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| Dr. Matthias Kulinna |
22. Juni 2009
Kulinna gibt Seminare zu den Themen interkultureller Austausch mit der Türkei und Ethnomarketing.
? Von der Türkei sind die Klischees im Kopf voll. Macho-Kultur, Patriarchat, Emotion statt Ratio - sind das alles nur Vorurteile, oder findet sich genau das im Geschäftsleben wieder?
: Zunächst mal kann man ohnehin nicht von homogenen Blöcken reden. Die Türkei ist ein Riesenland und die Heterogenität ist entsprechend groß. Sie finden Modernes in der Osttürkei, und Sie finden auch anatolische Geschäftskultur mitten in der Metropole Istanbul. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass der Deutsche eher sachbezogen, der Türke eher beziehungsorientiert ist.
? Worauf muss man sich bei türkischen Geschäftspartnern einstellen? Gibt es Dinge, die uns besonders fremd vorkommen?
: Ja klar, zum Beispiel das Nationalgefühl der Türken kommt uns Deutschen in der Regel übersteigert vor. Da sollte man nie gegen argumentieren. Überhaupt sind kontroverse politische und religiöse Themen besser zu vermeiden.
? Privates und Berufliches zu vermischen ist für Deutsche ziemlich gewöhnungsbedürftig...
: ... und unabdingbar: Geschäfte werden nur dann abgeschlossen, wenn man sich gut kennt. Man will wissen, mit wem man es zu tun hat. Überhaupt ist es das Wichtigste, gute Freunde zu haben, das gilt fürs Geschäfts- wie fürs Privatleben. Mein Tipp wäre denn auch immer: Diese beiden Bereiche in der Türkei nicht voneinander zu trennen. Wenn Sie von Kollegen zum Essen eingeladen werden, nehmen Sie immer an. Jeder Kontakt ist wichtig: Man sammelt Kontakte und Beziehungen - irgendwann könnte man sie ja mal gebrauchen. Da werden auch die Familien zuvor miteinbezogen. Genauso wie es üblich ist, den Geschäftspartner zu bewirten. Das Ikram, also die freundliche Bewirtung mit beispielsweise Tee oder Mokka, gehört einfach dazu. Der größte Fehler, den Sie machen können, ist totales Einzelkämpfertum.
? Also das Rezept lautet: Kontakte knüpfen auf Teufel komm raus?
: Genau. Jemanden zu kennen ist Teil des Status. Ohnehin zeigt man generell, was man hat. Das fängt schon bei der Kleidung an. Anzug und Krawatte ist Teil der normalen Geschäftskultur. Ein guter Haarschnitt ist zudem wichtig, ein Friseurtermin pro Woche ist nicht ungewöhnlich. Förmliche Kleidung - das ist auch bei den unteren Chargen ganz wichtig.
? Sind die Chefs in der Türkei tatsächlich so patriarchalisch, wie man immer hört?
: Nun ja, zumindest sind in der Türkei Hierarchien erheblich stärker. Das gilt selbst für internationale Firmen, die in der Türkei ansässig sind. Ich würde mal so formulieren: Die Akzeptanz von Machtdistanz ist höher. Auch wenn ein Chef nicht besonders fähig ist, heißt es eher: Er ist nun mal der Chef, er muss ja nicht unbedingt etwas können. Sich an einen starken Chef heranzuheften, einen gewissen Opportunismus zu pflegen, gilt als üblich.
? Also keine dicke Lippe gegenüber den Vorgesetzten riskieren - was kann man noch falsch machen?
: Es wäre natürlich selbstmörderisch, sich über die religiösen Feiertage oder den Fastenmonat Ramadan aufzuregen. Im Gegenteil: Für einen Christen sollte man es als Ehre verstehen, zum Iftar, dem abendlichen Fastenbrechen im Ramadan, eingeladen zu werden und dabei sein zu können. Im Ramadan sollten Sie ohnehin vorsichtiger auftreten, weil die Leute durch das tägliche Fasten gereizter sind. Da sollten Sie tagsüber nicht unbedingt mit einem Döner in der Hand im Büro auftauchen.
? Wie wird sich die Jobsituation in der Türkei mit Blick auf die Krise entwickeln?
: Allein wegen der Marktsituation bleibt das Land interessant. Die Türkei wird auch in den kommenden Jahren ein hochdynamischer Markt sein, in der gewaltige Investitionen, gerade in der Infrastruktur, zu stemmen sind. Für Ingenieure oder Maschinenbauer ein echtes Betätigungsfeld. Der Markt kann in den nächsten Jahren gar nicht stagnieren, wenn nicht alles zusammenbrechen soll.