12. Mai 2008 Düsseldorf gilt als Schickimicki-Metropole vom Rhein. Doch kaum ein Auswärtiger weiß, wie nah sowohl Köln als auch das Ruhrgebiet sind und wie sich hier rheinischer Frohsinn, liberaler Charme und Geschäftssinn gewinnbringend vermischen. Die Hauptstadt Nordrhein-Westfalens macht es Neuankömmlingen in jeder Hinsicht leicht.
Keine einzige Pappnase in Sicht. Dabei ist das hier doch ein Epizentrum des rheinischen Karnevals! Und die große Galanacht der Prinzengarde Blau-Weiß im Maritim gilt als einer der Höhepunkte der fünften Jahreszeit in Düsseldorf. Aber rote Clownsnasen? Bunte Kostüme? Funkenmariechen? Nichts. Nur Smokings und Abendkleider. Trügen die honorigen Häupter einiger Gäste nicht diese Narrenkappen, man wähnte sich auf einem x-beliebigen Society-Ball.
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| Medienhafen |
Ein junger Smoking-Träger erklärt vom Rand aus, was es mit dieser Art Fastnacht auf sich hat: Das hier ist der gesellschaftliche Karneval, erläutert Markus Erwin, der wie seine ganze Familie Mitglied bei den Blau-Weißen ist. Eine gute Möglichkeit, Leute kennenzulernen - auch geschäftlich. Und nicht ganz so karnevalistisch wie eine Sitzung. Erwin ist stolz darauf, dass Düsseldorf selbst im Karneval schick sein kann. Außerdem, erklärt der 25-Jährige, macht man es Nicht-Rheinländern auf diese Weise leichter, Gefallen an den hiesigen Traditionen zu finden. Es geht ja nicht nur darum, sich sinnlos zu betrinken und dabei Volkslieder zu singen.
Düsseldorf als vornehmere Ausgabe des heiterkeitsfanatischen, aber eben auch proletarischen Köln. So sehen das Düsseldorfer gern, die schon aus Prinzip den Zwist mit dem größeren südlichen Nachbarn pflegen. Doch es ist auch etwas dran: Hier wird genauso gut und gern gefeiert wie überall sonst im Rheinland. Hier gibt es urige Studentenviertel, alternative Ecken und einen guten Schuss Ruhrgebietscharme. Wer die Stadt auf ihre berühmte Königsallee reduziert, Kö genannt, auf der samstags Porsche mit Umlandkennzeichen Taschen voller Gucci und Prada abtransportieren, der weiß jedenfalls nicht viel über Düsseldorf.
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| Henrike Hegemann bei L'Oréal |
Dass es im Stadtbild wochentags dennoch gepflegt und busy zugeht, liegt schlicht daran, dass hier ordentlich Geld verdient wird. Laut Institut der deutschen Wirtschaft rangiert die Wirtschaftsregion Düsseldorf bundesweit auf Platz vier nur knapp hinter München, Frankfurt und Stuttgart. In Sachen Produktivität und bei der Qualität der Arbeitskräfte liegt der Regierungssitz von Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland sogar auf Platz eins. Kein Wunder: Düsseldorf ist ein Konzernstandort erster Güte - hier haben Unternehmen wie Henkel, Metro, Vodafone, Eon, Degussa und die Ergo Versicherungsgruppe ihren Sitz.
Düsseldorf ist definitiv eine Stadt, in der man gut einen Job finden kann, weiß auch Henrike Hegemann. Die 24-Jährige hat im Oktober 2007 als Junior-Controllerin beim Kosmetikkonzern L'Oréal angefangen. Mir gefällt die Mischung hier, sagt die BWLerin, die mit ihren Kollegen die Budgets von zwei L'Oréal-Marken überwacht, die in Apotheken verkauft werden. Ich kann hier im Business-Kostüm weggehen, ohne schief angeguckt zu werden. Gleichzeitig sind Düsseldorfer sehr offen, betont Hegemann. Man lernt immer Leute kennen, wenn man abends unterwegs ist.
Düsseldorf ist definitiv eine Stadt, in der man gut einen Job finden kann.
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| Rasmus Hachmann in seiner Wohnung in Flingern |
Die ehrgeizige Berufseinsteigerin weiß, dass L'Oréal ihr buchstäblich die Welt zu Füßen legt. Mit ihren französischen Kollegen spricht sie englisch, französisch, deutsch - was halt gerade passt. Allein bei L'Oréal Deutschland arbeiten 29 verschiedene Nationalitäten. Und in ein paar Jahren will Hegemann sich ins Ausland versetzen lassen. Ihr Arbeitgeber ist schließlich in 130 Ländern weltweit vertreten.
Auch Steffen Vollmerding war von Düsseldorf überrascht. Meine Erwartungen waren eher niedrig, gibt der 25-jährige Trainee beim Mobilfunkunternehmen Vodafone zu. Meine Heimatstadt Bremen ist von der Einwohnerzahl her fast genauso groß, ich liebe eigentlich sehr große Städte. Doch dann zeigte sich ihm die Rheinmetropole von ihrer weltläufigen Seite: Düsseldorf hat einen richtig urbanen Charakter, schwärmt der Politologe, der bei Vodafone als Assistent des Marketing-Chefs arbeitet. Und man trifft hier sehr viele junge Berufsanfänger.
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| Markus Erwin im Haus des Karnevals in der Altstadt |
Klar, dass auch Nachwuchskarnevalist Markus Erwin bei einem der großen Konzerne arbeitet - vor einem halben Jahr hat er beim Handelskonzern Metro angeheuert. In seiner Freizeit baut er mit seinem Kumpel Philipp derweil eine Jugendgruppe für die blau-weiße Prinzengarde auf. Nach dem letzten Karnevalsball haben die beiden eine Disko-Nacht organisiert. 200 Studenten tanzten bis in den Morgen im Maritim - in Abendgarderobe natürlich. Das soll jungen Leuten helfen, in den Karneval reinzukommen, erklärt Erwin, der seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist, dem Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin. Im Karneval sind schließlich alle per Du, der Vorstandsvorsitzende genauso wie der Handwerker.
Der rheinische Frohsinn als Begleitmusik für gute Geschäfte. Davon kann auch Eser Alper ein Lied singen, der für sechs Monate als Praktikant bei der Werbeagentur Ogilvy & Mather im noblen Medienhafen arbeitet. Düsseldorfer sind frech und freundlich, sagt der gebürtige Türke, der jeden Tag mit dem Zug aus Dortmund zu seinem Traumarbeitgeber anreist, wo man preisgekrönte Kampagnen wie die Dove-Werbespots mit den selbstbewussten Frauen im Normalmaß erfunden hat. Alper kann sich sehr gut vorstellen, dass die liberale und lockere Atmosphäre der Stadt ihren Teil dazu beitrug, dass sich Düsseldorf in den sechziger und siebziger Jahren als El Dorado der deutschen Werbebranche etablierte.
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| Eser Alper vor und im Sitz von Ogilvy im Medienhafen |
Dass Düsseldorf immer noch eine Agenturstadt ist, zeigt nicht nur der Blick ins Handelsregister, wo Branchengrößen wie PR-Riese Pleon, Werbenetzwerk Grey oder eben Ogilvy ihre Einträge haben. Man muss sich nur einmal den Medienhafen anschauen, betont Praktikant Alper, der von seinem Bürofenster in der Abteilung Kreation die alten Dockanlagen sehen kann, auf denen sich jetzt Glastürme und sanierte Lagerhallen aufreihen. Knapp einen Kilometer Luftlinie von der Altstadt entfernt hat sich Düsseldorf ein neues Stadtviertel gegönnt, mit schicken Agentur-Lofts wie dem 200-Mann-Büro von Ogilvy, das im alten Hafen sogar ein eigenes Agentur-Motorboot liegen hat - zur freien Verwendung für alle Mitarbeiter. Wenn sie einen Bootsführerschein haben, schränkt Eser Alper ein.
Kaum vorstellbar, dass in dieser Stadt auch noch Platz für ganz normale Studenten wie Rasmus Hachmann bleibt. In Bilk und Flingern ist es echt nett, sagt der 25-jährige angehende Soziologiebachelor. Für das Nordlicht aus Pinneberg bei Hamburg war schon Düsseldorf ein rheinischer Kulturschock. Er tastet sich aber langsam ran: Die meisten Studenten hier kommen ursprünglich von anderswo, erzählt Hachmann. Vielleicht sind sie gerade deswegen sehr open-minded.
Der Karneval war in Düsseldorf für seinen Geschmack genau richtig dosiert: Ich bin seit zwei Jahren hier, und dieses Jahr habe ich zum ersten Mal ein bisschen mit dem Straßenkarneval angefangen, sagt der Student. Für nächstes Jahr hab ich ein paar Freunde eingeladen - dann versuchen wir es mal in Köln.
Wirtschaftsstandort
Düsseldorf gehört zu den wirtschaftsstärksten Metropolen Europas und kann sich neben Dresden rühmen, die einzige schuldenfreie Großstadt Deutschlands zu sein. Düsseldorf ist Sitz weltweit bedeutender Industrie- und Handelsunternehmen sowie großer Banken. Zahlreiche Werbeagenturen und Modeateliers machen die Stadt zum wichtigen Standort der Kreativen.
Einwohner: 585.846
BIP in Düsseldorf: 36,5 Milliarden Euro (2005), d.h. 80.000 Euro pro Erwerbstätigen Arbeitslosenquote: 10,9 Prozent
Erwerbstätige am Arbeitsort: 463.200
Bei der IHK gemeldete Unternehmen: 75.000