Von Rainer Schulze
15. Dezember 2006 Freude am Hang des Taunus. Weil die Nachrichtenagentur AP besonders schnell sein wollte, kabelte sie um 10.09 Uhr: Wiesbaden ist das Wort des Jahres. In der Eile hatte der Agenturjournalist versäumt, den Platzhalter hinter der Ortsmarke auszufüllen, und so avancierte Wiesbaden für wenige Minuten zur verbalen Leitfossilie des Jahres. So umschreibt die Gesellschaft für deutsche Sprache mit Sitz in Wiesbaden, was ein Wort leisten muß, damit es zum König im Jahreswortschatz aufsteigt. Dann kam die Korrektur. Um 10.13 Uhr wußten die Nachrichtenredaktionen dieses Landes: Fanmeile hat es geschafft, den Wortolymp zu erklimmen.
Bei der Auswahl der Wörter des Jahres geht es nicht um Häufigkeit. Es ist egal, wie viele Fanmeilen in der sommerlichen Wirduseligkeit in Deutschland eingerichtet wurden. Ob es in Wiesbaden eine Fanmeile gab? Man weiß es nicht. Streng genommen gab es ja nur eine: Vor dem Brandenburger Tor säumten Hunderttausende die mit Videoleinwänden gepflasterte gefühlte Meile, den Straßenabschnitt, in dem der Fan seiner Bestimmung nachgehen konnte und nach Herzenslust Fan sein durfte.
Karikaturenstreit auf Rang drei
Nein, zum Wort des Jahres kürt die Gesellschaft für deutsche Sprache Ausdrücke, die die öffentliche Diskussion des betreffenden Jahres besonders bestimmt haben, die für wichtige Themen stehen oder sonst als charakteristisch erscheinen. So teilt sie es auf ihrer Heimatseite mit und führt an, welche Wörter auf den Plätzen folgen. Die Generation Praktikum hat als Zweiter mal wieder leidvoll erfahren, wie schwierig es ist, den Platz an der Sonne zu erklimmen. Den dritten Rang belegt der Karikaturenstreit, der für Aufregung und eine hitzige Debatte um Meinungsfreiheit und religiöse Gefühle gesorgt hatte.
Ob der Rechtschreibfrieden (4.), mit dem der Zustand nach der Reform der Rechtschreibreform, also das Streben nach Einheitlichkeit in der deutschen Orthographie bezeichnet wird, tatsächlich einziehen wird? Prekariat, die soziologische Variante zur von Kurt Beck persönlich angestoßenen Debatte um die Unterschicht, schafft es auf Platz 5. Ein klarer Fall von Euphemismus - einmal prekarisiert, lebt es sich ganz ungeniert! Problembär Bruno trottet noch ein letztes Mal gemütlich zu Platz 7. Und wie sehr die Weltmeisterschaft uns auch lexikalisch bewegt hat, führen die Klinsmänner (9.) und der Lieblingskalauer der Bild schwarz-rot-geil! (10.) vor Augen.
Bezahlstudium an sechster Stelle
Bleibt zu hoffen, daß der Hinweis der Gesellschaft für deutsche Sprache, mit ihrer Auswahl sei keine Empfehlung verbunden, auch beherzigt wird. Denn manche schlafenden Hunde sollte man besser nicht wecken. Beispiel? Bezahlstudium heißt die in einigen Bundesländern verordnete Bildung gegen Euro, die es auf der Rangliste zu Position 6 schaffte.
Wir hätten da noch einen Vorschlag für den Agenturjournalisten von AP: Falls es Wiesbaden, wenn es beim nächsten Mal wieder sehr schnell gehen muß, nicht noch einmal vorläufig zum Wort des Jahres schaffen sollte, wie wäre es dann mit einem besonders hübschen Bundesland? Uns wurde erzählt, daß die Gegend rund um Stuttgart einen Besucher aus Afrika derart beeindruckte, daß er, in die Heimat zurückgekehrt, sein Kind auf den Namen Baden-Württemberg taufte.
Die Wörter des Jahres wählte die Jury in folgender Reihenfolge:
1. Fanmeile
2. Generation Praktikum
3. Karikaturenstreit
4. Rechtschreibfrieden
5. Prekariat
6. Bezahlstudium
7. Problembär
8. Poloniumspuren
9. Klinsmänner
10. schwarz-rot-geil!
Wörter des Jahres 2005
Bundeskanzlerin
Wir sind Papst
Tsunami
Heuschrecken
Gammelfleisch
Jamaika-Koalition
hoyzern
suboptimal
Telenovela
FC Deutschland 06
Wörter des Jahres 2004
Hartz IV
Parallelgesellschaften
Pisa-gebeutelte Nation
gefühlte Armut
Ekelfernsehen
Praxisgebühr
Ein-Euro-Job
aufgestellt
Rehakles
Wort des Jahres 2003: das alte Europa
Wort des Jahres 2002: Teuro
Wort des Jahres 2001: der 11. September
Wort des Jahres 2000: Schwarzgeldaffäre
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS
