12. Dezember 2009

Frankfurt: Einleben

Geld, Gott, Goethe

Von Josy Wübben




08. März 2004 
Frankfurt ist die Finanzmetropole Deutschlands. Schon seit dem Mittelalter strömen regelmäßig Fremde durch den Kreuzpunkt europäischer Handelsstraßen.



Eigentlich gibt es zwei Frankfurts", überlegt Bruder Paulus Terwitte. Der Mann in der braunen Kapuzinerkutte leitet als Guardian das Kloster Liebfrauen mitten im Zentrum der hessischen Finanzmetropole und kennt beide Seiten der Stadt: die glänzenden Hochhausfassaden, die sich nach ihren amerikanischen Vorbildern strecken, und die verwinkelten Fachwerkgassen, in denen Äppelwoi in Bembeln gereicht wird. Die echten Frankfurter sitzen nicht in den schalldichten Vorstandsbüros von Großbanken und Industriekonzernen. Eher schon hinter dem Gemüsestand in der lärmigen Kleinmarkthalle", meint Bruder Paulus. Trotzdem ist die Stadt bekannter für ihre Arbeitsnomaden oben in den Türmen, die nur zum Geldmachen anreisen. Und dann wieder heim zu ihrer Familie fahren." Die Treffen des Rotary-Clubs etwa finden nicht zufällig mittags statt - abends sind die Rotarier längst ausgeflogen. Daß Pendeln zur Arbeit nach Frankfurt so gut funktioniert, hat auch mit dem hervorragend ausgebauten öffentlichen Verkehrsnetz zu tun. Bruder Paulus: Nach Mainz braucht man 25 Minuten, vom Frankfurter bis zum Offenbacher Marktplatz höchstens eine Viertelstunde."



Sie nehmen die Frankfurter ins Gebet: Bruder Amandus...

Neben seiner Arbeit als Großstadtseelsorger verfaßt Bruder Paulus jeden Tag einen Kommentar zum Bild-Titelthema und moderiert eine Ethik-Sendung auf N24. Dem Geistlichen ist das weltliche Banker-Frankfurt wohl-vertraut: Er ist Mitglied im Elephants-Club, wo sich IT-Manager treffen, und hält regelmäßig Vorträge über christliche Werte in der Wirtschaft, etwa bei den Bankern der Dresdner Bank oder Beratern von KPMG. Klar, die Türme machen sich ganz schön wichtig", findet Bruder Paulus. Aber die hiesige Händlermentalität hat auch dazu geführt, daß die Stadt zum Schmelztiegel geworden ist - integrativ und offen für andere Kulturen." Das erlebt er tagtäglich in seiner Kirche: Die Madonna wird jeden Tag von Hinduisten besucht, die in ihr eine Göttin sehen und von Moslems, die die Mutter des Propheten Jesus verehren. Auch der evangelische Pfarrer schaut mit seinem Kind vorbei und zündet eine Friedenskerze an. Und dann kommen natürlich noch die Katholiken, die die Lourdes-Madonna erkennen", erzählt Bruder Paulus. Jeder dritte Frankfurter hat keinen deutschen Paß. Auf der Straße ein babylonisches Sprachengewirr. Im Unterschied zu anderen Städten wie Berlin, die ähnlich multikulturell sind, kennt man sich" im deutlich übersichtlicheren Frankfurt. Vielleicht nicht mit Namen, aber doch vom Sehen", sagt Bruder Amandus Hasselbach, der mit seinem langen weißen Bart wie der Prototyp eines frommen Ordensmannes aussieht. Wenn er auf seinem Weg zur Gehörlosenseelsorge an der Dönerbude vorbeikommt, schallt ihm stets ein Guten Morgen, Papa!" entgegen. Urrumbel" - die Einheimischen - und die zugereisten Eigeblackte" kommen bestens miteinander aus. Hier herrscht ständiges Kommen und Gehen - wie in einer Hafenstadt", überlegt Bruder Amandus. Dazu paßt dann auch irgendwie die anrüchige Kaiserstraße mit ihren Peep-Shows und Bordellen. Im Bahnhofsviertel ist Frankfurt am internationalsten: Auf nicht einmal einem Quadratkilometer leben über 100 Nationalitäten miteinander. Bruder Amandus ist überzeugt: Der ständige Zustrom von Neufrankfurtern erfrischt." Das hat schon Johann Wolfgang von Goethe so gesehen. Und schrieb: In einer Stadt wie Frankfurt befindet man sich in einer wunderlichen Lage: immer sich kreuzende Fremde deuten nach allen Weltgegenden hin und erwecken immer Reiselust." Der berühmteste Sohn der Stadt, der hier Die Leiden des jungen Werther" und Goetz v. Berlichingen" schrieb, ist allgegenwärtig: vom Goethe-Platz über die Goethe-Straße bis hin zur Goethe-Universität - die 1968 allerdings für kurze Zeit Karl-Marx-Universität" hieß. Am hiesigen Institut für Sozialforschung entstand die berühmte Frankfurter Schule", für die Denker wie Max Horkheimer, Jürgen Habermas und Theodor W. Adorno stehen. Insbesondere Adorno hatte Ende der 60er Jahre unter der Studentenrevolte zu leiden. Denn die war hier ebenso heftig wie in Berlin. Eigentlich typisch", erinnert sich Bruder Amandus, Frankfurt war nie Residenzstadt. Deshalb haben die Leute hier wenig Respekt vor Obrigkeiten."

Text: Hochschulanzeiger Nr. 71, 2004
Bildmaterial: Deutsche Börse AG, Josy Wübben