Von Sandra Kerschbaumer
15. März 2006 Ein Mädchen starrt durch ein Mikroskop auf einen Wassertropfen: Nie gesehene Wesen, beschwanzte und unbeschwanzte, dreihändige und hunderthändige, vieläugige und einäugige Wesen und solche, die überhaupt nur aus einem Auge bestanden, sie wimmelten miteinander, durchdrangen einander, flüchteten voreinander, sie strampelten und bissen um sich, sie lebten, sie waren gemein und pflanzten sich ungemein schnell fort, sie waren häßlich, sie waren schön.
Was Henrietta durch das Mikroskop sieht, ist die Welt. Wir Leser drängeln uns hinter ihr und wollen die Welt auch sehen, das Beißen und Ringen, das Buch nicht aus der Hand legen, auch wenn es schon spät ist. Daß wir das unbedingt wollen, liegt an Martin Klugers Erzählweise, die uns in den Wassertropfen hineinsaugt, hinein in das Strudeln und Strampeln.
Medizingeschichte und Arztroman gemischt
Der erfahrene Drehbuchautor erzählt mit einem ungeheuren Tempo. Mit atemlos langen Sätzen und springenden Assoziationen durchmißt er die Kindheit der Protagonistin. Die Mutter stirbt bei der Geburt, der Vater muß von der Heranwachsenden an einem Lederriemen aus den Kneipen gezogen werden. Eine wilde Mischung verschiedener Erzähltechniken und der Zufall führen sie in die Berliner Charité, in die weiten Krankensäle und dunklen Labore, in denen in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts wissenschaftliche Revolutionen stattfinden.
Rudolf Virchow, der Leiter des pathologischen Instituts, strampelt gegen die neue Theorie des Bakteriologen Robert Koch, der Bazillen, also lebende Mikroorganismen, als Ursache für Infektionskrankheiten ausmacht. Gemeinsam mit dem Serologen Paul Ehrlich und anderen wimmelt Koch durch nächtliche Labore und schneidet illegal beschaffte Leichen auf, das Mädchen hilft - begabt und besessen von der Forschung, die 1882 zur Entdeckung des Tuberkulosebakteriums führt. Kluger mischt Medizingeschichte und Arztroman, markante Charaktere, harte Fakten, komisch, ironisch und sentimental. Cross the border!
Berlin, diese Verschwenderin von Schicksalen
Henrietta kommt aus einem Milieu, in dem die Tuberkulose heftig wütet, aus den engen Wohnküchen Berlins, den dunklen Hinterhöfen, in denen die Katzen schreien, die Kinder schwarze Kartoffeln essen und die Väter noch das Droschkengeld für die vorletzte Fahrt der Blut spuckenden Tochter versaufen.
In Klugers Wassertropfen strampeln die Häßlichen und die Schönen, die Sonderbaren und Gewöhnlichen, die alle zusammen das kaiserzeitliche Berlin ausmachen, die Stadt, die Verschwenderin von Schicksalen: Der Himmel sieht aus wie ein ungemachtes rosa Bett, in dem wilde, dreckige Schlafburschen sich gewälzt haben, die Zeitungsjungen fuchteln mit ihren feuchten Blättern vor unseren Nasen herum. Aus der offenen Tür eines Cafés tönt das Gelächter einer Frau von tiefer Stimme. Die Maulwürfe und Eintagsfliegen und toten Motten kehren rußgeschwärzt von der Schicht heim, aus dem klaffenden Loch im Gesicht rinnt der Speichel, sie stolpern in die nächste Destille, die Tür fällt zu und geht wieder auf und fällt zu. Matrosenkleidmädchen mit weißen Schleifen in den Zöpfen werden von ihrer Gouvernante ausgerichtet wie Zinnsoldaten.
Dahinter lauert der Strudel der Geschichte
Das alles passiert gleichzeitig. Die epische Fülle Martin Klugers, die Darstellung der Dreihändigen und Hunderthändigen, Vieläugigen und Einäugigen, sie will uns zeigen, was nebeneinander und übereinander alles existiert. Auch die Zeit macht Sprünge und schiebt die Vergangenheit und die Gegenwart der Erzählung manchmal verwirrend zusammen. Hinter der fortlaufenden Geschichte lauert der Strudel, in dem sich alles wiederholt, neu mischt, schon mal dagewesen ist und wiederkehrt.
Der Fortschritt findet in der Charité und im Kaiserlichen Gesundheitsamt zwar statt, ebenso unter den Stadtbahnbögen, wo ein weiterer kommender Nobelpreisträger, Emil Behringer, mit Pferden experimentiert, um seine Theorie der Immunisierung zu verifizieren und ein Serum gegen die Diphtherie herzustellen. Aber der einzelne Fortschritt ist eingebettet in ein ewiges Kreisen. Das paßt zu diesem durch und durch postmodernen Roman.
Noch durften Frauen nicht studieren
5500 Ärzte treffen im Jahre 1890 zu einem internationalen medizinischen Kongreß in Berlin zusammen und sitzen in einem Zirkuszelt unter einer Kolossalstatue des Äskulap. Die im Gegensatz zu den prominenten historischen Vorbildern vom Autor frei erfundene Protagonistin hat sich in Männerkleidern unter die Besucher gemischt. Anerkennung hat sie sich bei der Doktorenbande durch ihren manischen Wissensdurst und die strenge Arbeitsdisziplin verschafft, als Laborgehilfin die Gelegenheiten erkämpft, die Welt weiterhin durch das Mikroskop zu betrachten. Aber ein Gesetz ist auch für sie gültig: Frauen studieren nicht.
Also sehen wir die ohnehin schillernde Figur ihre Persönlichkeit spalten, sich männliche Wangenschatten schminken und mit einer Studentenmütze auf dem Kopf Vorlesungen besuchen. Martin Kluger macht daraus eine witzige Scharade, und gleichzeitig hebt er den Deckel zum Höllenkochtopf des Ich, in dem phantastische Pläne, Abstürze und Verzweiflung brodeln. Kluger schildert den rasanten Kampf um einen gesellschaftlichen Platz, der durch Geschlecht und Herkommen verwehrt ist, und damit ein letztes Gefecht kurz vor einem Wendepunkt in der Emanzipationsgeschichte: 1900 werden die ersten Frauen zum Studium zugelassen.
Hineingesogen in diesen wilden Taumel
Für Henrietta ist es da zu spät: Von der Gosse in die Spitzenforschung und von dort wieder nach ganz unten - ihr Lebensweg ist einer der überraschenden Wendungen. Fortuna dreht kräftig an ihrem Rad. Das weiß der Autor, der als Universitätsdozent, als literarischer Übersetzer, als Werbetexter und als Drehbuchautor für Film und Tatort gearbeitet hat und in Berlin und Montevideo lebt. Die unwahrscheinlichsten Auf- und Abschwünge nimmt die Liebesgeschichte des Romans, die unsere Heldin platonisch erhöht - Liebe ist nicht Nehmen und Genommenwerden, sondern Sehnsucht nach den Göttern, nach dem Anfang, nach der Zeit vor der Zeit - und auf das gemeinste erniedrigt.
Schwarzlockige italienische Aseptikforscher, heiratsfreudige Oberpostbeamten und sadistische Verderber tauchen im Wechsel auf. Immer spannungssteigernd und herzschlagerhöhend beweisen sie, daß Martin Kluger auch dem Trivialen nicht abgeneigt ist. Spielerisch wechselt er auch sprachlich vom hohen ins niedere Fach, vom Derben zum Zarten, und treibt empfindsameren Rezensentinnen so die Tränen in die Augen. Poetisch, pathetisch, kitschig. Close the gap! Ist das schön, hineingesogen zu werden in diesen wilden Taumel, das Strudeln und Strampeln: Sie lebten, sie waren gemein und pflanzten sich fort, sie waren häßlich, sie waren schön.
Martin Kluger: Die Gehilfin. Roman. DuMont Buchverlag, Köln 2006. 318 S., geb., 19,90 [Euro].
Buchtitel: Die Gehilfin
Buchautor: Kluger, Martin
Text: F.A.Z., 15.03.2006, Nr. 63 / Seite L6
Bildmaterial: DuMont
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