Wellenreiter

Der schöne Blick auf den Main

Von Jörg Thomann

14. September 2004 Dann mal ran an die Telefone: Welche Geschichte würden wir am nächsten Tag in der Zeitung lieber lesen? „Die Top 5 der Frankfurter Trinkhallen“, „Zugvögel: Aufbruch in den Tod“ oder „Hilfe, ich habe Höhenangst in meinem Büro: Wie junge Banker 150 Meter über dem Boden gegen die Panik ankämpfen“. Die Leser der neuen Tageszeitung „News“, die an diesem Dienstag erstmals erschienen ist, sollen per SMS darüber abstimmen. Die begehrteste Geschichte steht anderntags in der Zeitung.

Und dann werden die „News“-Macher schon ein wenig mehr wissen über ihre Leserschaft, die ihr bislang nur ihre Marketingabteilung ausgemalt hat. Wenn alles gut läuft, gewinnt die Banker-Geschichte. Die ökologisch angehauchte Vogel-Tragödie wäre schon eine Überraschung. Ganz fatal aber wäre es, würde die „News“-Kundschaft der Trinkhallen-Story den Vorzug geben. Zwar zielt „News“ auf solche Leser, die „konsumfreudig“ sind und „die Freizeitangebote der Region“ nutzen, doch sind damit keineswegs jene gemeint, die sich bereits vormittags ein Römerpils gönnen.

Die „iPod-Generation“

Marketingleuten sollte man ja ohnehin nicht blind vertrauen. Die im Vergleich zum knappen Stil der Zeitung geradezu geschwätzige Presseerklärung zur Markteinführung von „News“ verwendet Vokalbeln wie „neu“ und „erste“ in einer Fülle, daß man glatt das Patenamt einschalten wollte. Was „News“ als seine Stärken anpreist, findet sich heute in jeder Lokalzeitung: „Elemente aus dem Magazin-Journalismus“ etwa, Internet-Adressen unter den Artikeln, Service-Kästen. „Neu erschlossen“ ist angeblich auch die Zielgruppe, von „News“ als „iPod-Generation“ bezeichnet; es handelt sich indes nur um die üblichen, mit Etiketten längst zugepflasterten mobilen, gutverdienenden Zwanzig- bis Neununddreißigjährigen, um die nahezu jedes Medium buhlt.

Mit „News“ setzt die Verlagsgruppe Handelsblatt auf das modische Tabloid-Format und die immer häufiger praktizierte Mehrfachverwertung journalistischer Inhalte; „News“ darf nicht nur auf Texte aus „Handelsblatt“ oder „Wirtschaftswoche“, sondern auch auf jene des „Tagesspiegels“ und der Milchstraßen-Titel zurückgreifen. Den Leser wird das Ganze den Spottpreis von 50 Cent kosten, nach einer Startphase, in der das Blatt kostenlos verteilt wird. Neben den Mädchen, die vor Frankfurts Bahnhöfen die „Welt kompakt“ verschenken, drängeln sich nun auch noch die „News“-Jungs.

Alles, was man braucht

„News“ will solche Menschen, die keine Zeit mehr hätten für „das übergroße Inhaltsangebot einer traditionellen Tageszeitung“, „kurz und prägnant“ unterrichten über „alles, was sie brauchen, um gut informiert zu sein“. Zwei große Themen des Tages, Putins Machtausbau in Rußland und die Empfehlung des Nationalen Ethikrats zum Klonen, brauchten die „News“-Leser am Dienstag offenbar nicht. Gleichwohl wirkt das Blatt längst nicht so unseriös, wie zu befürchten stand. Während der Klatsch über Prominente, der junge Menschen dem Vorurteil zufolge besonders interessiert, verschwindend geringen Platz einnimmt, gibt es neben einem Wissenschafts- und Technik-Teil sogar ein Rezensions-Feuilleton - mit allerdings sehr regionaler Ausrichtung.

Denn das ist „News“ vor allem: eine Lokalzeitung. Die Titelgeschichte feiert das „Comeback“ Frankfurts, und neben Roland Koch und Petra Roth wird auch der Eintracht-Trainer Funkel ausführlich interviewt; arg zeitlos fallen die drei Gespräche aus, wie auch „News“ als ganzes weniger atemlos-aktuell als vielmehr etwas betulich und bieder wirkt. Die stolz präsentierte „Interaktiv“-Seite schließlich, die den Ärger verschiedener Weblog-Schreiber über die hohen Bahnpreise auflistet, ist in etwa so innovativ wie die Leserbriefspalte der „Bild“-Zeitung.

Die auf der Titelseite versprochene Aufklärung darüber, wo in Frankfurt „die besten Jobs zu finden sind“, ist uns „News“ am Dienstag noch schuldig geblieben; dem Inneren des Blattes entnahmen wir nur, daß die Mieter in der Westhafen-City einen schönen Blick auf den Main haben. Wer auf Jobsuche ist, könnte freilich bei „News“ selbst mal vorbeischauen: Den jungen Leuten nämlich, die das Blatt auf der Straße verkaufen, wird in Aussicht gestellt, über verschiedene Schulungen und Praktika eines Tages zum Redakteur aufzusteigen. Das immerhin wäre dann wirklich etwas Neues.



Text: @jöt
Bildmaterial: FAZ.NET

 
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