Schauspiel

Hein verzichtet auf Intendanz des Deutschen Theaters

29. Dezember 2004 Der Schriftsteller Christoph Hein verzichtet überraschend auf die Intendanz des Deutschen Theaters (DT) in Berlin.

„Vorverurteilt und abgestraft““

Leicht zitternd verlas der 59 Jahre alte Ost-Berliner Schriftsteller am Mittwoch im Büro des Berliner Kultursenators seine Rücktrittserklärung. Er stehe nicht mehr für das Amt des Intendanten des Deutschen Theaters in Berlin zur Verfügung. „Ich bin am geistigen Klima gescheitert“, sagt Hein später. Durch die massive öffentliche Kritik an seiner Nominierung fühle er sich „vorverurteilt“ und „abgestraft“.

Nicht die Vorbehalte, Hein fehle die Praxis in der Führung eines großen Hauses, und auch nicht die seiner Ansicht nach mangelnde finanzielle Ausstattung der Vorbereitungsarbeit für die Intendanz gaben wohl letztlich den Ausschlag für Heins Entscheidung. 15 Jahre nach dem Ende der deutschen Teilung scheint in der Theaterszene die Kluft zwischen Ost und West erneut aufgebrochen zu sein.

Das veranlaßte den sensiblen, scheuen Dramatiker resigniert zum Rückzug. „Ich habe den großen Fehler gemacht, daß ich nicht auf mich gehört habe“, sagte er.

„Ostalgie“-Vorwurf

Als „krasse Fehlentscheidung“ hatten Kritiker die Entscheidung des Berliner PDS-Kultursenators Thomas Flierl bezeichnet, Hein für die Nachfolge von Bernd Wilms am DT zu nominieren. Flierl betreibe „Ostalgie“ am früheren Staatstheater der DDR, hieß es.

Einige witterten in der Nominierung des Ostdeutschen Hein („Der fremde Freund“, „Horns Ende“, „Landnahme“) eine „nebulöse Ost-Identität“. Im Sommer 2006 hätte der Schriftsteller die Bühne übernehmen sollen.

„Ich wollte es noch mal versuchen“

„Das DT ist nicht das erste Theater, das mir angeboten wurde“ sagt Hein. Kurz nach der Wende habe er zwei Angebote großer Häuser abgelehnt, weil er das Gefühl gehabt habe, das geistige Klima lasse es nicht zu, daß er als Ostdeutscher Chef eines großen Theaters werde. „Ich habe gedacht, man könnte es 15 Jahre nach der Wende doch mal versuchen.“

Flierl meint, er sei entsetzt gewesen über die Heftigkeit, mit der die Entscheidung für Hein „primär vor der Folie ostdeutscher Herkunft gespiegelt und als drohender Rückfall in einen anti- liberalen Kunstdirigismus interpretiert und diffamiert wurde“.

DT sollte wieder zu einer der ersten Bühnen werden

Nach dem Willen von Flierl sollte Hein das traditionsreiche Deutsche Theater - 1883 eröffnet und von Theaterlegenden wie Max Reinhardt und Wolfgang Langhoff geführt - wieder zu einer der „ersten Bühnen in Deutschland“ machen.

Ihm zur Seite stehen sollten Regisseure wie Leander Haußmann („Sonnenallee“), Alexander Lang, der schon in DDR-Zeiten das Haus prägte, und Dimiter Gotscheff. Einige Künstler hätten nach dem negativen „Mediengewitter“ ihre Zusage jedoch zurückgezogen, berichtet Hein.

„Sie sind besorgt, daß ihre eigene Arbeit unter der angekündigten massiven Vorverurteilung meiner Arbeit leiden könnte, daß sie denunziert werden, weil ich - wie angekündigt - abgestraft werden sollte“, so der Schriftsteller.

Findungskommission eingesetzt

Flierl sprach von einem „Schlag“ und einer gescheiterten „Versuchsanordnung“. Eine Findungskommission mit Ulrich Khuon vom Hamburger Thalia Theater und Wolfgang Engel vom Schauspiel Leipzig soll nun Mitte Januar eine erste Empfehlung für einen neuen Intendanten abgeben. „Die Findungskommission wird keine leichte Aufgabe haben und sehr diskret arbeiten müssen“, prophezeit Flierl.



Text: dpa
Bildmaterial: dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa/dpaweb

 
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