12. Dezember 2009

Ulm: Einleben

Offene Grenzen

Von David Selbach



"Ulmer neigen nicht übermäßig zu Extremen", so Wolf-Henning Petershagen, seit 15 Jahren Redakteur bei Südwest-Presse.
06. Dezember 2004 
Ulm gibt es gleich zweimal - links der Donau alt und schwäbisch, rechts Neu-Ulm und bayerisch. Der Doppelcharakter macht die Menschen zu ausgeglichenen Zeitgenossen.

Ulm liegt immer dazwischen: Zwischen München und Stuttgart, zwischen Bayern und Baden-Württemberg. Zwischen den Flüssen Donau und "Blau". Im Norden heißt die Stadt "Ulm" und ist schwäbisches Mittelzentrum im Musterländle. Auf der anderen Seite der Donau, nur eine Brücke entfernt, wird Ulm zur bayerischen Provinzstadt "Neu-Ulm". Mit eigenem Rathaus, und "NU" statt "UL" auf den Nummernschildern - weil Napoleon die Stadt 1802 zwischen zwei Fürstentümern aufteilte. Man ist nur zwei Zugstunden von Frankfurt entfernt. Aber wenn sich der Nebel verzieht, der im Winter wochenlang alles einhüllt, sieht man im Süden die Zugspitze.

Wer so zwischen den Stühlen sitzt, übt sich in Gelassenheit. "Ulmer neigen nicht übermäßig zu Extremen", sagt Wolf-Henning Petershagen, seit 15 Jahren Redakteur bei der örtlichen Ausgabe der Südwest-Presse. Als Kulturwissenschaftler beschäftigen ihn immer wieder die Geschichte der Stadt und das sanfte Wesen ihrer Bewohner: "Wer zu laut ist, kann hier auf Reserviertheit stoßen." Der Ulmer überlegt zweimal, ob er sich ins Café setzt, "weil dann jeder sieht, daß er nix schafft." Das verbindet ihn mit den fleißigen Stuttgartern. "Im Zweifel ist er aber souverän genug, sich doch hinzusetzen", sagt Petershagen. Das ist dann wieder fast wie im hedonistischen München. Man bleibt in der Kneipe zwar lieber allein am Tisch als sich dazuzusetzen. Trotzdem sind die Ulmer verplaudert und offen. "Liberale Tradition", sagt Petershagen stolz. "Schließlich war Ulm im Mittelalter eine große Handelsstadt."

Daß es Ulm eigentlich zweimal gibt, taugt heute nur noch als Thema zum Blödeln, sagt der Heimatkundler. "Wenn einer nach Neu-Ulm zieht, gibt es Frotzeleien wie: Jetzt wirst du Bayer. Umgekehrt geht das genauso." Als Kind wohnte er selbst mit den Eltern auf bayerischer Seite in Neu-Ulm, ging aber in Baden-Württemberg zur Schule. "Die Grenzen sind offen." Alle sind sich einig, daß man die Schwester-Städte sinnigerweise wieder vereinen sollte, sagt der Journalist. Aber dann müßte sich Neu-Ulm auflösen. Oder Ulm bayerisch werden. "Das würden die Baden-Württemberger nie mitmachen." Immerhin feiert man in Ulm Talkmaster Harald Schmidt als Sohn der Stadt: "Fast ein Ulmer", heißt es in einer Image-Broschüre. "Dirty Harry" erblickte das Licht der Welt in Neu-Ulm.

„Wwenn sich der Nebel verzieht, der im Winter wochenlang alles einhüllt, sieht man im Süden die Zugspitze.“

Die Ulmer trinken bayerisches Bier, essen dazu Maultaschen und Spätzle. Sie sind protestantisch, Kehrwoche inklusive. Es gibt aber auch "ein paar bayerische Elemente", wie Petershagen formuliert, der großen Wert auf den leisen "Ulmer Humor" legt. Das größte Volksfest ist ein Bürger-Karneval am vorletzten Montag im Juli, der "Schwörmontag". Der Bürgermeister stellt sich dann vors Volk und gelobt mit 600 Jahre altem Text "Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein." Anschließend geht halb Ulm "nabaden": Auf Schiffen und Flößen trudelt man in fröhlicher Parade die Donau abwärts bis in den Park "Friedrichs-Au", wo eine große, bierselige Party steigt. Rund ums Münster sind Bühnen aufgebaut. Die Musik schallt bis auf die umliegenden Berge.

Daß die schwäbisch-bayerische Bürgerstadt heute voller preußischer Bismarck- und Wilhelm-Denkmale steht, liegt an der "Bundesfestung". Mitte des 19. Jahrhunderts stampften 8.000 Arbeiter den Schutzwall gegen die napoleonischen Truppen aus der Erde, weil Ulm strategisch wichtig lag, genau auf halbem Weg zwischen Paris und Wien. Von der Superburg, die bei ihrer Einweihung 1859 militärisch schon wieder überholt war, sind heute die gewaltigen, römisch numerierten "Forts" geblieben. Und die Affinität der Ulmer zum Bier: "Damals siedelten sich hier jede Menge Brauereien an", erzählt Petershagen. "Für die Bauarbeiter und Soldaten."

„Alle sind sich einig, daß man die Schwester-Städte sinnigerweise wieder vereinen sollte.“

Die riesige Festung ist nicht der einzige Höhenflug in Ulm. Wer das Münster besichtigt, kommt schnell zu dem Schluß, daß Höhe hier geradezu identitätsstiftend ist. Und so taugt es heute noch zum aufgeregten Artikel in der Lokalzeitung, daß der Fernsehturm Ermingen ganze 97 Zentimeter höher ist als der 161,53 Meter hohe Sakralbau im Stadtzentrum. Seit 1890 dürfen die Ulmer ihr Münster als "höchste Kirche der Christenheit" bezeichnen. Größer als der Kölner Dom.

Ein anderes Wahrzeichen Ulms wird dagegen kleingeschrieben: "ulm" läßt Designer und Architekten weltweit aufhorchen. 1955 eröffnete auf dem Kuhberg die legendäre "Hochschule für Gestaltung", wo Bauhausschüler das Industriedesign perfektionierten. In der Gestalterkommune huldigte man der Kleinschreibung, und machte "ulm" zum Markenzeichen. 1968 wurde der Kuhberg zum Zentrum der örtlichen Jugendrevolte. Dann war Schluß, weil das Geld fehlte. Seitdem gibt es in Ulm nur noch Medizin-Studenten, Mathematiker, Ingenieure und Naturwissenschaftler. Eine geisteswissenschaftliche Fakultät fehlt. "Die Studenten hier sind brav und lernen", sagt Wolf-Henning Petershagen. Er lächelt. "Die machen keinen Rabbatz."

Text: Hochschulanzeiger Nr. 75, 2004
Bildmaterial: Olaf Wittrock