19. Dezember 2007 Der Besucher aus dem Abendland hört im Orient die Rufe des Muezzin gewissermaßen lauter als der Einheimische. Der schallende Singsang vom Minarett, das Allahu akbar und das psalmodierende islamische Glaubensbekenntnis, wonach es keinen anderen Gott gibt außer Allah und Mohammed sein Prophet ist, gehören nicht zu seinem religiös-kulturellen Grundrauschen und treten deshalb besonders deutlich ins Bewusstsein. Dass alle paar Stunden die plärrenden, miteinander wetteifernden Rufe zum Morgen-, Mittag- und Abendgebet die Luft über ganz Bagdad erfüllen, klingt nur in den Ohren des Fremden außergewöhnlich.
Umgekehrt wird er daheim etwa den Glockenschlag zu jeder Stunde oder das Läuten zum Gottesdienst vom Kirchturm nur halbbewusst wahrnehmen, während ein Muslim zu Besuch im Okzident darin etwas Außergewöhnliches hören wird. Die amerikanischen Streitkräfte und ihre Verbündeten eroberten Ende März 2003 ein stark vom Islam geprägtes Land. So stark, dass es nach dem Anschlag der extremistischen sunnitischen Terrororganisation Al Qaida auf die schiitische Moschee in Samarra vom Februar 2006 ums Haar zum Bürgerkrieg zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen gekommen wäre.
62 Prozent der Amerikaner gelten als tief religiös
Die Vereinigten Staaten sind ihrerseits das mit Abstand am stärksten religiös geprägte Land der westlichen Hemisphäre, auch und gerade weil die amerikanische Verfassung die strikte Trennung von Kirche und Staat vorschreibt. Die im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durchgeführte Umfrage Religionsmonitor 2008 hat jüngst ergeben, dass in den Vereinigten Staaten 89 Prozent der Bevölkerung religiös sind. 62 Prozent können nach den Kriterien der Studie sogar als tief religiös gelten, da sie regelmäßig den Gottesdienst besuchen, häufig beten und sich intensiv mit Fragen des Glaubens und der Religion beschäftigen.
In keinem westlichen Land liegen diese Werte höher. In Deutschland, wo inzwischen 29 Prozent der Bevölkerung keiner Kirche oder Glaubensgemeinschaft mehr angehören, wurden dagegen nur knapp 20 Prozent der Befragten als besonders religiös eingestuft.
Es ist hart, aber ich habe es nie bereut
Hauptmann Eric Dean ist im Zivilleben Pfarrer an einer evangelischen Freikirchengemeinde in Hannover und seit mehr als sieben Monaten der protestantische Kaplan des Panzerbataillons 1-64, Zweites Combat Brigade Team der Dritten Infanteriedivision. Er ist mit einer Deutschen verheiratet und hat sich freiwillig für den Dienst in Uniform gemeldet. Weil Kaplane Akademiker sind, ist ihr Eintrittsrang der eines Hauptmanns. Wie bei allen Soldaten und Offizieren dauert die Entsendung von Hauptmann Dean in den Irak 15 Monate.
Seinen jüngsten Sohn, der im Januar ein Jahr alt wird, hat er kaum je zu Gesicht bekommen. Es ist hart, sagt er, aber ich habe es nie bereut, mich zum Einsatz bei den Streitkräften verpflichtet zu haben. Er hält nicht nur Gottesdienste in der Warrior Chapel (Kriegerkapelle) in Camp Liberty, ist als Seelsorger tätig und muss - wie am schlimmsten Tag seines Einsatzes, als das Bataillon bei einem Bombenanschlag gleich vier Mann verlor - Kameraden auf den ersten Schritten ihres letzten Weges begleiten. Er geht auch mit den Soldaten stundenlang auf Patrouille durch die Wohnviertel Bagdads, wobei er die gleiche Uniform trägt wie sie, aber keine Waffe.
So nah wie möglich bei ihnen sein
Das hat ihm bei den Soldaten hohen Respekt eingetragen. Ich muss so nah wie möglich bei ihnen sein, wenn ich ihnen meine Dienste als Geistlicher und Seelsorger anbieten will, sagt Dean. Missionieren ist den Kaplanen der amerikanischen Streitkräfte, zu denen neben christlichen Pfarrern und Priestern sowie Mormonen-Predigern auch jüdische Rabbis, muslimische Imame und buddhistische Mönche gehören, ebensowenig erlaubt wie das Tragen von Waffen.
In der Warrior Chapel darf sich am Freitagabend um halb sieben sogar der Zirkel der Anhänger des Wicca-Glaubens treffen. Dass sich der synkretistische Glaube, der pagan-naturreligiöse Elemente mit jenen des Satans- und Hexenkults verbindet, gerade bei jungen Rekruten beträchtlichen Zulaufs erfreut, kann dem sanften Christenmenschen Dean nicht gefallen.
Bush wünscht fröhliche Feiertage voller Liebe und Wärme
Aber er findet es richtig, dass sie sich in der Kapelle versammeln und ihren Glauben, zu dem sich heute weltweit etwa 800.000 Menschen bekennen, davon 134.000 in Amerika, praktizieren dürfen. Wenn wir anfangen, die Religionsfreiheit einzuschränken, dann landen wir dort, sagt der Kaplan und weist mit einer Kopfbewegung in eine imaginäre Ferne, wo jenseits der Betonmauern und der Kontrollstellen von Camp Liberty die Rote Zone von Bagdad beginnt.
Zum Auftakt des muslimischen Opferfests Eid al Adha am Mittwoch veröffentlichte die amerikanische Botschaft in Bagdad eine Erklärung von Präsident George W. Bush, in welcher dieser und First Lady Laura Bush den Muslimen in aller Welt gute Wünsche für fröhliche Feiertage voller Liebe und Wärme überbringen. Die viertägige Feier erinnert an die Opferbereitschaft Abrahams, der nach dem Befehl Gottes die Tötung seines einzigen Sohnes Isaak vorbereitet hatte, ehe Gott (beziehungsweise Allah beziehungsweise Jahwe) dem von Christen, Muslimen und Juden gleichermaßen verehrten Stammvater die schwerste aller Prüfungen doch noch ersparte. Eid al Adha ist ein Freudenfest, und in diesem Jahr folgt unmittelbar im Anschluss ein weiteres religiöses Fest der Freude: Weihnachten.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Matthias Rüb/F.A.Z.
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