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| Über Frankfurt lacht die Sonne... |
08. März 2004
Sie dürfen sagt Wolfgang Lindstaedt und blättert in seinen Unterlagen, Frankfurt nicht als Stadt verstehen. Die ganze Region ist wichtig.Zur Bestätigung zieht der Hauptgeschäftsführer der hiesigen Industrie- und Handelskammer (IHK) eine passende Landkarte aus dem Papierstapel vor sich auf dem Tisch: Die Rhein-Main-Banane, die da aufgezeichnet ist, überspannt einen Bogen von der rheinland-pfälzischen Hauptstadt Mainz im Westen bis tief hinter das bayerische Aschaffenburg im Osten, im Zentrum die hessische Metropole: Darüber sprechen wir, wenn wir unsere Region meinen.
Stadt der Pendler
Nun ist Lindstaedt mit seiner Hochachtung für das Umland keineswegs allein - wohl jeder Kammerchef in Deutschland ist bemüht, die eigene Stadt ins Zentrum eines größeren Wirtschaftsraums zu stellen. Doch verhält es sich mit Greater Frankfurt anders als etwa mit München oder Hamburg: Kaum eines der umliegenden Dörfer und Städtchen wurde hier eingemeindet. So hat Frankfurt heute 650.000 Einwohner - und eine halbe Million Arbeitsplätze. Man arbeitet hier. Und lebt woanders, sagt Lindstaedt. Zum Beispiel in den noblen Vororten von Main-Taunus- und Hochtaunuskreis, die man in wenigen Autominuten erreicht, wenn man nicht gerade in die tägliche Pendlerkolonne gerät. Andere wohnen in Offenbach, Hanau oder Wiesbaden, den umliegenden Städten an Main und Rhein, ebenso günstig wie verkehrsgünstig angebunden an die Arbeitsstätte. Oder gar in London, Mailand oder Prag: Mit dem Flugzeug sind sie in spätestens anderthalb Stunden in allen Metropolen Europas", berichtet der IHK-Chef nicht ohne Stolz. Das ist die Gunst unseres Standorts.
Airport City
Der Verkehr bestimmt den Lebensrhythmus der Stadt: Mehr als 450.000 Flugzeuge passieren jedes Jahr den Rhein-Main-Airport, das sind 1.250 Maschinen am Tag, Starts und Landungen im Minutentakt. Sie machen Frankfurt am Main zur wichtigsten Verkehrsdrehscheibe des Kontinents. Und zum attraktiven Platz fürs Wirtschaften: Allein in der Airport City rund um das Rollfeld arbeiten 62.000 Menschen, der Frankfurter Flughafen ist die größte Arbeitsstätte der ganzen Republik. Und nach den Planungen der Investoren, die den Flughafen für rund 3,3 Milliarden Euro um ein drittes Terminal ausbauen wollen, sollen in den kommenden Jahren 100.000 weitere Jobs rund um den Flugverkehr entstehen.
Apropos Verkehr: Auch für den Datentransport im Internet spielt Frankfurt eine zentrale Rolle. 85 Prozent des gesamten öffentlichen Netzverkehrs von Europa laufen am DE-CIX-Knoten, dem Deutschen Commercial Internet Exchange, vorbei. Auch der Kopfbahnhof im Herzen der Frankfurter Innenstadt ist, man ahnt es schon, europaweit der größte seiner Art. Und das Messegelände, von dort bequem aus zu Fuß zu erreichen, das drittgrößte der Welt.
Bankenmetropole
In der City, per S-Bahn vom Flughafen aus in einer Viertelstunde erreichbar, prägen die Wolkenkratzer deutscher und ausländischer Finanzkonzerne das Bild: 80.000 Menschen arbeiten in den Zentralen der Banken und Versicherungen, bei der Deutschen Börse, Hessischer Landes- und Europäischer Zentralbank. Insgesamt sind an die 40 Prozent aller Arbeitsplätze in der Stadt an das Finanzgewerbe gekoppelt. Ein breiter Markt für Berufseinsteiger mit Hochschulabschluß: Zwar bauen die großen Privatbanken tendenziell Arbeitsplätze ab. Rechtsberater, Wirtschaftsprüfer, Steuerkanzleien und ähnliche Dienstleister rund um die Branche expandieren aber kräftig: Ein schnell wachsender Unternehmenszweig sei das Finanzgewerbe unterm Strich, bestätigt Wolfgang Lindstaedt.
Verlagsstandort
Firmen, die immer wieder junge Akademiker einstellen, findet man aber auch in anderen Branchen. So wächst langsam eine Medienszene rund um den traditionsreichen Verlagsstandort, für den der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Deutsche Bibliothek genauso stehen wie die rund 30 Frankfurter Verlage, darunter so bekannte Namen wie Eichborn, Suhrkamp und S. Fischer. In direkter Nachbarschaft zum Chemischen Institut der Universität und dem Max-Planck-Institut für Biophysik beziehen in diesen Wochen die ersten Biotech-Firmen das Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie: Damit Studenten, die sich selbständig machen, einen Inkubator bekommen", so Lindstaedt. Die Biotechnology City, die rundherum wachsen soll, hat die IHK gemeinsam mit dem Land Hessen und der Stadt aus der Taufe gehoben.
Industriegebiet
Schließlich weiß man in der Stadt um seine Tradition: Der Industriepark des Vororts Höchst etwa ist nach wie vor einer der wichtigsten Chemiestandorte Deutschlands. Auch wenn der einstige Farbenkonzern Hoechst jetzt Teil des französischen Pharmaunternehmens Aventis ist und viele Fabriken verkauft hat - Firmen wie der Textilfarbenproduzent Dystar, das Spezialchemikalienunternehmen Clariant und der Industriegasproduzent
Messer Griesheim machen weiterhin am Main gute Geschäfte. Bedarf
an Nachwuchskräften gibt es hier tendenziell im Management, in der Verwaltung und anderen Stabsstellen, sagt Lindstaedt.
Börsenplatz
Jedenfalls, wenn das Geschäft gut läuft. Und darauf hat der IHK-Mann immer einen Blick - schließlich arbeitet er mittendrin: Vom Büroflur aus kann er über einen eigenen Balkon den Deutschen Aktienindex sehen, und zwar live. Die Tafel mit dem Kursbarometer der größten Börse Europas, die andere nur aus dem Fernsehen kennen, hängt quasi vis à vis von Lindtstaedts Schreibtisch: Ich schau schon mehrmals am Tag hier vorbei, sagt er. Denn die Ausschläge auf der Kurve sind für ihn ein Sinnbild des Wirtschaftslebens in der Stadt oder vielmehr der Region: Das Auf und Ab wechselt schnell. Letztlich geht die Kurve aber immer aufwärts.