Von Ghassan Tueni
28. Juli 2006 Im Nahen und Mittleren Osten geht es heute nicht um die Verwirklichung von Demokratie, wie Präsident Bush uns glauben machen möchte, sondern ganz konkret um das Überleben des Libanons, seines Staates, seines Volkes und seiner bereits existierenden Demokratie: eines Modells, das bis ins neunzehnte Jahrhundert zurückreicht und auf eine stolze Geschichte zurückblickt, zu der auch eine Wahlmonarchie in phönizischen Zeiten gehörte - lange bevor im fünften Jahrhundert vor Christus die athenische Demokratie erfunden wurde.
Die Libanesen müssen nun befürchten, daß ihr Heimatland nichts Geringeres als seine raison d'etre verliert, die Papst Johannes Paul II. 1997 bei seinem Besuch hier mit den Worten umrissen hat: Der Libanon ist kein Land, sondern eine Botschaft. Eine Botschaft, die sich an die ganze Region richtet, eine Botschaft der Liebe zur Menschheit, des Friedens, der Gemeinschaft und der Freiheit.
Eine Projektion diverser früherer Kämpfe
In einer angeblich vom Kampf der Kulturen erschütterten Welt leistet der Libanon etwas Einzigartiges: Er widerlegt diese Theorie, indem er dem Miteinander von Zivilisationen und Kulturen eine Heimstatt bietet - im gelebten Dialog zwischen Christentum und Islam, während der akademische Dialog zwischen meist professionell gemäßigten Gesprächspartnern beider Religionen bislang kaum Erfolge vorweisen kann.
Jetzt aber steht der Gesellschaftsvertrag auf dem Spiel, der den Libanon zusammenhält. Der aktuelle Konflikt ist eine Projektion diverser früherer Kämpfe um Hegemonie und Kontrolle im Nahen und Mittleren Osten (zwischen Ägypten und dem Osmanischen Reich, zwischen Franzosen und Briten, zwischen Europäern und Türken), ganz zu schweigen vom Einfluß ökonomischer Interessen wie der Ausbeutung der Ölvorkommen oder schon lange davor der Kontrolle über die Handelswege zwischen Europa und Asien.
Scharonmauer bietet keine Sicherheit und Freiheit
Auf dem Spiel steht im Libanon aber auch das einzige Laboratorium, in dem der Islam die Modernisierung und die Trennung von Staat und Religion erproben kann. Die Politik in unserem säkularisierten demokratischen System muß endlich aus dem Würgegriff der Religionen befreit werden. Deshalb ist der Libanon auch eine Herausforderung für Israel als hebräischer Staat und erste Theokratie der modernen Welt - ein Modell, das islamische Staaten dann kopiert haben, zum Beispiel Pakistan, das etwa zur selben Zeit wie Israel durch einen UN-Beschluß geschaffen wurde. Es ist leicht einzusehen, daß Israel ein ideologischer Feind des Libanons sein muß, weil dessen politisches Modell die zionistische Auffassung einer Gleichsetzung von Religion und Nation widerlegt.
Von europäischen Juden gegründet, die Europa verließen, um ihrem Ghettodasein zu entkommen, ist Israel nun selbst zu einem Ghettostaat geworden, umgeben von einer Mauer, die eine Trennung von der Außenwelt bewirkt und das Land moralisch erstickt. Als Ministerpräsident Ariel Scharon vor kaum einem Jahr an die französischen Juden den Aufruf richtete, nach Israel auszuwandern, bevor es zu spät ist, damit sie frei und sicher in ihrem eigenen Land leben könnten, war das damals schon unglaubwürdig. Die jüngsten Ereignisse haben nun gezeigt, daß die Scharonmauer keineswegs Sicherheit und Freiheit bietet und auch kein Heilmittel gegen das Ghettogefühl der Unterdrückung darstellt.
Strategie mit offenem Ausgang
Der zweite ideologische Feind des libanesischen politischen Systems ist das baathistische Syrien, das weiterhin Anspruch auf den Libanon als Teil eines Großsyriens erhebt, das historisch nur als römische Provinz vor fünfzehn Jahrhunderten existiert hat. Außerdem hält das diktatorische und totalitäre Regime in Damaskus den Libanon für eine Gefahr, weil das Land liberalen Syrern als Agora für den Austausch ihrer Ideen dient und sie die im Libanon herrschende, den syrischen Medien aber verwehrte Meinungsfreiheit nutzen können, um aus nächster Nähe Kampagnen für einen politischen und gesellschaftlichen Wandel zu starten.
In einem dialektischen Prozeß hat diese Konstellation zu einer unsichtbaren Allianz zwischen Israel und Syrien gegenüber dem Libanon geführt, die manche israelische Autoren als Strategie mit offenem Ausgang bezeichnen. Im Rahmen dieser Strategie tauschen beide Länder unausgesprochene, aber dennoch verständliche Signale aus, mit denen sie dem jeweils anderen verdeutlichen, wie weit sie dessen Einmischung in die libanesischen Angelegenheiten zu tolerieren bereit sind. Der üblichere, etwas vulgärere Schlüsselbegriff für eine solche Politik ist die rote Linie, die in stillschweigendem wechselseitigen Einvernehmen oder durch dritte Parteien wie die Amerikaner gezogen wird - in der Vergangenheit oft auch mit Billigung Moskaus. Einige indiskrete Memoiren wie die von Henry Kissinger und Jitzhak Rabin legen beredtes Zeugnis davon ab.
Angebot Syriens äußerst aufschlußreich
Unter diesen Umständen ist das Angebot Syriens, sich um die Beendigung des gegenwärtigen Krieges zu bemühen, weil man die einzige Partei sei, die die Hizbullah zügeln könne, äußerst aufschlußreich. Syrien schafft ein Problem und erwartet dann, eingeladen zu werden, um dieses Problem zu lösen, das heißt: in den Libanon zurückzukehren.
Zu diesen Gefahren, welche die Unabhängigkeit des Libanons auch nach der Zedernrevolution von 2005 weiterhin bedrohen (in dieser Revolution befreite sich der Libanon von der Anwesenheit der syrischen Armee und der syrischen Geheimdienste, die das Land mehr als ein Vierteljahrhundert beherrscht hatten), kommen nun noch die Folgen des aktuellen Kriegs der Israelis gegen die Hizbullah hinzu: die Isolation des Libanons durch die Zerstörung aller Flug- und Seehäfen, der Autobahnen sowie der wichtigsten Brücken und sonstigen Straßenverbindungen; die Zerstörung ganzer Städte und Dörfer vor allem im Süden von Beirut und in der Bekaaebene; die Zerstörung von Fabriken zur Verarbeitung von Milch und Nahrungsmitteln mit dem Ziel, die Wirtschaft zu lähmen, vor allem im Bereich des Handels und des Tourismus.
Eine typische No-win-Situation
Langfristig am schwerwiegendsten jedoch ist die Vertreibung von bislang einer halben Million Menschen und die bevorstehenden Kosten für den Wiederaufbau sowie für ihre Unterbringung und Versorgung bis zu dessen Abschluß. Die Frage, welche Auswirkungen das auf die Struktur der Gesellschaft haben wird und wie man danach zu einem normalen Leben zurückkehren soll, die Frage, wie Schulen und Universitäten wieder geöffnet werden können und ob dies vor Beginn des nächsten akademischen Jahres möglich sein wird - all das kann derzeit nicht beantwortet werden.
Dieser Krieg wird weder mit einem Sieg Israels noch mit einem Sieg der Hizbullah enden. Es handelt sich um eine typische No-win-Situation. Falls die Hizbullah den Krieg überstehen würde, wäre die gesamte Struktur der libanesischen Politik und Gesellschaft aus dem Gleichgewicht gebracht und der Nationalpakt sowie die bereits jetzt destabilisierte Machtverteilung gefährdet. Falls die Hizbullah aber zerschlagen würde, wüchse eine neue Generation radikaler Schiiten in einem Untergrund heran, der sie der Gesellschaft, in die sie integriert werden müßte, noch weiter entfremdete. Die Bereitschaft zum Märtyrertum, bei den Schiiten traditionell stark entwickelt, würde unvorstellbare Ausmaße annehmen und in Kombination mit dem latenten Fanatismus anderer Glaubensgemeinschaften einen Dialog nahezu unmöglich machen.
Ein Hinweis - oder ist es eine Drohung?
Dadurch würde der Libanon noch anfälliger für ausländische Eingriffe und Einflußnahmen - vor allem seitens Iran, das die libanesischen Schiiten heute schon als Geiseln hält. Die Interessen von Iran sind keineswegs nur religiöser Natur. Der Hizbullah-Krieg im Libanon ist eine wichtige Karte im laufenden Verhandlungspoker mit Europa und den Vereinigten Staaten über das Atomprogramm. Daher die von konservativen arabischen Staaten wie Saudi-Arabien und Ägypten geäußerte Befürchtung, der Krieg könne sich als Flächenbrand über den gesamten Nahen und Mittleren Osten ausbreiten. Ein Hinweis darauf - oder handelt es sich um eine Drohung? - ist die aus syrischen Quellen lancierte Nachricht, daß es in Saudi-Arabien seit langem schon eine schlafende Hizbullah gebe.
Der Libanon wird neu erfunden und neu strukturiert werden müssen. Seine Unabhängigkeit wird nur dann Bestand haben, wenn sie durch außergewöhnliche internationale Unterstützung für unantastbar erklärt wird. Denn im Nahen und Mittleren Osten, dessen wichtigster Teil, die sogenannte arabische Welt, unfähig scheint, ihre Kräfte zu vereinen, während die Liga der arabischen Staaten sich auf eine politische Rhetorik beschränkt, der keine Handlungen folgen, bereiten sich gleich zwei weitere Akteure darauf vor, auf dem libanesischen Kriegsschauplatz in Konkurrenz zueinander zu treten.
Nur Melancholie und Nostalgie
Teheran als Hauptstadt der Schiiten und Herold der islamischen Republiken sowie Ankara als sunnitisches Gravitationszentrum und einstiger Vorreiter einer modernen, säkularisierten islamischen Republik. Beide, Türken wie Iraner, geben sich nostalgisch-historischen Erinnerungen an ihre früheren Großreiche hin - das osmanische und das persische -, die ihnen über Jahrhunderte Herrschaft über die Araber garantierten. Und beide Staaten reagieren ebenso allergisch auf den Traum eines Groß-Israel.
Was wird bei alledem aber aus der Botschaft, die der Libanon darstellte? Im Augenblick vermag mein Land nur Melancholie und Nostalgie zu vermitteln. Oder allenfalls ein Gefühl der Vergessenheit. Spannkraft und Beweglichkeit waren die Schlüsselworte, wenn es in den letzten fünfunddreißig Jahren sogenannter Bürgerkriege trotz aller Zerstörungen an den Wiederaufbau ging. Inspiriert wurden wir durch Frieden und Freiheit, die den Kern der libanesischen Botschaft bildeten. Aber sind Begeisterung und Inspiration nicht mittlerweile verflogen?
Aus dem Englischen von Michael Bischoff.
Text: F.A.Z., 29.07.2006, Nr. 174 / Seite 33
Bildmaterial: AP
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