Vergessen und Erinnern

„Unter Saddam war es besser“

Von Matthias Rüb, Bagdad

Nach Saddams Fingern geformt: Die “Hände des Sieges“

Nach Saddams Fingern geformt: Die "Hände des Sieges"

20. Dezember 2007 Man hört es oft in Bagdad, auch dieser Tage noch, da sich die Sicherheitslage deutlich verbessert hat. Es ist kein gutes Urteil über ein Unterfangen, das schließlich auch zum Ziel hatte, den Menschen im Zweistromland nach Jahrzehnten der Diktatur und der Unterdrückung die Segnungen der Freiheit und der Demokratie zu bringen. „Unter Saddam war es besser“, sagt Methad, der als Fahrer und Faktotum für eine westliche Botschaft in Bagdad arbeitet. „Es war doch so: Wer den Mund gehalten und die Macht Saddams und seines Clans nicht angefochten hat, dem ist in der Regel nichts passiert.“ Jedenfalls habe es vor dem Einmarsch der Amerikaner vom März 2003 in Bagdad keine Bombenattentate, keine Selbstmordanschläge, keine Schießereien, keine Vertreibungen, keine Funde geköpfter und verstümmelter Leichen gegeben. Und auch keine Labyrinthe von Betonmauern, Straßensperren und Sicherheitskontrollen.

Methad weiß, wovon er spricht, denn schon lange vor dem Beginn der Invasion arbeitete er als Fahrer. Und er hat hernach oft genug erlebt, wie es plötzlich gekracht hat in der Nähe, doch gottlob so weit entfernt, dass er und seine Fahrgäste in dem gepanzerten Wagen unversehrt blieben. Methad glaubt nicht, dass die relative Stabilität von Dauer sein, gar zu normalen Zuständen führen wird: „Es ist bloß eine Frage der Zeit, bis es wieder losgeht“, sagt er. „Immerhin sind die Amerikaner jetzt, seit vielleicht sechs Monaten, viel besser und freundlicher. Man kann mit ihnen reden, sie sind nicht mehr so grimmig wie früher.“

Verbreitete Saddam-Nostalgie

Beide Befunde gehören zur Grundausstattung vieler Gespräche mit Irakern: die nostalgische Sehnsucht nach den Zeiten unter Saddam, als es zwar nicht viel gab, aber wenigstens Sicherheit, und die Sorge, dass das „Fenster der Möglichkeiten“, das nach den Monaten des Horrors von Februar 2006 bis etwa Mitte 2007 jetzt den Blick auf dauerhafte Stabilität, gar auf normale Lebensumstände freigibt, bald wieder zuschlagen könnte.

Die Saddam-Nostalgie ist bei Sunniten freilich viel weiter verbreitet als bei der jahrzehntelang gepeinigten schiitischen Minderheit. Und sie ist verständlich, denn zum mörderischen Charme von Diktaturen gehört es, dass der Diktator und seine Clique Gewalt, Verbrechen und Diebstahl radikal monopolisieren. Wer sich dauerhaft duckt, kann bis zu einem gewissen Grad gefährliche Schläge tatsächlich vermeiden. Nach dem Zusammenbruch von Diktaturen aber wird die monopolisierte Gewalt sozusagen aus dem Zwinger gelassen und beißt wahllos alles und jeden.

Doch schon die Annahme, es sei unter Saddam Hussein weniger brutal zugegangen, ist falsch. Irakische und internationale Menschenrechtsorganisationen beziffern die Zahl der getöteten Zivilisten während der 24 Jahre währenden Herrschaft Saddams auf mehr als 600.000. Allein der Operation „Anfal“ gegen die Kurden fielen zwischen 1986 und 1989 mindestens 100.000 Menschen zum Opfer. Hinzu kommen die jeweils etwa 500.000 toten Iraker und Iraner, die Saddams Krieg gegen Iran von 1980 bis 1988 gefordert hat.

Die mächtigen „Hände des Sieges“

Auf die gut 8500 Tage der Herrschaft des notorischen Völkermörders und Giftgaswerfers Saddam umgerechnet, ergibt das einen Blutzoll von fast 130 Toten pro Tag. In der Mehrzahl waren das Zivilisten. Im Gefängnis Abu Ghraib geschahen unter Saddam Dinge, gegen welche die abscheuliche und unentschuldbare Folter irakischer Gefangener durch amerikanische Soldaten in den Jahren 2003 und 2004 geradezu verblassen.

Die Niedertracht und Brutalität der Herrschaft Saddams lässt sich kaum irgendwo so klar mit Händen greifen wie am pompösen Siegesdenkmal, das sich Saddam nach dem faktisch verlorenen - oder jedenfalls nicht gewonnenen - Krieg gegen Iran im Jahr 1989 setzen ließ. Die mächtigen „Hände des Sieges“, die nach den Fingern Saddams geformt sind, halten jeweils zwei 43 Meter lange Schwerter, die am Beginn und Ende des Paradeplatzes im Herzen Bagdads zwei riesige, 40 Meter hohe Triumphbögen bilden.

Am Fundament jeder schwertbewehrten Hand wurden jeweils etwa 2500 Helme in den noch weichen Beton „geschüttet“. Die Helme sollen von getöteten iranischen Soldaten stammen, die angeblichen Einschusslöcher dürften aber mehrheitlich nachträglich hineingestanzt worden sein. Auch in die Fahrbahn wurden iranische Helme eingelassen: Bei Militärparaden, die Saddam so liebte, rollten seine Kriegsmaschinen dann über die Helme, traten die „Skalps“ gewissermaßen mit Füßen. Hin und wieder feuerte Saddam einen Schuss aus seinem Gewehr.

Das alles scheint in tiefe Vergangenheit versunken, wenn heute amerikanische Soldaten auf dem Gelände des Siegesdenkmals, das nun in der hermetisch abgeriegelten „Green Zone“ von Bagdad liegt, Erinnerungsfotos vor den zwei scheußlichen Doppelschwertern machen und über die iranischen Helme stolpern. Erlittenes Leid gerät nach dem Wort Bertolt Brechts überraschend schnell in Vergessenheit. Gegenwärtiges Leid ist dagegen eben gegenwärtig und so unmittelbar, dass früheres Leid, zumal wenn nicht selbst unmittelbar erlitten, als geringeres erscheinen muss.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Matthias Rüb/F.A.Z.

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