999. „Ich habe das männliche e6 gespielt.“ Der Hitzkopf scheute keine Herausforderung. Als erster Sojwetbürger gab er dem „Playboy“ ein Interview, und mehrfach trat er gegen die neuesten Schachcomputer an. „Deep Thought“ konnte er 1989 noch bezwingen, doch an dem IBM-Modell „Deep Blue“ scheiterte er 1997. Drei Jahre später knöpfte ihm dann auch ein menschlicher Gegner, Wladimir Kramnik, seinen Weltmeistertitel ab – den hatte der Weltschachverband ihm offiziell schon Jahre vorher aberkannt, nach heftigen Querelen. „Heute ist das Kapitel Schach für mich abgeschlossen“, resümiert Kasparow. Zum Spaß spiele er manchmal noch im Internet.

Nachdem er im Verband den Kampf gegen das System geprobt hatte, war Kasparow bereit für größere Gegner. 2004 gründete er mit russischen Oppositionellen das „Komitee 2008“, das eine Wiederwahl von Präsident Putin verhindern sollte, 2005 rief er die „Vereinigte Bürgerfront“ ins Leben und wurde kurz darauf ein führendes Mitglied im Oppositionsbündnis „Das andere Russland“. Für die zweite Karriere musste er neue Spielregeln lernen. „Meine Schach-Laufbahn habe ich so weit wie möglich geplant. Und ich konnte mein aggressives Naturell ausleben“, sagt er. In der Politik müsse er sich auf seine analytischen Fähigkeiten konzentrieren. „Ich bin sehr vorsichtig geworden. Auf diesem Spielfeld steht mein König immer ungeschützt.“

Ausgeladen von Christiansen

Kasparows Gegner verüben zum Teil skurrile Angriffe auf ihn, zum Beispiel schmetterte ihm 2005 ein Putin-Getreuer ein Schachbrett auf den Kopf. Doch es geht auch härter: Durchsuchungen der Büros, Reiseblockaden, Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen angeblicher Steuerhinterziehung, Demonstrationsverbote und zwei Verhaftungen. In Deutschland sorgte Ende 2006 ein geplatzter Auftritt bei „Sabine Christiansen“ für Aufsehen, angeblich sagte die Redaktion auf Druck der russischen Botschaft ab. Der Kreml habe auch verhindert, dass „Das andere Russland“ sich als Partei etabliert, behauptet Kasparow: Niemand in Moskau sei bereit gewesen, den Aktivisten für die Parteigründung einen Saal zu vermieten. Und ohne Partei keine Teilnahme an Wahlen.

Kritiker Kasparows sagen, dass er maßlos übertreibt, wenn er in Talkshows von der Todesgefahr spricht, in der er schwebt, oder wenn er im Flugzeug zur Sicherheit nur den eigenen Proviant verspeist. Er sei wegen seiner brüsken Art bei den Russen nicht sonderlich beliebt. Seine politische Erfolglosigkeit liege auch daran, heißt es, dass er jegliche Kooperation mit etablierten Parteien ablehnt, mit dem Argument: „Nur wir sind die echte Opposition.“ Und er biete den Russen keine konkreten Konzepte, abgesehen vom Sturz der Regierung – eine wenig attraktive Botschaft für Wähler, denen noch der Zerfall der Sowjetunion und der Zusammenbruch der russischen Wirtschaft in den Knochen stecken.

Solche Kritik hört Kasparow natürlich nicht gerne. „Selbstverständlich haben wir politische Konzepte! Aber Politik wird in Russland nicht wie im Westen gemacht. Dort kann man ein Programm und einen Zeitplan aufstellen, konkrete Versprechen abgeben, eine Kampagne in Gang setzen. Versuchen Sie das mal hier.“ Seine wichtigste Forderung seien Sofortmaßnahmen gegen die Armut im Land und der Kampf gegen Korruption und Vetternwirtschaft in der russischen Verwaltung. „Die Banken müssen den Bürgern das Vermögen erstatten, was sie beim Zusammenbruch unseres Finanzsystems verloren haben“, fordert Kasparow, der sein wirtschaftspolitisches Programm als „sozialliberal“ bezeichnet. Die russische Wirtschaft sieht er an der Schwelle einer gewaltigen Krise: „Wenn sich die Inflation so weiter entwickelt, wird das Regime in zwei Jahren am Ende sein.“

50.000 Euro für die Tipps vom Meister

Privat ist die Geschichte der Antike das Steckenpferd von Kasparow – genauer gesagt, die Kritik an der Geschichtsforschung. Er ist ein Freund des russischen Geschichtsrevisionisten und Mathematikers Anatoli Fomenko, der mit „statistischen Berechnungen“ zu beweisen versucht, dass große Teile unserer Geschichtsschreibung falsch seien. Zum Teil aus Irrtum, zum Teil trage eine Art Weltverschwörung westlicher Forscher die Schuld.

Besser als diese Ideen kommen die Schachbücher und die Vorträge an, mit denen Kasparow inzwischen sein Geld verdient. In der New-Economy-Zeit versuchte er sich auch als Internetunternehmer. Eine Profi-Karriere mit Schach würde er heute aber niemandem empfehlen. „Sogar in Russland wird der intellektuelle Wert dieses Spiels nicht mehr geschätzt“, klagt er. Aber mit Schach-Consulting sei Geld zu verdienen. Sein jüngstes Werk, „Strategie und die Kunst zu leben“, beschäftigt sich mit der Frage, was der Manager vom Schachspieler lernen kann. Besser als der deutsche Titel habe ihm aber der englische gefallen: „How Life imitates Chess“. Diese Botschaft lässt sich leichter in Vorträge gießen: Das Leben – ein großes Schachspiel. Wer sich die Details von Kasparow persönlich erklären lassen will, muss 50.000 Euro auf den Tisch legen, plus 5000 Euro Reisekosten. „Ich bin kein Oligarch“, sagt er auf die Frage nach seinem Vermögen. „Aber ich komme gut zurecht.“

Zur Person:

- Kimowitsch Weinstein wurde am 13. April 1963 in Baku, Aserbaidschan, geboren. Seine Mutter änderte den Nachnamen in Kasparow, um seine halb jüdische Herkunft zu verbergen.

- Mit fünf Jahren lernte er die Schachregeln, mit 22 wurde er Weltmeister und blieb es 15 Jahre lang. An der Spitze der Weltrangliste hielt er sich 20 Jahre lang.

- 2005 beendete Kasparow, der auch als Buchautor und Unternehmer Geld verdiente, seine Schachkarriere und ging in die Politik.

- Als Mitglied des Oppositionsbündnisses „Das andere Russland“ wurde der Vater von drei Kindern oft Opfer staatlicher Repressalien.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa/EPA, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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