11. November 2009

Darmstadt

Die Wissenschaftsstadt lockt mit Arbeitsplätzen

Von Aline Schracke, Christoph Hus



Jugendstilhaus nach Entwürfen Joseph M. Olbrich (1900-1901)auf der Mathildenhöhe.
31. Januar 2005 
Ingenieure, Elektrotechniker und Chemiker haben rund um Darmstadt beste Berufsaussichten. Weniger gut sind hingegen die Perspektiven für Wohnungssuchende: Sie müssen sich auf hohe Mieten und lange Wartezeiten einstellen.

Ein Musterländle gibt es nicht nur in Baden-Württemberg, sondern auch in Hessen. Darmstadt und die Rhein-Main-Neckar-Region glänzen mit weltbekannten Unternehmen, bestens ausgebildeten Absolventen und einer niedrigen Arbeitslosenquote. Uwe Vetterlein, Geschäftsführer der Industrie und Handelskammer (IHK) Darmstadt, sieht zuversichtlich in die Zukunft. Er scheut nicht einmal den ambitionierten Vergleich mit München: „Das hört sich zwar zuerst vermessen an", sagt Vetterlein. „Aber wir brauchen uns nicht zu verstecken."

Das Wohngebäude "Die Waldspirale" von Friedensreich Hundertwasser im Bürgerparkviertel.

Der Erfolg kommt nicht von ungefähr. Darmstadt hat eine lange Tradition als Wissenschaftsstadt. Hier gibt es nicht nur drei Hochschulen, sondern auch drei Fraunhofer-Institute. Hinzu kommt ein Technologie- und Innovationszentrum, das gerade erst ausgebaut worden ist. Die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Unternehmen funktioniert: Duale Studiengänge mit den Pharma- und Chemiekonzernen Merck und Röhm sorgen für gut ausgebildete Fachkräfte. Und Studenten müssen sich nicht auf Theorie beschränken. „Wer hier studiert, arbeitet oft schon als Werkstudent für ein Unternehmen der Region", sagt Simone Stratmann, die sich bei der IHK um die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Hochschulen kümmert. Später schreiben viele Studenten auch ihre Diplomarbeiten für ein Unternehmen, das sie bereits kennen.

Das Darmstädter Engagement hat das Land Hessen mit dem Status der Wissenschaftsstadt belohnt. Der Titel lockt nicht nur viele Studenten in die Region, häufig bleiben sie auch nach der Uni dort. Entsprechend hoch ist mit 18,5 Prozent die Akademikerquote in Darmstadt - im Landesdurchschnitt liegt sie bei lediglich 10,1 Prozent. „Das Studentenleben mag in Berlin vielleicht schöner sein, aber hier gibt es mehr Arbeitsplätze", bringt IHK-Frau Stratmann die Vorteile der Region auf den Punkt.

Auch die Russische Kapelle (1897-99), der sogenannte Hochzeitsturm und die Ausstellungshalle von Joseph M. Olbrich mit dem "Lilienbecken" von Albin Müller geben der Mathildenhöhe ihr Gesicht.

„Das Studentenleben mag in Berlin vielleicht schöner sein, aber hier gibt es mehr Arbeitsplätze"

Vor allem Absolventen von Ingenieurstudiengängen haben in der Region gute Aussichten. Die Unternehmen suchen Maschinenbauingenieure, Elektrotechniker und Chemiker. „Auch die IT-Branche stellt jetzt wieder Absolventen ein", berichtet IHK-Chef Vetterlein. Besonders die Kombination von IT und Medien sei für Studenten interessant. Hier sieht der IHK-Geschäftsführer die Zukunft des Standortes Darmstadt. Leuchtendes Beispiel ist T-Online: Die Telekom-Tochter baut gerade auf dem Gelände des Forschungs- und Technologiezentrums seine neue Unternehmenszentrale und will alle Standorte in Darmstadt dort zusammenlegen.

Auch für die Automobil-Branche zeigen sich Vetterlein und Stratmann hoffnungsvoll, trotz der Probleme bei Opel in Rüsselsheim. Die vielen Zulieferer des Autokonzerns aus der Region würde es weniger hart treffen als zunächst befürchtet, beruhigt der IHK-Chef. „Ich vertraue auf die Innovationskraft der Unternehmen."

Trotzdem wollen die Wirtschaftsvertreter der Region die Hände nicht in den Schoß legen. Um den wissenschaftlichen Nachwuchs noch stärker für Naturwissenschaften zu begeistern, hat sich Darmstadt in diesem Jahr an der bundesweiten Veranstaltung „Jahr der Technik" beteiligt, bei der sich Technologie-Unternehmen der Region einer breiten Öffentlichkeit präsentiert haben. „Die Stärke der Region liegt in forschungs- und technologiestarken Unternehmen", sagt Geschäftsführer Vetterlein. „Damit das so bleibt, müssen wir schon früh das Interesse an diesem Thema wecken."

Weitere Punkte auf der Wunschliste der IHK sind die verstärkte Anbindung Darmstadts an das ICE-Netz und der Ausbau des Frankfurter Flughafens. Wirkliche Sorgen macht IHK-Chef Vetterlein lediglich, daß Wohnungen in Darmstadt rar und vergleichsweise teuer sind. Besonders viele Menschen pendeln deshalb von außerhalb zur Arbeit nach Darmstadt. „Da muß die Stadt noch was tun und mehr Wohnraum schaffen", fordert Vetterlein.

1_Jugendstilhaus
Während des Krieges sind in Darmstadt zwar viele Gebäude zerstört worden, aber auf der Mathildenhöhe sind noch einige Jugendstilhäuser erhalten geblieben. Dieses hier wurde nach den Entwürfen des Stararchitekten Joseph Maria Olbrich in den Jahren 1900 und 1901 erbaut.

2_Hundertwasser:
Die Waldspirale wurde vom Wiener Künstler und Architekten Friedensreich Hundertwasser gestaltet. Das Wohngebäude befindet sich im Bürgerparkviertel in Darmstadt und ist das letzte Werk des Architekten vor seinem Tod.

3_Museum Künstlerkolonie: Ernst-Ludwig-Haus: Das nach seinem fürstlichen Mäzen benannte Gebäude wurde 1901 als Atelierhaus der Künstlerkolonie errichtet. Heute dient es als Museum.

4_Mathildenhöhe:
Verschiedene Gebäude geben der Mathildenhöhe ihr Gesicht: Die Russische Kapelle wurde in den Jahren 1897-1899 gebaut, neun Jahre später folgten der sogenannte Hochzeitsturm und die Ausstellungshalle von Joseph Maria Olbrich. Das Lilienbecken stammt von Olbrichs Nachfolger Albin Müller - die Ornamentfliesen stellen den Lebensbaum dar.



Text: Hochschulanzeiger Nr. 76, 2005
Bildmaterial: David Selbach, Nikolaus Heiss