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| Das omegaförmige Mittelportal des Ernst-Ludwig-Hauses |
31. Januar 2005
Darmstadt kämpft mit den übermächtigen Nachbarn Frankfurt und Wiesbaden. Die Einheimischen trotzen allem Spott mit überschwenglichem Selbstbewußtsein - und einem Statussymbol.
Dem echten Darmstädter reicht es nicht, Darmstädter zu sein. Nein: Wer was auf sich hält im hessischen Mittelzentrum, der will ein Heiner" sein. Irgendwie müssen sich die Darmstädter vom mächtigen Nachbarn Frankfurt abgrenzen, der in der ganzen Welt bekannt ist. Und von Wiesbaden, das der Stadt 1949 den Status als hessische Hauptstadt weggenommen hat. Oder den ewigen Namenswitzen über Darm-Stadt" oder den Stadtteil Wixhausen. All dem begegnen sie mit Heiner-Stolz.
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| Betonstkulptur "Die Rache" (1914) von Bernhard Hoetger auf der Mathildenhöhe. Sie gehört neben den drei weiteren allegorischen Figuren "Wut", "Geiz" und "Haß" zu einem Zyklus, der die Schattenseiten des Menschen thematisieren soll. |
Sogar eine Bronzestatue existiert vom Heiner - 1,80 Meter groß und 220 Kilo schwer. Die Stadtillustrierte, die es seit 1924 gibt, ist nach ihm benannt. Und der Heimatverein Darmstädter Heiner", der jedes Jahr im Juli fünf Tage lang das Heinerfest ausruft. Mitfeiern dürfen auch Nicht-Heiner, wobei sich längst nicht jeder Heiner nennen darf. Wer nicht in Darmstadt geboren ist, den hiesigen Dialekt nicht beherrscht und vor allem nicht mit Wasser aus dem großen Woog getauft wurde, dem städtischen Badesee, dem bleibt der Ehrentitel verwehrt.
Daran ist auch Johannes Scherer, Comedian und Moderator beim hessischen Radiosender FFH, gescheitert. In der Nähe von Aschaffenburg geboren, wird er niemals Heiner - war aber schon auf dem Heinerfest. Dafür ist er Luigi, der Italiener, den man bei FFH für jeden Job buchen kann. Für seine Radiosendung ist er in ganz Hessen unterwegs - auch in Darmstadt hat er in einer Massagepraxis ausgeholfen. Wie erfolgreich Luigi bei seinen Aushilfstätigkeiten ist, kann man zwei- bis dreimal in der Woche morgens am Radio mitverfolgen. Auch aus heinerischen Wohnzimmern hat Scherer schon gesendet. Das Heinerfest ist ein richtiges Volksfest", erklärt Scherer. Mir ist da das Schloßgrabenfest lieber. Das kann ich echt empfehlen." Das Schloßgrabenfest ist ein Musikfestival und findet im Mai statt.
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| Das Hessische Landesmuseum, Anziehungspunkt für Liebhber des Jugendstils: seine Sammlung umfaßt über 400 Gebrauchsgegenstände des alltäglichen Lebens. |
Die Darmstädter sind freundlich und offen", sagt Scherer. Man muß sie nur aus der Reserve locken." Das klappt am besten bei einem Glas Apfelwein, verrät der Darmstadt-Kenner. Aber auf keinen Fall pur!" Als Getränk für Neu-Darmstädter empfiehlt er den Gespritzten": Das ist Apfelwein, wahlweise mit Limonade gesüßt oder mit Wasser sauer gelassen. Erstsemester müssen das einfach probieren", sagt Scherer. Total in sei auch Spritz", eine Mischung aus Campari, Riesling und Wasser. Das", betont Scherer, trinkt man nur in Darmstadt."
In der Heinerstadt kann man direkt vor der Haustür jede Menge Kultur schnuppern. Zwar ist im Krieg vieles zerstört worden, aber die Jugendstilbauten rund um die Künstlerkolonie Mathildenhöhe sind erhalten. Der Hochzeitsturm ist wunderschön", sagt Scherer. Der Großherzog von Hessen und Rhein, Ernst Ludwig holte die Künstler Peter Behrens, Paul Bürck, Rudolf Bosselt, Hans Christiansen, Ludwig Habich, Patriz Huber und Joseph Maria Olbrich nach Darmstadt. Damit avancierte die Stadt zum kulturellen Zentrum des Kaiserreichs: In der Hauptstadt der Grafschaft Hessen-Darmstadt und der späteren Kapitale des Volksstaates Hessen in der Weimarer Republik lebten viele Schriftsteller, wie etwa Georg Büchner oder wie Ernst Elias Niebergall, der mit dem Datterich" das Darmstädter Volksstück schlechthin geschrieben hat.
Die Darmstädter sind freundlich und offen. Man muß sie nur aus der Reserve locken."
Darmstadt ist grün, nicht nur wegen seiner vielen Parks und Gärten: Auch der Odenwald liegt gleich um die Ecke. Die Bergstraße fängt im Süden Darmstadts an. Ich sag' nur toller Wein", schwärmt Scherer. Viele fahren morgens zur Arbeit in die City: Morgens melde ich immer Stau da", sagt Radio-DJ Scherer. Das sind meist die Pendler aus dem Odenwald."
Über die Vorzüge der Stadt kann man sich also weniger streiten als über ihren Namen: Gerne belächelt und in seiner Herkunft sehr umstritten. Manche führen die Bezeichnung auf die Alemannen zurück. Andere behaupten, daß die Heiner früher Armstädter hießen und von den ehemaligen Dumstädtern das D geschenkt bekommen haben - die Einwohner des heutigen Nachbarortes Umstadt wollten wohl nicht die Dummen sein. So schlimm ist der Name gar nicht", sagt Scherer. Der Stadtteil Wixhausen und das benachbarte Groß-Rohrheim - die haben schlimme Namen." Dann doch lieber Darmstädter. Heiner kann man als Zugereister eh nicht werden.