23. Dezember 2007 Feldwebel Larry D. Floyd hat ein Weihnachtspaket bekommen. Er ist mit dem Inhalt recht achtlos umgegangen. Von den Pralinen hat er ein paar gegessen, die weißen Socken und das Buch hat er liegenlassen. Das Paket kam von den Soldiers Angels. Die Freiwilligenorganisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Männer und Frauen in Uniform bei deren Einsatz in Übersee mit Briefen und Paketen zu versorgen, zumal vor Feiertagen wie jetzt an Weihnachten. Der Engel von Feldwebel Floyd heißt Ruby L. Creekmore und wohnt in der Fir Street in Manteca in Kalifornien.
Auf der Vorderseite der Grußkarte, die dem Paket beigelegt war, ist die amerikanische Flagge abgebildet. Auf der Rückseite steht folgender vorgedruckter Text: Danke! Ich bin so stolz auf Sie und dankbar für Ihren aufopferungsreichen Dienst für Amerika. Ich weiß, dass Sie weit weg von zu Hause sind, aber bitte seien Sie versichert, dass ich Sie und Ihre Angehörigen in meine Gedanken und Gebete einschließe. Mit herzlichen Grüßen… Dort hat Mrs. Creekmore einen jener Adressaufkleber geklebt, mit welchen jeder amerikanische Haushalt zu Hunderten überschwemmt wird - und das ausgerechnet zu Zeiten, wo immer weniger Briefe verschickt werden.
Feldpost heute: E-Mail und Webcam
Auf den Zeilen für ein optionales P.S. hat Ruby Creekmore, die nach ihrer Handschrift eine Dame fortgeschrittenen Alters sein dürfte, Folgendes geschrieben: Gott segne Sie. Wenn Ihnen daran liegen sollte, zu schreiben, werde ich antworten. Feldwebel Floyd hat nicht geschrieben. Er hat die Grußkarte und das geöffnete Paket in der Gerümpelkammer eines Außenpostens der amerikanischen Streitkräfte im Westen Bagdads liegenlassen. Immerhin, es kommen dieser Tage auch noch die Weihnachtskarten von ganzen Schulklassen in Bagdad und anderswo im Irak an, und sie dienen neben Christbäumen, Lichterketten und Weihnachtsmännern als Feiertagsdekoration in Kantinen, Aufenthaltsräumen und Bataillonsquartieren.
Doch diese Form der Kommunikation ist einseitig. Feldpost ist heute elektronisch: als E-Mail und über die Webcam am Schirm oder übers internetgestützte VOIP-Telefon. Selbst in den Joint Security Stations, in welchen ein paar Dutzend amerikanische Soldaten mitten in den Bagdader Wohnvierteln untergebracht sind, ohne Dusche und sanitäre Anlagen, gibt es einen Computerraum mit einer Handvoll Terminals zur freien Verfügung für die Soldaten. Die Computer, auf denen Eigentum der Regierung der Vereinigten Staaten steht, sind rund um die Uhr in Gebrauch.
Privatheit gibt es nicht
Bei Hochbetrieb gilt die Regel, dass die Nutzungszeit auf 20 Minuten beschränkt werden muss, wenn andere auf einen Platz am Computer warten. Die Kommunikation wird vom Pentagon überwacht, mag sein, dass auch das die Übertragungsgeschwindigkeit drosselt. Immerhin ist diese hoch genug zum Herunterladen der neuesten Hits auf den iPod sowie für Bildtelefonie in angemessener Qualität; eine Webcam ist auf jeden Flachbildschirm montiert.
Die Benutzung der VOIP-Telefone kostet drei Dollarcent pro Minute für ein Gespräch nach Amerika. Obwohl die Telefone mit extra langen Leitungen versehen sind, damit sich die Soldaten zum Telefonieren in irgendeine Ecke zurückziehen können, so etwas wie Privatheit gibt es nicht. Wenn die Freundin des Gefreiten Sanchez auf dem Bildschirm erscheint und Ich kann Dich jetzt sehen, Schatz! haucht, dann hören und sehen das alle mit, die an dem Terminal vorbeigehen. Wenn Leutnant Russell in einem Stundengespräch am Telefon eine Familienkrise zu meistern sucht, dann bleibt das niemandem verborgen.
Hinzu kommt, dass die Presseoffiziere jedes Bataillons eine eigene Website mit jüngsten Ereignissen und einer elektronischen Zeitung unterhalten, mittels welcher sich die Angehörigen daheim über den Alltag ihrer loved ones in der Ferne informieren können.
Der Krieg ist auch im Internet
Auch die irakische Gesellschaft ist seit dem Sturz Saddam Husseins von der Revolution der Informationstechnologie voll erfasst worden. Die unter Saddam verbotenen Satellitenschüsseln fürs Fernsehen aus aller, zumal der arabischen Welt, gibt es heute praktisch auf jedem Haus. Mobiltelefone, einst monopolisiertes Machtinstrument der irakischen Polizei, finden sich heute in mindestens zwei Dritteln aller Haushalte.
Drei Netzbetreiber konkurrieren im Zentralirak um die Gunst der Konsumenten, in Kurdistan im Norden und im schiitisch geprägten Süden sind weitere Wettbewerber auf dem Mobiltelefon-Markt. Und selbstverständlich wird der Krieg um den Irak, zwischen amerikanisch geführten Besatzungstruppen und islamistischen Netzen in aller Welt, zwischen Befürwortern und Gegnern des Einmarsches auch im Internet geführt.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: FAZ.NET / Helmut Fricke, picture-alliance / dpa/dpaweb
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