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| "Höher als Big Ben" - das Ulmer Münster |
06. Dezember 2004
Ulm kann zu Recht als stiller Star gelten: Kaum jemand weiß, daß Akademiker hier Handys entwickeln und Laster bauen können, bei Maschinenbauern Jobs finden und neue Medikamente erforschen. Die schwäbisch-bayerische Region wächst rasant und wird mehr und mehr zum High-Tech-Standort.
In der Werbung wagen sich die sonst so zurückhaltenden Ulmer ziemlich weit vor: "Testsieger: Ulm" ließ das schwäbische Mittelzentrum im Herbst 2003 in allen deutschen Gazetten annoncieren. Ihre Stadt, so die Botschaft, sei besser als London, Rio und Los Angeles. Warum? Na ja, weil das Münster eben nicht nur den Big Ben an Höhe übertreffe, sondern auch die Christus-Statue auf dem Zuckerhut und den "Hollywood"-Schriftzug über Los Angeles.
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| Otto Sälzle, Hauptgeschäftsführer der IHK Ulm |
"Wir sind wirklich gut", erklärt Otto Sälzle, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Ulm die launige Werbeaktion. "Nur wissen das zu wenige." Die Region rund um Ulm und das benachbarte Neu-Ulm haben weit mehr zu bieten als den höchsten Kirchturm der Welt. Gemeinsam bringen es die Baden-Württembergische und die Bayerische Hälfte der Stadt zwar nur auf 170.000 Einwohner, im Umland kommen aber fast 330.000 Menschen dazu, von denen jeden Tag 50.000 in die City pendeln. Die Wirtschaftszeitung Handelsblatt kürte Ulm unlängst zum "Stillen Star" unter Deutschlands Wachstumsregionen.
Konsequent haben die hiesigen Wirtschaftsförderer Ulm zum Wissens- und Technologiestandort ausgebaut. Die Stadt, die bis in die siebziger Jahre keine eigene Universität hatte, nennt sich heute "Wissenschaftsstadt". Das Konterfei Albert Einsteins prangt an jeder Ecke, obwohl der Physiker nur seine ersten 15 Lebensmonate in Ulm verbracht hat. Egal: Forschung und Entwicklung machen in der Region mittlerweile fast vier Prozent der Bruttowertschöpfung aus, damit nimmt Ulm in Baden-Württemberg Platz zwei hinter Stuttgart ein, und liegt in Deutschlands Spitzengruppe.
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| Schwäbische Tugenden an der Grenze zu bayerischer Lebensart: Die Kehrwoche ist in Ulm Pflichtprogramm. |
Ulm und Umgebung sind "die Apotheke Deutschlands", erklärt IHK-Chef Sälzle, ein Zentrum für Pharmaunternehmen wie Ratiopharm und Rentschler. Die große medizinische Fakultät mit angeschlossener Uni-Klinik und mehreren tausend Studienplätzen könne den Bedarf der Personalabteilungen alleine nicht dekken, sagt Sälzle. Ulm gilt als einer der größten deutschen Standorte der Pharmaforschung, vor allem seit Branchen-Multi Boehringer/Ingelheim 1999 seine gesamten Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten ins nahe Biberach verlegt hat.
"Keine andere Region bietet auch so viele Arbeitsplätze in der Biotechnologie", betont Sälzle. "Andere Regionen haben vielleicht mehr Unternehmen - aber wir schreiben schwarze Zahlen." Gleich nebenan, bei Nokia und Siemens, werden High-Tech-Handys gebaut: "Jedes zehnte Handy weltweit wurde hier entwickelt", sagt IHK-Chef Sälzle stolz, denn Nokia unterhält in Ulm sein größtes Labor.
Der letzte Boom dieser Art liegt 100 Jahre zurück, und er zeigt sich heute noch: Nachdem die Reichsstadt 1859 zur "Bundesfestung" ausgebaut worden war, siedelten sich zahlreiche Rüstungsbetriebe, Fahrzeugtechniker und Maschinenbauer in Ulm an. Ihre Nachkommen behaupten sich erfolgreich: Weltfirmen wie Liebherr, Setra, Kässbohrer, Iveco Magirus und Bosch Rexroth haben ihren Sitz in Ulm - um nur einige zu nennen. Sälzles IHK-Bezirk kann heute mit der "höchsten Dichte an Nutzfahrzeugherstellern in Deutschland" aufwarten - nirgendwo sind im Verhältnis so viele IHK-Unternehmen in der Branche tätig, fast 10.000 Menschen arbeiten bei den Laster-Firmen und ihren Zulieferern.
Trotz rühriger PR-Aktionen bekommt aber kaum jemand mit, was sich in Ulm tut. Wer hierher zieht, wird häufig belächelt. Ulm gilt nicht gerade als Metropole. "Für Süddeutschland ist sie das aber durchaus", hält Sälzle dagegen. "Wir haben alles, was eine Großstadt bieten muß - ohne die Nachteile", sagt er: keine nennenswerte Kriminalität, niedrige Lebenshaltungskosten und eine schöne Lage in der Nachbarschaft von Alpen und Bodensee. Wem es in Ulm trotz allem mal langweilig wird, der kommt auch schnell weg: Die Autobahnen A7 und A8 kommen hier genauso an wie der ICE von Frankfurt nach München.
Wir haben alles, was eine Großstadt bieten muß - ohne die Nachteile.
Ulms Einwohnerzahl steigt jedenfalls beständig. Vor allem die Grenzlage zwischen Bayern und Baden-Württemberg mache die Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm so anziehend, sagt Sälzle. "Das ist zwar in manchen Dingen ein Hemmschuh, beflügelt uns aber auch, findig zu sein. Wir versuchen, gemeinsam das Beste daraus zu machen."
Sälzle schaut optimistisch in die Zukunft der Stadt: "Obwohl die Region nicht groß ist, hat sie ein hohes wirtschaftliches Potential." Nirgendwo in Baden-Württemberg wagen sich mehr Gründer in die Selbständigkeit: Von 2000 bis 2004 stieg die Zahl der IHK-Mitglieder um 18 Prozent. Sein Ulm werde sich bald zur "zentralen Verkehrsdrehscheibe in Süddeutschland" entwickeln, hofft Sälzle. 2012 soll eine neue ICE-Trasse die Ulmer direkt zum Flughafen Stuttgart bringen - schneller, als von vielen Stuttgarter Stadtteilen, erläutert Sälzle. Man hat Großes vor: "Ulm wird die Alternative zu München und Nürnberg werden."