Von Ulrich Friese
06. September 2004 Der Mann polarisiert. Wer David Tweedie an seinem Dienstsitz in Londons Cannon Street aufsucht, weiß spätestens nach einem Blick ins Büro, mit wem er es zu tun hat. Über der Sitzecke, gegenüber dem Schreibtisch, prangt ein Zeitungsausschnitt. Darin wird Tweedie fast steckbriefartig als der "meistgehaßte Wirtschaftsprüfer in Großbritannien" ausgewiesen.
Der Beitrag, vor 12 Jahren prominent im "Scotsman" erschienen, hat ihn angeblich nicht geschockt. "Die Darstellung ist korrekt", sagt der ehemalige Wirtschaftsprofessor der Universität Edinburgh mit entspanntem Lächeln, "die Zahl meiner Freunde in den Chefetagen der Industrie ist damals wie heute begrenzt."
Trotz heftiger Widerstände der Betroffenen paukte Tweedie Anfang der neunziger Jahre als Chef des British Accounting Standards Board eine Reform der heimischen Bilanznormen durch, die die Ertragslage namhafter Börsenwerte in ein völlig neues Licht stellte. Aufgeschreckt durch den spektakulären Finanzskandal des Medien-Tycoons Robert Maxwell oder durch die dubiosen Pensionsgeschäfte im britischen Firmenkonglomerat Polly Peck, sollte der oberste Wirtschaftsprüfer des Landes die britischen Standards der Rechnungslegung nicht nur nach Lücken und Schwachstellen durchforsten, sondern gleichzeitig auch das Regelwerk gängigen Geschäftsgepflogenheiten anpassen. "Vom Schwenk zu mehr Transparenz profitieren alle", ist der inzwischen von der britischen Queen geadelte Reformer überzeugt, "einheitliche Bilanzregeln vereinfachen den Gang an die Börse, animieren Aktionäre, mehr zu investieren, und stimulieren letztlich das allgemeine Wirtschaftswachstum."
Nach diesem Grundsatz verpflichtete er britische Unternehmen, ihre Pensionsverpflichtungen in die Bilanz aufzunehmen und dabei auch die jeweiligen Überschüsse oder Fehlbeträge exakt auszuweisen. Tweedies Vorstoß brachte Vorstandschefs in Erklärungsnot und sorgte in den Wirtschaftsmedien für Negativschlagzeilen in Serie. Denn über Jahrzehnte hatten britische Unternehmen deutlich mehr Geld aus ihren betrieblichen Rentenkassen in Aktien investiert als ihre Pendants im übrigen Europa. Nach dem massiven Einbruch an den Aktienmärkten drohte in einigen Chefetagen das böse Erwachen. Vor allem große Arbeitgeber wie die ehemaligen Staatsmonopolisten British Telecom oder British Airways sind seitdem gezwungen, hohe Fehlbeträge in ihren Pensionsfonds zu veröffentlichen.
Was der gebürtige Engländer in seiner Heimat schaffte, soll künftig auch auf globaler Ebene gelingen: ein einheitlicher Bilanzstandard, der ab 2005 für die Konzernabschlüsse kapitalmarktorientierter Unternehmen vorgeschrieben und vom Start weg in 92 Ländern gültig ist. Tweedie, der an Wochenenden zwischen London und seinem privaten Wohnsitz im schottischen North Berwick pendelt, steht seit 2001 an der Spitze des neu geschaffenen International Accounting Standards Board (IASB). In dieser Funktion feilte er nach intensiven Beratungen mit amerikanischen Fachkollegen und der New Yorker Börsenaufsicht an einem international gültigen Regelwerk, das Finanz- und Firmenchefs abermals zu Protesten provoziert. Denn die Umstellung auf die neuen "International Financial Reporting Standards" (IFRS), von der allein in Europa 7000 Börsenwerte betroffen sind, gilt als zeitaufwendig und kostenintensiv. Gleichzeitig müssen Topmanager, deren Aktienoptionen nach der IFRS-Norm plötzlich als Aufwand verbucht werden und somit den Gewinn ihres Arbeitgebers drücken, um den Verlust von Privilegien fürchten.
"Glaubwürdige Unternehmensführung geht mit redlicher Bilanzierung einher", sagt Tweedie, der als bekennender Christ moralisches Verhalten von Unternehmensführern einfordert. Dabei attestiert er gerade amerikanischen Unternehmen hohe Bereitschaft zu Reformen. Schließlich war dort der Leidensdruck in jüngster Zeit groß: "Skandale wie Enron oder Worldcom wirkten wie ein heilsamer Schock."
Insofern muß der gottesfürchtige Mann wohl nicht befürchten, auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zur Haßfigur der Industrie abgestempelt zu werden.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.09.2004, Nr. 208 / Seite 16
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