07. September 2008

Trinken mit Tradition

Die zweiten Wohnzimmer

Von Christoph Hus und Anna Polcher




23. Juni 2008 
Wenn Karlsruher ausgehen, dann in Läden, die sie schon seit einer gefühlten Ewigkeit kennen. Und weil die Traditionskneipen der Studenten alle rund um den Ludwigsplatz zu finden sind, kann man an einem Abend mehrfach umziehen - und läuft nur ein paar Schritte.

Abends um kurz nach sieben ist das „Casa Aposto“ am Karlsruher Ludwigsplatz rappelvoll. An den Holztischen hinter der großen Fensterscheibe sitzen Jungs in Holzfällerhemden neben frisch geföhnter Begleitung bei Pizza und Salat, links an der großen Bar hocken ein paar Anzugträger schnatternd beim Prosecco zusammen, während im Ofen der offenen Küche der Feuerschein lodert. Neben vielen Tischen stehen Einkaufstüten - die Karlsruher kommen nicht nur hierher, um sich beim Essen auf einen langen Abend vorzubereiten, sondern auch um sich nach einer anstrengenden Shopping-Tour zu entspannen. Die Lage ist dafür ideal: Die Kaiserstraße, Karlsruhes Einkaufsmeile, liegt direkt um die Ecke. Und der Ludwigsplatz ist das Epizentrum des Karlsruher Nachtlebens. Von hier aus ist fast alles bequem zu Fuß zu erreichen.


Und trotzdem ist das „Casa Aposto“ in Karlsruhe ein Sonderling: Es hat nämlich erst vor zwei Jahren aufgemacht - und passt damit so gar nicht in die Ausgehlandschaft der badischen Metropole. Die ist von Läden geprägt, die es selbst in der Erinnerung inzwischen 30-Jähriger schon immer gab. Wer die Bewohner der Stadt fragt, warum sie Kneipen, Restaurants und Diskos mit langer Tradition mögen, bekommt immer wieder die gleiche Antwort: Wenn es so viele Läden gibt, die sich bewährt haben, wozu braucht man dann neue?

Dem „Casa Aposto“ haben die Karlsruher trotzdem eine Chance gegeben. Und die Besitzer haben sie genutzt: Die Einrichtung des Ladens ist Karlsruhe pur - mehr gemütlich als mondän, mehr funktional als schick, mehr bodenständig als gediegen. Die gleiche Mischung findet man im „Lehners“, ebenfalls am Ludwigsplatz gelegen und eine der ersten Adressen für Studenten. Abgesehen von ein wenig Bayern-Brauhaus-Deko ist man hier ganz auf badischer Linie: An den Wänden hängen Historiengemälde, das Besteck steht in Bierhumpen auf den schweren Holztischen, und flackernde Kerzen verbreiten eine heimelige Stimmung. Die Bar wirkt mit ihren kreisrunden Lampen und der schweren Holzverkleidung wie ein Relikt aus den 30er Jahren. Ingenieurstudenten sitzen dort beim Hoepfner-Pils zusammen und fluchen über die letzte Klausur.


Mindestens ebenso etabliert ist das „Café Emaille“ im Passagenhof gleich um die Ecke. Hier servieren Blondinen in Höchstgeschwindigkeit Schnitzel für kleinstes Geld. Genauso wie in der Schwester-Kneipe „Kippe“ am Durlacher Tor können sich Studenten hier auch am Monatsende noch ein Auswärtsessen abseits der Mensa leisten, zum Beispiel Schnitzel mit Pommes für 3,50 Euro. Und die Anmutung ist so, wie Karlsruher es lieben. An den dunkelrot getünchten Wänden hängen Werbeschilder von anno dazumal - Persil, Knorr und Opel. Das Alter des Publikums ist Kontrast: Schulmädels mit Zöpfen kichern laut, wenn die Schlabberhosenjungs in ihrer Begleitung einen Witz reißen. Daneben Erstsemester, die die neue Freiheit fern von Mama und Papa beim Bier genießen.

Wer nach dem Essen noch Ablenkung sucht, zieht weiter ins „Radio Oriente“ in der Hirschstraße. Im hinteren Teil hat die Kneipe eine kleine Bühne, die ein wenig wie das Kapellenpodest eines Bierzelts anmutet. Mittwochs steigt hier die „Jazz-Bühne“ - ein Karlsruher Geheimtipp. Den Mainstream sucht man dann vergeblich. Angesagt ist eher Außergewöhnliches - zum Beispiel Musik aus der Mongolei. Unter skandinavischen Tulpenlampen tummelt sich ein buntes Völkchen aus Studenten, jung gebliebenen Beamten und Herren und Damen im besten Alter, die alle gern auch mehrmals am Abend einen Blick in die übersichtliche Cocktailkarte werfen.

Wenn die Band ihre Instrumente einpackt und sich an die Bar verdrückt, ziehen die jüngeren Besucher weiter. Zum Beispiel direkt nebenan ins „Spa“. Studenten tanzen hier besonders gern am Freitag, wenn die Party „Student 54“ steigt. Charts sind dann tabu, der DJ legt lieber Evergreens aus den 70ern und 80ern auf. Und trifft damit natürlich den Geschmack der Karlsruher - Altbewährtes kann nicht falsch sein. Unter der Woche zieht es Studenten zum Tanzen auch ins „Unterhaus“, am Hinterausgang des „Café Emaille“. Hier trinken Studenten für wenig Geld. Ganz ähnlich geht es im „Kiwi“ schräg gegenüber zu, wo Schüler und Studenten einträchtig neben roten Sofagarnituren zappeln oder im orangefarbenen Hinterzimmer kuscheln. Stammgäste schwören auf den Chili-Schnaps, der gleich doppelt im Hals brennt.

Für einen späten Absacker empfiehlt sich das „Ohne Gleichen“ am Ludwigsplatz. Wer den anstrengenden Aufstieg in die erste Etage geschafft hat, wird sogleich mit Wohlfühlklängen und Lümmel-Mobiliar belohnt. Kissen gibt es hier im Überfluss, man hockt entweder auf bequemen Sofas oder auf Sitzsäcken, die auf Orientteppichen drapiert sind. Trotz des Rauchverbots in Baden-Württemberg darf man sich hier noch eine Zigarette anzünden, weil der Wirt sich mit einem Trick über die neue Vorschrift hinweggesetzt hat. Früher war eben alles besser.

Die Events des Jahres

20. bis 22.6.2008, Karlsruher Stadtgeburtstag
Beim diesjährigen Jubiläum feiern die Karlsruher sich und ihren Gründer Markgraf von Baden-Durlach zum 293. Mal. Und freuen sich auf Schoppen, Bratwurst und Kerzenausblasen. http://www.stadtgeburtstag-karlsruhe.de

29.6. bis 3.8.2008, Zeltival
Einmonatiges Festival, beim dem fast täglich Bands und Solokünstler im Festzelt auf der Bühne stehen. Darunter sind Showgrößen wie Götz Alsmann zu finden. Fans schwören auf die Mischung aus Bierzelt- und Festivalatmosphäre. http://www.zeltival.de

9.7.2008, Hoepfner Sports-Night
Das sechste internationale Stabhochsprung-Meeting in der Hoepfner-Burg ist auch in diesem Jahr eine Mischung aus Sportevent und Party. Brauer Hoepfner verspricht ein hochkarätiges Starterfeld, unter anderem geht der amtierende deutsche Hallenmeister Tim Lobinger an den Start.

18. bis 20.7.2008, Das Fest
Punk, Rock, Hip-Hop und Jazz: Drei Tage feiern mit Lifemusik, Karaoke und Rummelplatz im Günther-Klotz-Park südwestlich der Innenstadt. In mehr als 20 Jahren ist das familientaugliche Festival zur Institution geworden. Im vergangenen Jahr traten unter anderem die Fantastischen Vier und Beatsteaks auf, außerdem startete das erste Karlsruher Plastikentenrennen. Die Veranstalter rechnen mit rund 50.000 Besuchern pro Tag - schließlich ist der Eintritt frei. http://www.dasfest.net

25. bis 27. 7.2008, 17. Afrikamarkt
Beim afrikanischen Kulturfestival stehen Musiker und Bands aus ganz Afrika auf der Bühne, außerdem stellen Künstler des schwarzen Kontinents ihre Exponate aus. Dazu gibt's Tanz und Trommelworkshops und natürlich typisch afrikanisches Essen. http://www.africansummerfestival.de

2.8.2008, 10. Karlsruher Museumsnacht
Zum 10-jährigen Jubiläum steht die Museumssause unter dem Motto „KAMUNA - Die Kunst zu feiern. Diesmal wollen Natur- und Heimatkundler, Literaten und Historiker es richtig krachen lassen - von 18 bis 1 Uhr. http://www.kamuna.de

2. bis 10.8.2008, 31. Europäische Jonglier Convention
Mehr als 3.000 Jongleure und Artisten kommen im Sommer in die Karlsruher Günther-Klotz-Parkanlage. Rund um die Uhr gibt's Programm mit Gaukler- und Varieté-Vorstellungen, zur Eröffnung paradieren die Jongleure karnevalsähnlich durch die Stadt. http://www.ka2008.de

21.9.2008, 26. FIDUCIA Baden-Marathon Karlsruhe
Bananen und Powerdrinks sind beim Marathon unverzichtbar, in der Schönwetterstadt Karlsruhe gehören außerdem Sonnenbrille und Sunblocker zum Pflichtprogramm. Im letzten Drittel geht's für die nötige Portion Durchhaltewillen an der imposanten Kulisse des Karlsruher Schlosses vorbei. http://www.badenmarathon.de/de

27.11. bis 23.12.2008, Christkindlesmarkt
Keine Weihnachtszeit ohne Glühwein, Reibekuchen und Holzdekor. In Karlsruhe verwandeln heimelige Holzbuden den Marktplatz ab Ende November zum Christkindlesmarkt. Außerdem gibt's im mittelalterlichen Stadtteil Durlach einen Markt rund um die Karlsburg mit Gauklern und Hofnarren.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 97, 2008, Seite 126
Bildmaterial: Tim Wegner