19. Dezember 2009

Ausgehen

Nicht nur Bio-Bier in Bielefeld

Von Christoph Hus und Christina Keppel



Café Berlin
22. Juni 2009 
Auch wenn Bielefeld nicht der Nabel der Welt ist - das Nachtleben braucht den Vergleich zu größeren Städten nicht zu scheuen. Die Mischung reicht von heimelig bis mondän. Und ihr Klein-Mallorca würden die meisten Einheimischen ohnehin am liebsten vergessen.

Wer mit dem Zug in Bielefeld ankommt und den Hinterausgang des Hauptbahnhofs benutzt, sieht seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Neben einem Cinemaxx-Kino erhebt sich ein riesiger Vergnügungstempel wie aus der Retorte. Die Läden hier heißen Pascha, Bier-Börse und Stereo. An warmen Sommerabenden hocken die Besucher an Bistrotischen vor dem monströs geratenen Parkhaus, kippen Bier und Caipi. Stünde da nicht ein Straßenschild, das verkündet, man befinde sich auf dem Ostwestfalen-Platz - man könnte meinen, man sei an den Ballermann geraten. Auch wenn sich diese Szenerie des Grauens mitten in Bielefeld abspielt: Sie ist nicht typisch für die Stadt. Das beeilt sich die Mehrheit der Bielefelder eiligst klarzustellen. Zu Recht.

Glück und Seligkeit

Das echte Bielefelder Herz schlägt ein paar hundert Meter weiter östlich, August-Bebel-Straße, Ecke Viktoriastraße. Im „Milestones“, einem unprätentiösen Laden mit großer Theke und großen Fenstern, schnattern in die Jahre gekommene Doktorandinnen über den neuesten Uni-Klatsch, diskutieren Erstsemester die Vorzüge verschiedener Pils-Sorten, während Hobby-Schauspieler beim Wein ihren Text für das anstehende Stück büffeln. Wer nach oben schaut, verliert sich angesichts der vielen Musikkassetten, die an ihren Bändern von der Decke baumeln, in Gedanken, was er mit dem Abend noch anfangen soll.

Und da gibt es in Bielefeld noch so einige Möglichkeiten, die den Vergleich zu echten Großstädten nicht zu scheuen brauchen. Wer es mondän mag, macht einen Abstecher in die Artur-Ladebeck-Straße. In einer ehemaligen Kirche residiert dort das „Glück und Seligkeit“. Hinter dem riesigen Thekenbalken auf der linken Seite des Kirchenschiffs poliert die Mannschaft Weingläser auf Hochglanz, während mächtige Designerlampen über dem nicht enden wollenden Tisch davor die Blumengestecke beleuchten. Wo früher der Altar stand, lümmeln jetzt smarte Business-Ladys neben Anzugträgern, verspeisen sakral-andächtig mediterranes Gemüse für 11,50 Euro und schlürfen dazu einen „Get-the-power-Tee“.

Mellow Gold

Die meisten Studenten der Stadt treiben sich derweil in der Arndtstraße herum. In direkter Nachbarschaft liegen hier gleich mehrere Läden, die in Bielefeld als Klassiker gelten. Im „Moccaklatsch“ lehnen leichtbekleidete Mädels an der Wand und bestaunen die Bilder, die hier alle paar Wochen ein anderer Künstler aufhängt. Der Bärtige hinter der Theke lässt den Kaffeemaschinen-Monolithen brummen, während ein paar Fußballjungs es sich auf den Sitzkissen im hinteren Eck gemütlich machen. Ein Kristalllüster unter der Decke taucht die muntere Gesellschaft in dämmeriges Licht. Nach einem schnellen Bio-Bier im „Mellow Gold“ oder einem Gin Tonic im „Nichtschwimmer“ direkt gegenüber zieht man weiter durch die Arndtstraße Richtung Westen, unter dem Ostwestfalen-Damm hindurch und an orangefarbenen Studentenwohnheimen vorbei, dessen Bewohner auf den Balkonen um die Wette grillen.

Nur ein paar Schritte weiter liegt die „Wunderbar“. Hier hocken angegraute Wissenschaftler aus der Nachbarschaft neben BWL-Studenten an der Theke und auf der mit Leder bezogenen Bank unter den Fenstern und drücken den Spielern der Arminia die Daumen, die auf dem großen Bildschirm über der Eingangstür kicken. So angestrengt, wie hier alle dreinschauen, glaubt man sofort, dass selbst Neu-Bielefelder schon nach ein paar Wochen in der Stadt ihre ersten Karten für die Alm kaufen - so heißt das örtliche Fußballstadion.

Milestones

Wer nach so viel emotionaler Anspannung Hunger bekommt, hat es nicht weit. Ein paar Meter weiter die Straße entlang duftet es aus dem Wintergarten des „Café Berlin“. Mit Blick auf die Fische im Wandaquarium verdrücken Erstsemester neben jung gebliebenen Rentnern ihre Spinat-Gnocci oder Spaghetti mit Chilli-Tomaten-Pesto. Und hängen dann der Frage nach, ob das Pesto noch ein wenig schärfer hätte sein können.

Zu späterer Stunde bieten sich zum Tanzen das Jugendzentrum „Kamp“ oder der „Ringlokschuppen“ an, wo DJ Nick samstags House und Alternative auflegt. Hier findet man dann alle, die keine Lust auf die Ballermann-Party in Klein-Mallorca hinterm Hauptbahnhof haben. In den vergangenen Jahren hatte eine illegale Party sogar ein wenig Gangstercharme nach Bielefeld gebracht. Doch der sogenannten Totenkopf-Party fehlte offenbar nicht nur die Konzession, ihre Macher zahlten wohl auch keine Steuern - weshalb nun Schluss ist, wie man sich in Bielefeld erzählt.

Moccaklatsch

Kaum lässt sich die Sonne blicken, gibt es für die Bielefelder kein Halten mehr. Dann sind sie ganz Großstädter und wollen von dunklen Bars oder Clubs nichts mehr wissen. Doch statt sich in Biergärten oder auf Wiesen in Parks zu hocken, schwören die Bielefelder auf die Vorzüge des Siggi - so nennen sie liebevoll den Siegfriedplatz im Westen der Stadt. Hierher bringt man eine Decke mit, breitet sie auf dem Pflaster aus, legt sich darauf und trinkt Bier aus mitgebrachten Flaschen. So lässig sind die Leute nicht einmal in Köln oder Hamburg.

Text: Hochschulanzeiger Nr.103, 2009, Seite 84
Bildmaterial: Tim Wegner