15. Dezember 2009

Von provinziell bis großstädtisch

Bielefeld, Stadt mit Eigenschaften

Von Christoph Hus



22. Juni 2009 Kritiker schmähen Bielefeld gern als Mittelmaß, nennen die Stadt farblos und ihre Einwohner unscheinbar. Dabei ist Bielefeld regionales Wirtschaftszentrum und der Sitz zahlreicher Hidden Champions und Top-Marken. Und obendrein hat die Universität ein hervorragendes Renommee und steht in einigen Fächern in den Rankings deutscher Hochschulen ganz oben.

Frank Oberzaucher kann sich noch genau an seinen ersten Eindruck von Bielefeld erinnern. Der gebürtige Österreicher war schier entsetzt. „Es hat geregnet, alles sah schwarz-weiß aus“, berichtet er. „Und ich fragte mich: Wo bist du hier bloß gelandet?“ Auch in den folgenden Wochen freundete sich Oberzaucher nicht mit Bielefeld an. „Der dörfliche Charme hat mich gestört. Die Stadt ist so klein, dass man hier nirgends untertauchen kann, weil man überall Bekannte trifft.“ Das war Oberzaucher aus Wien anders gewohnt.


Es half nichts. Soziologiestudent Oberzaucher hatte sich für ein Erasmus-Semester entschieden, und es hatte ihn nach Bielefeld verschlagen. „Ich musste mich eben auf die Stadt einlassen“, sagt er. „Aber leicht war es am Anfang nicht.“

Dann geschah, was Oberzaucher für unmöglich gehalten hatte: Er schloss seinen Frieden mit Bielefeld. Entdeckte die „wilde Theaterszene“, die „exzellenten Arbeitsbedingungen“ für Soziologen an der Uni und das viele Grün der Stadt. So kam es, dass Oberzaucher nach dem Ende seines Studiums in Wien nach Bielefeld zurückkehrte. Heute arbeitet er hier an seiner Promotion.


Wie dem Österreicher geht es vielen Neu-Bielefeldern: Sie grausen sich, weil die Stadt als durch und durch mittelmäßig gilt. Dieses Image klebt so sehr an Ostwestfalen, dass Spötter vor 15 Jahren die Theorie einer „Bielefeld-Verschwörung“ in die Welt setzten. Bielefeld, so die per Internet verbreitete These, gibt es gar nicht. Der Ort sei eine Erfindung der CIA oder eine gigantische Täuschung von Außerirdischen. Diese Theorien amüsieren Internetfreunde seit fast zwei Jahrzehnten. Für solche Scherze ist Bielefeld das passende Opfer: Die Stadt hat zwar 325.000 Einwohner, davon rund 25.000 Studenten. Doch eine Metropole ist Bielefeld beileibe nicht. Die Größe resultiert eher daraus, dass Dörfer rundherum eingemeindet wurden. Zudem sind die wortkargen Einheimischen nicht gerade als Stimmungskanonen bekannt.

Dennoch hat Bielefeld einiges zu bieten: Die Universität genießt einen hervorragenden Ruf und gilt in manchen Fächern als eine der besten in Deutschland. So hat die renommierte Soziologie-Abteilung der Uni berühmte Wissenschaftler wie Niklas Luhmann und Klaus Hurrelmann hervorgebracht.

Frank Oberzaucher

Und die Stadt bildet das Zentrum einer der wachstumsstärksten Wirtschaftsregionen Deutschlands. Die Unternehmen hier sind zwar keine Konzerne, dafür aber Familienfirmen von Weltruf: Die Maschinenbauer Dürkopp und Gildemeister, der Lebensmittelhersteller Dr. Oetker und das Bekleidungsunternehmen Seidensticker haben in Bielefeld ihren Sitz. Im Umland kommen Bertelsmann und Miele hinzu. Dazu gibt es neben der Uni und der Fachhochschule sogar eine eigene „Fachhochschule des Mittelstands“ in der Stadt.

So kann Bielefeld nicht nur für Studenten ein Karriereturbo sein, sondern auch für viele junge Angestellte der örtlichen Unternehmen. Zum Beispiel für Sigrid Svensen: Die gebürtige Frankfurterin hat in Ingolstadt Betriebswirtschaft studiert, danach kam sie als Trainee zu Dr. Oetker nach Bielefeld. Eineinhalb Jahre lernt sie jetzt verschiedene Abteilungen des Unternehmens kennen. So tourte sie bereits für den Außendienst des Backpulver- und Puddingproduzenten durch Supermärkte und übernahm in Norwegen die Schwangerschaftsvertretung für die dortige Marketingfrau.

Sigrid Svensen

„Dr. Oetker hat eine sehr starke Marke“, sagt Svensen. „Das macht die Arbeit im Marketing besonders spannend.“ Zudem sei Dr. Oetker als Familienunternehmen ein attraktiver Arbeitgeber: „Entscheidungen werden hier langfristig getroffen, anders als in vielen börsennotierten Gesellschaften“, sagt Svensen. Für den Traineejob in Bielefeld hatte sie sich entschieden, ohne die Stadt zu kennen. „Ich war zuvor nie hier gewesen und hatte kein Bild im Kopf“, erinnert sie sich. Das Einleben erleichterten ihr die vielen Kollegen, die ebenfalls nicht aus Bielefeld stammen. Aber auch die Ostwestfalen hat sie schätzen gelernt. „Sie sind sehr herzlich und viel offener, als Kritiker immer behaupten“, urteilt Svensen.

Das sehen auch viele gebürtige Bielefelder so. Und loben neben den ganz handfesten Vorteilen ihrer Heimatstadt die hohe Lebensqualität. Etwa Lars Greif, der in Bielefeld aufgewachsen ist und nun hier Medienwissenschaften studiert. Der 28-Jährige liebt an Bielefeld vor allem die Nähe von Stadt- und Landleben. „Selbst wenn man am Stadtrand wohnt, ist man in zehn Minuten mit der Straßenbahn in der Innenstadt. Fährt man in die andere Richtung, ist man genauso schnell im Wald“, schwärmt Greif. Auch wenn andere das als Mittelmaß verspotten: Für Bielefelder ist es der Inbegriff der goldenen Mitte.

Veranstaltungen 2009

8.5. bis 10.5.:La Strada
Zweitägiger Open-Air-Automobilsalon in der Altstadt. Höhepunkt ist eine Oldtimerparade.

22.5. bis 24.5.: Leineweber-Markt
Das größte Innenstadtfest in Ostwestfalen-Lippe findet jedes Jahr im Mai in der Bielefelder Altstadt statt und gilt als das älteste und traditionsreichste der Region.

6.6.: Carnival der Kulturen
An dem jährlich stattfindenden Umzug durch die Bielefelder Innenstadt beteiligen sich Gruppen und Künstler aus dem In- und Ausland.

13.6.: Nachtreise 7
Theaterkultur in Bielefeld-Mitte. Die freien Theater der Stadt führen bis Mitternacht ihre aktuellen Stücke auf.

24.7. bis 26.7.: Sparrenburgfest
Mittelalterfest, das jedes Jahr im Juli auf der Sparrenburg stattfindet, die über der Bielefelder Innenstadt thront.

7.8. bis 9.8.: Ballon-Fiesta 2009
Drei Tage lang präsentieren die Veranstalter 50 Heißluftballons, Luftschiffe und andere Fluggeräte auf der Bielefelder Radrennbahn. Nachts wird das Spektakel aufwendig beleuchtet.

15.8.: Christopher Street Day
Die Schwulen- und Lesbenparade ist eher aus Köln und Berlin bekannt, steigt aber auch jährlich in der Bielefelder Altstadt. Das Ereignis ist nach seinem Entstehungsort in der New Yorker Christopher Street benannt.

1.9. bis 6.9.: Weinmarkt
Von Dienstag bis Sonntag findet in der Altstadt der Weinmarkt statt. Besucher können deutsche Weine aus allen Regionen probieren.

13.9.: Run & Roll Day
Die noch junge Veranstaltung der Stadtwerke Bielefeld findet 2009 zum sechsten Mal statt. Läufer und Rollerskater haben an diesem Tag die Stadtautobahn Ostwestfalendamm ganz für sich.

16.8.: Wackelpeter - 8. Bielefelder Kinderkulturfest
Das größte Kinder- und Familienfest der Stadt mit Kunst, Musik, Tanz und Theater findet im Ravensberger Park statt.

23.11. bis 30.12.: Weihnachtsmarkt
Über 100 Buden im Fachwerkhäuschenstil bieten in der Bielefelder Innenstadt Reibekuchen, Glühwein und Handwerkskunst an.

Wirtschaftsstandort

Einwohner: 325.582 (2008)
BIP: 9,96 Milliarden Euro (2006)
Arbeitslosenquote: 9,9 Prozent (2008)
Erwerbstätige: 125.530 (sozialversicherungspflichtig Beschäftigte 2007)
Studenten: 25.150 (Wintersemester 2008/2009; berücksichtigt sind Studenten der Uni Bielefeld, FH Bielefeld, FH Mittelstand, FH Diakonie)
Bei der IHK gemeldete Unternehmen: 100.732 (Januar 2009)

Text: Hochschulanzeiger Nr.103, 2009, Seite 76
Bildmaterial: Tim Wegner
 
 
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