21. August 2008

Burschenschaften, Verbindungen, Corps

Die jungen Füchse von Karlsruhe

Von Andreas Pankratz



Aktive der Katholischen Deutschen Studentenverbindung Schwarzwald. Die KDStV wurde 1926 gegründet und ist eine farbentragende, nicht-schlagende Studentenverbindung an den Hochschulen in Karlsruhe.
23. Juni 2008 
Bei Studentenverbindungen denkt man unweigerlich an Städte wie Göttingen, Tübingen und Heidelberg. Doch auch an den sechs Karlsruher Hochschulen haben die Studentenbünde eine lange Tradition. Mitglieder profitieren von günstigen Mieten und besten Kontakten.

Wenn sich Alexander Ulan zu Beginn eines Semesters mit seinen Bundesbrüdern der Karlsruher Burschenschaft Tulla trifft, betritt er eine ganz eigene Welt: Auf der Veranstaltung - in Verbindungskreisen „Ankneipe“ genannt - tragen die Teilnehmer „Vollcouleur“. Dazu gehören Anzug mit Krawatte, Band und Mütze. Als Erstes wird die Bundesfahne gehisst - sie zeigt die Farben der Burschenschaft. „Begleitet von der Bierorgel singen wir dann Lieder über Jugend und Freiheit, schwingen Grußworte oder sind in Gespräche vertieft“, berichtet der 24-jährige Ulan, der an der Uni Karlsruhe Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Essen und Trinken gehören natürlich auch dazu - darin unterscheiden sich die Feste der Burschenschaft von keiner anderen Studentenparty.

Studentenverbindungen haben in Karlsruhe eine lange Tradition. Die Burschenschaft Teutonia zum Beispiel wurde bereits 1843 gegründet und ist damit eine der ältesten Studentenverbindungen der Stadt. Heute gibt es in Karlsruhe mehr als 30 von ihnen, doch längst nicht alle bezeichnen sich als Burschenschaften. Es gibt Sängerschaften, Turnerschaften, Corps, Katholische Studentenverbindungen, Landsmannschaften und akademisch-wissenschaftliche Verbindungen. Einige bestätigen das Bild von farbentragenden, schlagenden Zirkeln. Andere tragen weder ihre Farben, noch fechten sie. Ihr jeweiliges Profil ist so unterschiedlich wie ihre Philosophie. In einem Punkt gleichen sich jedoch alle: im sogenannten Lebensbundprinzip. Macht ein Aktiver seinen Uni-Abschluss, wird er zum „Alten Herrn“ und setzt sich für die nach- rückenden Bundesbrüder ein. Eine Art Generationenvertrag also, auch für den angehenden Wirtschaftsingenieur Ulan: „Die Unterstützung der Ehemaligen ist notwendig für das Fortbestehen der Activitas.“

Treffpunkt der Füchse, der Aktiven und der Alten Herren ist das Verbindungshaus. Die Burschenschaft Tulla residiert in einem altehrwürdigen Gebäude in der Waldhornstraße 28, gleich gegenüber dem Mathematikbau. Erstsemester treffen hier auf Examenskandidaten und profitieren von ihrer Erfahrung im Studium. Das schätzt auch Tulla-Aktiver Alexander Ulan: „Hilfe im Studium ist für viele ein wichtiger Grund, in die Verbindung einzusteigen“, sagt der angehende Wirtschaftsingenieur. So ist Nachhilfe in den günstigen Mieten schon inbegriffen. Bei den knochenharten technischen Fächern der Uni Karlsruhe ein großes Plus.

Wer in eine Verbindung eintritt, denkt oft bereits an seine Zukunft. Denn durch das Lebensbundprinzip sind Studentenverbindungen ausgeklügelte Alumninetzwerke. „Wenn die Alten Herren entsprechende Posten in der Wirtschaft belegen, bieten sie den Nachkömmlingen Chancen, die sich jeder Student wünscht“, glaubt Bernd Propfe, Aktiver bei der Landsmannschaft Rhenania. „Praktika und Nebenjobs sind da kein Problem - auch der Berufseinstieg ist für uns sicher einfacher.“

Trotz aller Traditionen versuchen sich viele Karlsruher Verbindungen modern zu geben, zum Beispiel indem sie Seminare und Vorträge veranstalten. Auch auf diesem Wege wollen sie ihre Mitglieder auf die Arbeitswelt vorbereiten und ihnen Soft Skills vermitteln. Auch der Umgang untereinander schule Führungs- und Sozialkompetenz und erweitere den Horizont, meint Rhenania-Aktiver Propfe: „Hier kommen Leute zusammen, die sich sonst nie treffen würden - Informatiker, BWLer, Künstler und Ingenieure.“

Blutrünstige Rituale sind dagegen oft ein Mythos, die meisten Verbindungen fechten entweder auf freiwilliger Basis oder gar nicht. Vielmehr scheinen sie ganz menschliche Bedürfnisse zu befriedigen - so auch für Tim Brügge. Er ist in Mönchengladbach aufgewachsen und kam nach Karlsruhe, um Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren. In der Stadt kannte er niemanden, die Katholische Deutsche Studentenverbindung (KDStV) füllte für ihn die Lücke: „Die Verbindung ist wie eine zweite Familie“, schwärmt Brügge. Auch das Verhältnis zu anderen Studentenverbindungen sei meist freundschaftlich. Von links- und rechtsradikalem Denken distanziert sich die KDStV genauso wie die meisten Verbindungen.

Erst Fuchs und dann Aktiver kann beinahe jeder werden. Frauen nimmt die Mehrheit der Verbindungen allerdings nicht auf. So müssen sich auch Tulla und Rhenania den Vorwurf von Nadia Brachmann gefallen lassen: „Frauen dürfen da nur zu Partys - und dann sind sie schmückendes Beiwerk“, klagt die Frauenreferentin des Unabhängigen Studentenausschusses (UstA). Die Maschinenbaustudentin wirft vor allem Burschenschaften eine elitäre und chauvinistische Haltung vor: „Frauen werden da nicht gleichberechtigt behandelt und haben nichts zu sagen.“

Es gibt jedoch in Karlsruhe auch Studentenverbindungen, wo das ganz sicher anders ist. Im Polytechnischen Verein Karlsruhe sowie im Akademischen Verein Hütte gehören seit langem auch Studentinnen zu den Aktiven und sind nicht nur bei Stiftungsfesten willkommen. Wie in allen anderen Verbindungen gilt auch hier das Lebensbundprinzip. Und so werden aus den Studentinnen nach ihrem Abschluss „Alte Damen“.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 97, 2008, Seite 131
Bildmaterial: KDStV