Orientieren und Kontrollieren

Geschäftiges Treiben auf der „Phone Card Street“

Von Matthias Rüb, Bagdad

Überblick über Bagdad? Ohne GPS-System geht erst einmal nichts

Überblick über Bagdad? Ohne GPS-System geht erst einmal nichts

24. Dezember 2007 Vor jeder Fahrt mit dem Humvee-Jeep oder dem neuen minensicheren MRAP-Mannschaftstransporter, mit dem Bradley- oder dem Abrams-Panzer werden die Daten eingegeben: Abfahrtsort, geplante Route und Zielpunkt. Sogleich erscheint auf dem Bildschirm das hochaufgelöste Satellitenfoto des Einsatzbereichs. Die Fahrzeuge des eigenen Konvois und andere amerikanische Militärfahrzeuge in der Gegend sind blaue Punkte, die langsam über das Satellitenfoto kriechen. Ohne Verbindung zum satellitengestützten „Global Positioning System“ (GPS) wird kein Fahrzeug vom riesigen Heerlager am Flughafen, das den schönen Wunschnamen „Victory Base Complex“ (VBC) trägt, oder von den etwa sechs Dutzend zu kleinen Festungen ausgebauten Außenposten in den Bagdader Wohn- und Geschäftsvierteln hinaus in die „Red Zone“ geschickt. Die Funkverbindung und die großformatigen laminierten Straßenkarten und Satellitenaufnahmen, mit welchen jedes Fahrzeug zusätzlich ausgestattet ist, sind Reservesysteme zur Kommunikation und Orientierung.

Nach jeder Patrouillenfahrt durch den Bagdader Alltag gibt es ein „De-Briefing“, bei welchem der Zugführer die Ereignisse und Ergebnisse zusammenfasst, während ein Gefreiter die auf seinem mobilen GPS-Handrechner gesammelten Daten in den Großrechner einspeist. In jedem Lager und Außenposten - den großen mit Zehntausenden wie den kleinen mit vielleicht drei Dutzend Soldaten - gibt es zwei getrennte Computer- und Kommunikationssysteme, die man leicht an der Farbe der DSL- beziehungsweise Ethernet-Kabel erkennt, die aus der Wand kommen: Das rote ist für die geheimen, klassifizierten Informationen, das grüne für die nicht-klassifizierte öffentliche und private Kommunikation der Soldaten. Jeder Offizier hat zwei Laptops, einen mit klassifizierten Informationen für das rote, einen für den Privatgebrauch für das grüne Kabel.

Kein Mangel an Informationen

Wahrscheinlich leiden die amerikanischen Besatzungstruppen nicht an einem Mangel an Informationen über die weithin noch nach archaischen Regeln geordnete irakische Gesellschaft und die Lebensumstände der Menschen, sondern eher an einem Überfluss an „rohen“ Daten, die es erst zu organisieren gilt, um sie im Kampf gegen Aufständische und Terroristen nutzen zu können. Jedes Haus kann vom Weltall aus ins Visier genommen und katalogisiert werden; dessen Bewohner werden sodann bei einer der nächsten Patrouillen in die Datenbank aufgenommen.

Ganze Stadtviertel - etwa das sunnitische Mitteklassequartier Amarija im Westen Bagdads - wurden von den Besatzungstruppen einem sogenannten „Zensus“ unterzogen: Die gesamte männliche Einwohnerschaft im Alter zwischen 16 und 64 Jahren wurde erkennungsdienstlich erfasst, einschließlich Abdrücke aller zehn Finger und Scan der Augeniris. So soll sichergestellt werden, dass die Freiwilligen, die sich zu den sunnitischen Bürgerwehren verpflichten und für einen für irakische Verhältnisse stattlichen Monatslohn zwischen 300 und 600 Dollar den Kampf gegen eingesickerte oder ortsansässige Terroristen von Al Qaida aufnehmen, später dingfest gemacht werden können, sollten sie (abermals) die Seiten wechseln und ihre Waffen gegen die Amerikaner richten.

Nach wenigen Wochen sind die Soldaten und Offiziere mit „ihren“ Stadtvierteln so vertraut, dass sie auf ihr GPS nicht mehr angewiesen sind und auch die Scheichs, die Imame, die lokalen Notablen und Geschäftsleute persönlich gut kennen. Sie nehmen an den Treffen der Nachbarschaftsverwaltungen teil - und sammeln allerlei Daten über die Sorgen und Nöte der Einwohner und vor allem über mögliche Waffenlager und Verstecke von Terroristen und Aufständischen. Viele Straßen tragen neben den arabischen Namen auch amerikanische Spitznamen, die für die Soldaten leichter auszusprechen und zu merken sind. Die Rabia-Straße im Distrikt Mansour heißt im Jargon der Truppen „Phone Card Street“, weil dort in vielen Geschäften Telefonkarten verkauft werden.

Wer einen Laden eröffnet, wird unterstützt

Für Oberstleutnant Edward Chesney, den für das Gebiet zuständigen Bataillonskommandeur der 101. Luftlandedivision, ist die Rabia- oder Telefonkartenstraße von großer strategischer Bedeutung. Im Juni waren in der wichtigsten Einkaufsstraße der Gegend gerade einmal vier oder fünf Geschäfte offen. Heute werden in mehr als 200 Läden Möbel und Haushaltswaren, Elektrogeräte und Heizkessel, Lebensmittel und eben auch Telefonkarten feilgeboten. Ladenbesitzer, die eines der insgesamt gut 1000 Geschäfte in der Rabia-Straße wieder eröffnen, erhalten einen Zuschuss zur Ankurbelung des Geschäfts von bis zu 2500 Dollar.

Oberstleutnant Chesney hat in seinem Budget für Wirtschafts- und Wiederaufbauförderung noch Zuschüsse für 800 Ladeninhaber in der „Phone Card Street“ und deren Umgebung. Die Auszahlung erfolgt in der Regel recht rasch, denn über die Geschäftsleute, die binnen zwei bis höchstens vier Wochen nach Antragstellung über das Geld verfügen, liegen meist umfangreiche Daten vor.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: F.A.Z./Matthias Rüb

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