06. Juli 2009

Darmstadt: Ankommen

Von Kellerlöchern und Drei-Zimmer-Palästen

Von Christoph Hus



Raus aus dem Kellerloch, rein in die Vierer-WG: Stefan Baums Zimmer im Studentenwohnheim kostet 192 Euro warm.
31. Januar 2005 
Die Wohnungssuche in Darmstadt ist fast so anstrengend wie in Köln und München. Doch selbst wer abseits der Studentenviertel wohnt, hat keine langen Wege.

Stefan Baum hat schon einiges erlebt. Als der Maschinenbau-Student vor drei Jahren nach Darmstadt kam, mußte er innerhalb weniger Tage ein Zimmer finden. Gemeinsam mit einem Freund machte er sich auf die Suche. Doch etwas Besseres als eine dunkle, enge Kellerwohnung fand sich auf die Schnelle nicht. Dort hielten es die beiden Erstsemester keine zwei Wochen aus. „Dann sind wir geflüchtet", erzählt Stefan. Die nächste Station war ein Zwölf-Quadratmeter-Zimmer im Martinsviertel. Der Vermieter kassierte die Miete in bar und setzte Stefan nach einem halben Jahr vor die Tür, als er eine Quittung verlangte.

Vitamin B machte es möglich: Für drei Zimmer, Küche, Bad und Garten in der Innenstadt zahlen Susanne Brossart und ihr Freund 490 Euro.

Inzwischen hat das Umziehen ein Ende: Stefan hat seine Traumwohnung in einer Vierer-WG im Studentenwohnheim Karlshof gefunden. Vier klotzige Hochhausblöcke, rund 1.000 Studenten, das schummerige Treppenhaus voller Graffiti, ein knarrender Aufzug. Vom obersten Stockwerk aus haben die WG-Bewohner einen atemberaubenden Blick über die Stadt und den Sonnenuntergang. Für sein WG-Zimmer und das gemeinsame Wohnzimmer zahlt Stefan 192 Euro im Monat. Er fühlt sich wohl im Karlshof, auch wenn es durch die Steckdosen zieht. „Hier zerfällt alles, aber man kann es aushalten", sagt der Student.

„Ich bin froh, daß die Küche nicht mehr im Wohnzimmer ist.“

Vor allem zu Semesterbeginn entbrennt in der Studentenstadt ein harter Kampf um die wenigen schönen Wohnungen zu bezahlbaren Preisen. Die Mieten sind ähnlich hoch wie in der benachbarten Metropole Frankfurt. Und wer ein Wohnheimzimmer ergattern will, muß bis zu einem Jahr warten. Viele Erstsemester ziehen deshalb zuerst in eine Übergangswohnung, bis sie etwas Besseres finden.

Eine gute Mischung aus Ruhe und Partystimmung: Iman Sakkaki wohnt auf 18 Quadratmetern im Studentenwohnheim für 220 Euro warm.

Susanne Brossart hatte das nicht nötig, als sie nach Darmstadt kam. Als sie nach ihrem Studium in Gießen hierher umzog, um ein Referendariat an einer Grundschule anzutreten, griff der Vater ihr bei der Wohnungssuche unter die Arme. Brossart Senior arbeitet bei einer Wohnungsbaugesellschaft und ließ seine Beziehungen spielen. So wohnt Susanne jetzt gemeinsam mit ihrem Freund in der Innenstadt auf 56 Quadratmetern für erschwingliche 490 Euro. Drei Zimmer, Küche, Bad und Garten. Die Lehrerin mag die kurzen Wege in Darmstadt. „Wenn wir ausgehen, dann haben wir alles um die Ecke."

Die Darmstädter Bequemlichkeit genießt seit einem halben Jahr auch Iman Sakkaki. Seit der Student zu Hause in Groß-Gerau ausgezogen ist, hat er ein Wohnheimzimmer in der Pallaswiesenstraße. Sein WG-Mitbewohner ist oft ausgeflogen, und so kann Iman tun und lassen, was er mag. Der Student wohnt zentral, in die Uni fährt er nur fünf Minuten mit dem Fahrrad. Abends und am Wochenende finden im Wohnheim häufig Partys statt, zum Beispiel auf der großen Dachterrasse im obersten Stockwerk. „Es ist eine ideale Mischung hier", sagt Iman. „Wenn ich will, habe ich meine Ruhe, aber trotzdem sind viele Leute in der Nähe."

Stephanie Bunzel hat während ihrer Wohnungssuche im Hotel gelebt: als Marketingfrau konnte sie es sich leisten.

Stephanie Bunzel ist im Herbst aus Lüneburg nach Darmstadt umgezogen, um einen Job in der Marketingabteilung eines Software-Unternehmens anzutreten. Die ersten Wochen hat sie im Hotel verbracht und am Abend nach der Arbeit Wohnungen besichtigt. Jetzt hat sie sich in einer kuscheligen Ein-Zimmer-Wohnung im Ikea-Stil eingerichtet und zahlt 320 Euro für 35 Quadratmeter. „Ich bin froh, daß die Küche nicht mehr im Wohnzimmer ist", erinnert sie sich an ihre Studentenzeit. An ihren ersten Tagen in Darmstadt, als sie noch im Hotel einquartiert war, hat sie zunächst keinen Draht zur neuen Heimat gefunden. „Ich hatte das Gefühl, daß Darmstadt nur aus lauten, breiten Straßen besteht", erzählt sie. Mit der neuen Wohnung hat sich das geändert. Jetzt fühlt Stephanie sich zu Hause und hat Darmstadt ins Herz geschlossen.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 76, 2005
Bildmaterial: David Selbach