15. Dezember 2009

Arbeit auf der Insel

»Sozialarbeit wird hier mehr geschätzt«

Von Gunda Achterhold



Sozialpädagogin Sabine Rühl hat sich schnell in Cardiff eingelebt. Täglich besucht sie in der walisischen Stadt zwei bis drei Familien und schaut dort nach dem Rechten.
22. Juni 2009 
In Großbritannien ist die Jobsituation für Sozialpädagogen um einiges entspannter als in Deutschland, darüber hinaus ist auch die Bezahlung häufig besser. Sabine Rühl arbeitet seit einem halben Jahr bei einem Children's Services in der südwalisischen Hafenstadt Cardiff, wo sie sich um vernachlässigte Kinder kümmert.

Gerade erst hatte sie ihr Diplom gemacht. Kurz darauf packte Sabine Rühl ihre Koffer und zog nach Wales. „In Großbritannien finden Sozialpädagogen sehr viel leichter einen Job als in Deutschland“, sagt die Fränkin. Seit August 2008 lebt sie in der walisischen Hauptstadt Cardiff und kümmert sich als Sozialarbeiterin um Kinder, die in Schwierigkeiten stecken. „Ich arbeite in einem sogenannten District Team und betreue verschiedene Fälle“, erzählt Sabine Rühl. „Gerade für Berufseinsteiger sind die Bedingungen hier deutlich interessanter!“ Schulische Probleme, Schwierigkeiten mit den Eltern, Missbrauch - beim Children's Services hat die Deutsche mit der ganzen Bandbreite von Problemen zu tun, in die Kinder geraten können. „Zu meinen Aufgaben gehört es, alle nötigen Maßnahmen zu managen“, erklärt sie. „Ich gehe in die Familien, stelle fest, was gebraucht wird, und schnüre ein ganzes Paket an Hilfen zusammen.“ Eine anspruchsvolle Aufgabe, für die qualifizierte Kräfte gebraucht werden. „Da es auf der Insel noch nicht so lange Studiengänge für soziale Arbeit gibt, fehlen vor Ort die Leute.“ Das sei der Grund, warum zahlreiche Sozialarbeiter aus dem Ausland rekrutiert werden und die Teams entsprechend sehr international seien.

Eine moderne Einkaufspassage mit Cafés und Geschäften.

Sabine Rühl hat nach ihrem Studium alles auf eine Karte gesetzt - und sich in Deutschland gar nicht erst beworben. Als ihr an der Uni in Bamberg zum ersten Mal Aushänge britischer Recruiter ins Auge fielen, holte sie sich einen Termin beim Arbeitsamt. Was sie dort über ihre beruflichen Perspektiven in Großbritannien erfuhr, klang überzeugend. „Von dem Moment an habe ich alles danach ausgerichtet.“ Über die Vermittlungsagentur Jacaranda, dem offiziellen Partner der Agentur für Arbeit, erhielt sie kurz nach den Prüfungen ein Jobangebot. „Ich habe mich auch gleich in Cardiff beworben, weil ich die Stelle so super fand“, erzählt sie. Die frischgebackene Diplom-Sozialpädagogin sah die Sache eher als einen Test, um zu sehen, wie die Chancen überhaupt stehen. „Ziemlich kurios, dass es gleich beim ersten Mal geklappt hat.“ Im Mai flog sie zum Vorstellungsgespräch in die südwalisische Hafenstadt und lernte im Rahmen eines „Shadow Day“ andere Mitarbeiter und die Arbeit eines District Teams kennen. „Über Jacaranda bin ich vorher gebrieft und mit Fachliteratur versorgt worden. Dadurch kannte ich mich mit dem System der britischen Sozialdienste ganz gut aus.“ Als zwei Wochen später die Zusage kam, ging der Papierkrieg los. Sie musste sich als Sozialpädagogin registrieren lassen, brauchte eine „National Insurance Number“ und ein polizeiliches Führungszeugnis speziell für die Arbeit mit Kindern. „Wenn man deutsche Effizienz gewohnt ist, sollte man immer zwei Wochen dazuaddieren und genug Zeit einplanen“, rät Sabine Rühl. So ganz hat es dann doch nicht geklappt. Den ersten Monat musste die Wahl-Waliserin von Erspartem leben, da das britische Führungszeugnis auf sich warten ließ.

Auch wenn noch immer vieles neu und manches ungewohnt ist, hat sich die deutsche Sozialarbeiterin gut in ihrer neuen Heimat eingelebt. „Ich hatte Glück und habe gleich eine WG mit zwei sehr netten walisischen Jungs gefunden“, erzählt sie. „Es gibt mehr Wohnungen als Interessenten, die Mieten liegen allerdings höher als bei uns in Bamberg.“ Für ihr Zimmer in der zweistöckigen Wohnung bezahlt die Deutsche 350 Pfund im Monat, das sind umgerechnet etwa 440 Euro. „Dafür wohnen wir in einer sehr guten Gegend, direkt am Wasser und mit Blick aufs Meer.“ Heimweh kam gar nicht erst auf. „Cardiff ist eine sehr junge, lebhafte Stadt mit vielen Studenten, und so habe ich sehr schnell viele Leute kennengelernt.“ Aber auch zu deutschen Einwohnern hatte sie von Anfang an Kontakt. „Es sind einige Sozialpädagogen hier, die ich schon aus Deutschland kenne.“ Einen Abend mit deutschen Freunden zu verbringen - nach einem langen Arbeitstag empfindet Sabine Rühl das durchaus als Erholung. Die sprachlichen Anforderungen hat sie vor dem Wechsel nach Wales unterschätzt. Eigentlich habe ihr die Sprache immer sehr gelegen, sie habe zur Vorbereitung englische Bücher gelesen und DVDs auf Englisch geschaut. Aber sich den ganzen Tag in einer fremden Sprache mit schwierigen Sachverhalten auseinandersetzen zu müssen, das sei eben doch noch einmal etwas ganz anderes. „Der walisische Dialekt ist zwar kein großes Problem, aber ich muss viel fragen und Sätze nachkontrollieren, damit sie auch richtig bei mir ankommen“, so die Sozialpädagogin. „Manche speziellen Fachbegriffe würde ich wahrscheinlich nicht mal im Deutschen auf Anhieb verstehen.“ Negative Reaktionen gab es deshalb noch nie. „Es ist eher umgekehrt. Viele sind beeindruckt, dass man sich mit ihnen in ihrer Sprache fließend unterhalten kann.“

Die St. Mary Street ist eine beliebte Einkaufsstraße.

Als Jahrespraktikantin im Bereich Gesundheitsförderung hat Sabine Rühl die sozialen Dienste in Deutschland kennengelernt und als Praktikantin beim Jugendamt Erfahrung im Umgang mit Kindern und Jugendlichen gesammelt. „Die Unterschiede zwischen dem deutschen und dem britischen System sind enorm“, stellt sie fest. „Hier läuft alles sehr strukturiert ab. In Deutschland sind Sozialpädagogen etwas freier und flexibler in dem, was sie tun und für angemessen halten.“ Wird das District Team in einen Fall involviert, setzt ein Prozess ein, der eine Kette von Vorgehensweisen nach sich zieht. Schritt für Schritt. „Innerhalb dieser Strukturen kann ich jedoch frei entscheiden, wie ich Hilfen und Angebote arrangiere, und mir wird auch Vertrauen entgegengebracht“, so Rühl. Für sie als Anfängerin wirke so ein festes Korsett durchaus unterstützend. „Ich kann eigentlich gar keine großen Fehler machen.“ Das System ist auch sehr viel stärker hierarchisch geprägt. Den Sozialarbeitern eines District Teams stehen vier bis fünf Teammanager vor. Mit ihnen werden alle Maßnahmen abgesprochen. Diesen wiederum sind sogenannte Servicemanager vorgesetzt. „Aber dafür kann man hier auch als Sozialpädagoge zu verschiedenen Levels aufsteigen und Karriere machen - was in Deutschland schwieriger ist“, betont Sabine Rühl.

Nicht nur Teammanager verdienen gutes Geld. Auch die Social Worker kommen im Vergleich zu deutschen Löhnen besser weg. Sabine Rühl verdient brutto 24.000 Pfund im Jahr. Etwa 800 Euro mehr im Monat, als sie in Deutschland auf einer Stelle für Berufsanfänger zu erwarten hätte. Die Anforderungen sind allerdings knackig. „Es ist eine ausgesprochen anspruchsvolle Tätigkeit“, sagt Sabine Rühl. „Ich habe noch nie etwas so Forderndes gemacht.“ Sozialpädagogen in Großbritannien sind zudem verpflichtet, sich alle drei Jahre neu registrieren zu lassen. Voraussetzung ist eine bestimmte Stundenzahl an Trainings, die man während dieser Zeit absolviert haben muss. „In Deutschland wird um solche Fortbildungen häufig gekämpft“, stellt die deutsche Sozialpädagogin fest. „Diese Trainings bringen viel für den Job, aber man muss schon Prioritäten setzen, um sein Pensum auch zu schaffen.“ Gleich in der zweiten Woche hat sie sich ein eigenes Auto gekauft. „Wir betreuen ein sehr großes Gebiet und sind für einen Hausbesuch manchmal eine halbe Stunde unterwegs, mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln würde das gar nicht gehen.“ Zwei bis drei Termine in Familien oder Team-Meetings kommen an jedem Tag zusammen, daneben jede Menge Papierkram, Berichte, Einschätzungen, Diagnosen. „Ich kann mir den Tag zwar selbst einteilen und mir zum Beispiel den Nachmittag vollpacken mit Terminen, um morgens die Schreibtischarbeit zu erledigen“, erzählt sie. „Ein Notruf kann den Zeitplan aber jederzeit über den Haufen werfen.“ Viel Zeit zum Reflektieren bleibe jedenfalls nicht.

Straßenmusiker spielen in der Fußgängerzone.

Umso wichtiger sind ihr die Wochenenden. „Cardiff hat zwar nur um die 320.000 Einwohner, aber man kann hier sehr viel machen“, so die Deutsche. „Es ist keine außergewöhnlich attraktive Stadt, aber es ist viel im Wandel, und sie liegt sehr schön, so direkt am Meer.“ Am liebsten telefoniert sie sonntags im Freundeskreis herum, packt den Wagen voll und fährt ins Grüne. „Ich habe hier angefangen zu wandern und will im Sommer das Surfen ausprobieren.“ Das Klima in dem südwalisischen Meeresstädtchen ist mild und bestens geeignet für Outdoor-Aktivitäten. „Es ist nur eine Dreiviertelstunde bis zum nächsten Nationalpark mit vielen Wanderwegen und eine halbe Stunde bis zum nächsten tollen Strand, da kriegt man gut den Kopf frei.“ Abends geht es dann gemeinsam in den Pub zum Essen. „Die Ernährung ist hier schon anders, vor allem Fertigprodukte sind sehr beliebt“, sagt Sabine Rühl und lacht. „Man lernt das deutsche Brot und die Wurst schnell zu schätzen.“ Ganz wichtig ist den Walisern ihr „Sunday Dinner“, das gerne in einem der vielen Pubs genossen wird, die es in reicher Auswahl gibt. „Dafür gibt es hier keine Döner-Buden.“ Sabine Rühl kauft viel in den kleinen indischen Läden ein, die überall in Cardiff zu finden sind. „Aber man passt sich ja leider sehr schnell an und kauft auch selbst mal eben ein Sandwich auf die Hand oder Fish 'n' Chips.“ Ein wenig entsetzt hat sie der Anblick von riesigen Chipstüten in den Regalen der Supermärkte. Gefüllt mit vielen kleinen Beuteln, die es zu fast jeder Gelegenheit gibt, wie sie auch als Sozialarbeiterin immer wieder leidvoll erfahren muss. „Kinder kriegen die sogar als Brotzeit mit.“

Wie lange sie beim Children's Services bleiben wird, weiß die Sozialpädagogin aus Franken noch nicht. Geplant ist auf jeden Fall ein längerer Aufenthalt in Wales. Um den vollen Betrag des sogenannten Relocation Package (s. Kasten) auszuschöpfen, muss sie drei Jahre bei ihrem Arbeitgeber bleiben. Wechselt Sabine Rühl eher den Job, wird ein Teil der insgesamt 8.000 Pfund zurückgefordert. Die Umzugskostenpauschale deckt die entstandenen Unkosten der Jobeinsteiger aus dem Ausland ab. Die Flüge im Vorfeld, zu Vorstellungsgespräch und Wohnungssuche, gehören ebenso dazu wie die Kosten für neue Möbel, Spedition oder Auto. „Ich habe mir nur einen kleinen Container mit eigenen Sachen nachschicken lassen, den Rest habe ich mir hier gekauft“, so Rühl. „Der Betrag wiegt aber auf jeden Fall die Kosten auf.“ Drei, vier Jahre, diesen Zeitrahmen hält sie für ihre Aufgabe beim Children's Services für realistisch, da der Job aufreibend ist. Auf der anderen Seite weiß sie den britischen Arbeitsmarkt und die Rahmenbedingungen für Sozialpädagogen zu schätzen. „Es gibt genug Stellen, und es wäre nicht schwierig, später einmal einen neuen Job zu finden“, stellt die deutsche Sozialarbeiterin fest. „Außerdem ist es schön, dass unsere Arbeit hier mehr wertgeschätzt wird.“

Vermittlungsdienst für Sozialpädagogen
Die sozialpädagogische Ausbildung in Deutschland genießt bei den Briten einen hervorragenden Ruf. Jobvermittler wie Jacaranda Recruitment Ltd. werben daher gezielt Arbeitskräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt an. Das auf die Sozialbranche ausgerichtete Dienstleistungsunternehmen vermittelt Langzeitjobs in England, Schottland und Wales. Jacaranda - offizieller Partner der Bundesagentur für Arbeit - unterstützt und berät bei der Karriereplanung, hilft bei der Arbeitsbeschaffung, leistet Interview-Coaching und gibt Anleitung bei der Erledigung formeller Angelegenheiten. Der Service ist kostenlos. Weitere Informationen über http://www.work-in-the-uk.com.

30 Sozialpädagogen für Sonderprojekt gesucht
„Das Thema Pädagogik erfährt in England außerordentliches Interesse“, betont Ingolf Block, Jacaranda-Arbeitsvermittler in London. „Aktuell sind wir offizieller Partner eines von der britischen Regierung finanzierten Pilotprojektes, das die Auswirkungen der Einführung des sozialpädagogischen Ansatzes in der Heimerziehung untersucht.“ Im Rahmen dieses zweijährigen Projekts ist die Einstellung von 30 Sozialpädagogen aus Deutschland geplant. Vergeben werden Zweijahresverträge für die Arbeit mit gefährdeten Kindern und Jugendlichen in der Heimerziehung in England.
Kontakt:
>
Joel Attar, joel@jacaranda-recruitment.co.uk ,
Tel.: (00 44) 20 86 76 56 15 oder
> Abby Ladbrooke, abby@jacaranda-recruitment.co.uk ,
Tel.: (00 44) 20 86 76 56 16

Stichwort: DCSF-Projekt 00378

Relocation Packages
Relocation Packages sind keine einheitlich konzipierten Leistungspakete für Jobeinsteiger im Ausland. Diese zusätzlichen Leistungen für ausländische Arbeitnehmer sind sehr unterschiedlich ausgestaltet, variieren in der Summe und haben unterschiedliche Voraussetzungen. Manche Arbeitgeber bieten sie überhaupt nicht an.

Das Relocation Package von Sabine Rühl umfasste folgende Leistungen:
>
8.000 britische Pfund gegen Belegvorlage zum Kauf von notwendigen Einrichtungsgegenständen
> 25 Prozent konnten vorab als Anzahlung abgefragt werden
> alternativ: Übernahme von max. zwölf Monatsmieten bis zu 500 Pfund monatlich
> 100 Prozent Rückzahlung bei Kündigung durch den Arbeitnehmer binnen zwei Jahren nach Beschäftigungsaufnahme > 50 Prozent Rückzahlung bei Kündigung durch den Arbeitnehmer binnen drei Jahren nach Beschäftigungsaufnahme
> bis zu drei unbezahlte Urlaubstage zur Wohnungssuche

Text: Hochschulanzeiger Nr.103, 2009, Seite 88
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa, privat