15. Dezember 2009

Patriarchalisch und krisenfest

Arbeiten in der Türkei

Von Peter Ahrens



Geschäftspartner unter sich: In der Türkei ist es üblich, Geschäftliches und Privates miteinander zu vermischen.
22. Juni 2009 
In der Türkei gibt es vor allem ein Gesetz: Der Chef ist der Chef, und der Chef hat immer recht. Dies anzuzweifeln, am besten noch vor versammelter Mannschaft im Unternehmen - das ist eine Todsünde im türkischen Arbeitsleben. Wer dies akzeptiert und damit im Berufsalltag gut leben kann, dem bietet die Türkei einen hochinteressanten und krisensicheren Markt.

„Die berühmten deutschen Tugenden - sie sind in der Türkei hochgeschätzt und nachgefragt“, betont Nikolaus Bemberg, zuständig für Marketing und Markterschließung bei der Deutsch-Türkischen Handelskammer in Istanbul. Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Organisationsfähigkeit - die Klischees, die mit dem deutschen Ruf verknüpft sind, leben in der Vorstellungswelt vieler türkischer Geschäftspartner noch. Was durchaus ein Vorteil ist. „Das Geschäftsklima ist tendenziell deutschfreundlich“, sagt Bemberg. Was zweifellos auch mit den engen Netzen zu tun hat, die Deutsche und Türken in ihrer gemeinsamen Geschichte in den vergangenen 40 Jahren geknüpft haben. Zahlreiche Türken, die heute in den Top-Positionen der heimischen Unternehmen sitzen, haben in Deutschland studiert: Maschinenbau, Elektrotechnik, Ingenieurwissenschaften, Betriebswirtschaft. Was sie dort gelernt haben, setzen sie in der Heimat um. Die Brücke nach Deutschland ist stabil gebaut. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Türken: 11,2 Prozent der türkischen Exporte gingen 2007 nach Deutschland, das ist gegenüber Ländern wie Frankreich, Großbritannien, Italien oder Russland einsame Spitze. Bei den Importen liegt Deutschland hinter Russland auf Rang zwei.

Das alles öffnet deutschen Absolventen Türen in der Türkei. „Man sollte sich aber davor hüten zu glauben, man wisse bereits alles über dieses Land, wenn man hierherkommt“, warnt Bemberg. Das türkische Leben in Deutschland und das in der Heimat - das sind zwei Welten. „Die Firmenkultur wirkt auf uns zuweilen doch sehr gewöhnungsbedürftig“, sagt Bianka Prell, Autorin des Buches „Leben und Arbeiten in der Türkei“.

Beispiel: Berufsverbote für Ausländer. Nach einem immer noch gültigen Gesetz aus dem Jahr 1932 bleiben zahlreiche Berufsgruppen nach wie vor Ausländern verschlossen. Stellen als Richter, Notare, Zahnärzte oder Apotheker sind Türken vorbehalten. Als ausländischer Anwalt kann man in der Türkei nur arbeiten, wenn man sich auf ausländisches Recht spezialisiert hat. Eine Regelung, die wie so vieles in der Türkei allerdings ihre Hintertüren hat. Wenn ein Unternehmen oder ein Krankenhaus begründen kann, warum es bestimmte Spezialkräfte braucht, die es nur aus dem Ausland rekrutieren kann, dann geht dies plötzlich auch. „Aber prinzipiell wird diese Regelung noch immer recht strikt gehandhabt“, sagt Bemberg. Beispiel Hierarchien. „Sie haben Urlaub, wenn der Chef Urlaub macht. Eher nicht. Und wenn der Chef sagt, dass Sie sonntags in der Firma antanzen müssen, dann sollten Sie das besser umgehend tun“, rät Prell. Diskussionen seien da zwecklos. Vor allem die türkischen Unternehmen, die keine deutsche oder internationale Konzernmutter haben, haben sich ihre strikten Strukturen bewahrt. „Anderer Meinung als der Boss zu sein und ihm das vermitteln, das erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl“, sagt Prell. Ohnehin, wenn man zusätzlich noch Frau ist. „Männliche Absolventen, die in die Türkei gehen, haben es sicherlich am Anfang leichter“, sagt Prell, die die Türkei nach wie vor als „Männerdomäne“ beschreibt. Zwar haben viele Frauen den Zugang ins Management von Firmen geschafft, öfter als in vielen westeuropäischen und amerikanischen Unternehmen. Trotzdem ist der Boss meistens ein Mann - immer noch.

„Vieles kann auf jemanden, der in Deutschland aufgewachsen und sozialisiert wurde, befremdlich wirken“, glaubt Prell. Sei es das Klima im Sommer, die zahlreichen religiösen Feiertage, die oft schleppenden Entscheidungsprozesse, die irgendwann durch ein unvermitteltes Machtwort des Chefs abrupt beendet werden, oder die vielfach für Außenstehende undurchschaubaren persönlichen Netzwerke, die von so eminent großer Bedeutung für den Geschäftserfolg sind. Dazu kommt die Neigung, Berufs- und Privatleben zuweilen bis zur Unkenntlichkeit auf eine Weise zu vermischen, die Deutschen zumeist unbekannt ist. „Es gibt den Spruch: In Deutschland werden Geschäfte zwischen Firmen gemacht, in der Türkei zwischen Menschen - und da ist was dran“, sagt Bemberg. Geschäftsabschlüsse werden nur in seltenen Fällen im Büro getätigt. Vielmehr trifft man sich zu einem opulenten Mahl in einem edlen Restaurant, um den Vertrag wasserdicht zu machen. Zuvor wird bei Geschäftsessen oder Privatbesuchen bei der Familie des Geschäftspartners der Abschluss vorbereitet: „Ehe sich wirklich etwas abwickelt - das dauert“, weiß Prell. Immer Tee, immer Kaffee, immer Small Talk - das ist der Schmierstoff, der das türkische Geschäftsleben am Laufen hält. Wer dort auf Eile drängt, stößt auf Ablehnung.

Aber die Geduld zahlt sich aus. Die Türkei ist für Geschäfte und Karrieren immer noch ein relativ krisenfestes Pflaster. Die globale Bankenkrise ist an dem Land zwischen Bosporus, Mittelmeer und Kleinasien nicht spurlos, aber doch stark abgemildert vorbeigezogen. „Die türkischen Banken haben anders als andere Institute in den vergangenen Jahren recht vorsichtig agiert. Das kommt ihnen jetzt zugute“, sagt Bemberg. Auch der Wechselkurs der türkischen Lira zu Euro oder Dollar hat in der Krise nicht so stark gelitten. So ist die Wirtschaft einigermaßen stabil geblieben, hat 2008 insgesamt gegenüber dem Vorjahr noch einmal deutlich zugelegt, auch wenn der Export im Schlussquartal 2008 massiv nachließ. Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise sind am ehesten am Arbeitsmarkt zu spüren: „Entlassungen, Kurzarbeit und Produktionskürzungen, all das ist natürlich auch hier zu beobachten“, so Bemberg. Trotzdem plant die Türkei unbeirrt weiterhin mit Milliardeninvestitionen. Der Mann von der Handelskammer zählt die Branchen auf, in denen man auch in den kommenden Jahren in der Türkei reüssieren dürfte: „Alles, was mit Umwelt und Umwelttechnik zu tun hat, der gesamte Bereich der Energiegewinnung und des Energieverbrauchs, Wohnungsbau, Eisenbahn-Infrastruktur.“ Das von der türkischen Politik ersehnte Datum des EU-Beitritts sitzt dem Land im Nacken und macht „Milliardenbeträge notwendig“ - ein weites Betätigungsfeld für junge Fachleute aus dem Westen.

Wer dazu noch Türkisch spricht, ist oft sogar den türkischen Muttersprachlern gegenüber, die nach Jahren in Deutschland in die Heimat ihrer Eltern zurückkehren, im Vorteil. „Viele türkische Muttersprachler tun sich mit der Heimatkultur schwerer als Deutsche, weil sie diese Kultur bewusst abgelegt haben, als sie in Deutschland waren“, hat Bemberg beobachtet. Er rät daher, sich neben Englisch, das als Geschäftssprache in der Türkei ohne Alternative ist, zumindest Grundkenntnisse der Sprache des Gastlandes anzueignen. Gerade wenn Beruf und privater Alltag sich immer wieder mischen, seien Türkischkenntnisse unerlässlich. Zumal sämtliche Arbeitsverträge in Türkisch abgefasst sind, wie Prell ergänzt. Die Buchautorin rät im Übrigen ausgerechnet von einer Branche ab, mit der die meisten Nicht-Türken ihre ersten Erfahrungen mit diesem Land machen. „Von der Tourismusbranche würde ich als Deutscher besser die Finger lassen“, sagt sie. „Das ist in der Türkei die schwierigste Sparte überhaupt.“ Zum einen seien hier „so ungemein viele Glücksritter unterwegs, die das Bild der Branche kaputt machen“, zum anderen sei der Markt zumindest in den Tourismushochburgen „komplett verteilt“.

Links für die Jobsuche in der Türkei:

Die Deutsch-Türkische Handelskammer ist die erste Anlaufadresse für Informationen um Jobangebote und Firmenengagements in der Türkei:
http://www.dtr-ihk.de

Die Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing bietet zahlreiche Länderinformationen, auch Tipps für den interkulturellen Alltag:
http://www.gtai.de

Auf der Homepage von mymerhaba.com findet man vor allem im Forumsteil zahlreiche Hinweise über den Umgang im türkischen Alltag. „Merhaba“ heißt auf Türkisch übrigens „guten Tag, Hallo“:
http://www.mymerhaba.com

Spezielle Jobbörse für Arbeitsplätze in der Türkei: http://www.apadu-tuerkei.de/arbeiten

Arbeiten in der Türkei - was man sonst noch wissen sollte:

Verdienst: Die Spanne bei den Gehältern ist relativ groß. Die Einstiegsgehälter für Akademiker liegen bei circa 1.200 Euro - die Steigerungsraten sind jedoch schon nach wenigen Jahren relativ hoch. Führungskräfte in Unternehmen verdienen teilweise mehr als Manager in Deutschland.

Arbeitszeit: Tendenziell wird in der Türkei mehr und länger gearbeitet als in Deutschland. Der Samstag ist regulärer Arbeitstag, auch Sonntagsarbeit ist nicht ungewöhnlich. Durch das Vermischen von Privat- und Arbeitsleben kann man die Arbeitszeit nur vage eingrenzen.

Geschäftsessen: „Ein Riesenfehler ist es, sich geizig zu zeigen. Türken schlagen sich regelrecht darum, die Rechnungen beim Essen zu bezahlen. Rechnungen werden nie geteilt. Man muss richtiggehend darum kämpfen, zu bezahlen. Und daran muss man teilnehmen.“ (Dr. Matthias Kulinna, türkeifokus.de)

Text: Hochschulanzeiger Nr.103, 2009, Seite 91
Bildmaterial: dpa