09. November 2009

Ulm: Ausgehen

Viel Vergnügen

Von Olaf Wittrock und David Selbach



Ulmer Ausgehadressen
06. Dezember 2004 
Um das Ulmer Nachtleben muß man sich nicht sorgen. Passende Ausgehadressen gibt es für jeden Geschmack. Erstaunlich: Selbst verwöhnte Großstadtflaneure kommen in der kleinen Stadt auf ihre Kosten.

Schräg gegenüber dem alten Rathaus liegt der Eingang zum "Trödler Abraham". Hinter der Holztür führt die ausgelatschte Treppe hinab in ein Lokal, das seine Gäste als "urgemütliche Kellerpinte" beschreiben. Vor dem ersten und erst recht nach dem zehnten Humpen. Wir vermuten: eine Absteige für Mathematiker im dritten Semester. Typisch Ulm.

Draußen Türsteher, drinnen großformatige Schwarzweiß-Drucke: das "Citrus"

Am Rande der Altstadt, zwischen Frisören und Arztpraxen, stehen zwei schwarz gekleidete Türsteher vor dem "Citrus". Hinter der Glastür geht es in einen cremefarbenen Clubraum, den die gutgekleidete Klientel als "P1 von Ulm" beschreiben könnte. Am "Business Clubing"-Donnerstag genauso wie am Samstag, wenn der DJ "Impressionen" auflegt. Wir glauben: Der "Place to be" für junge Vollverdiener. Und noch typischer für Ulm. Die kleine Stadt an Donau und Blau hat zwar nur eine Straßenbahnlinie, die von Ost nach West pendelt. Ulm trägt dennoch mehr Züge einer Metropole, als man vermutet. Weil die Doppelstadt in Baden-Württemberg und Bayern ein riesiges Hinterland mit Nachtleben versorgt. Und weil hier eine Menge Leute Geld verdienen - und ausgeben wollen.

„Die konsequenteste Ulmer Innenstadtdisco ist ein Anatomiesaal zur Abendunterhaltung.“

Ladenlokale zu Lokal-Läden: das "Olga"

Diese Szene trifft sich im "Citrus" unter Kronleuchtern, läßt den Blick bisweilen vom Rand des Cocktail-Bechers über Schwarzweiß-Drucke wandern, auf denen sich großformatige Wäschemodels verbiegen. Im gediegenen Tanzkeller beginnt die Primetime um Eins: Angefeuert vom Licht roter Kerzen und leichter House-Musik holen sich Ulmer Nachtschwärmer ihre Dosis Wohlgefühl.

Tatsächlich läßt sich ein Wochenende in Ulm zur regelrechten Tour ausbauen - und zwar ganz nach Geschmack. Die Frischgefönten kommen auch im "Yellow" zurecht. Dort winkt man die Gäste direkt in den Keller, auf der Leinwand läuft Fashion-TV, an der Theke wippen junge Banker und begutachten gemeinsam den Zustand der Tanznische.

Alternative Rock und gepiercte Studenten in der "Puffer-Bar"

Wem es im Yellow samstags zu live zugeht, wenn der Chef seine Lieblingsbands aufspielen läßt, der kann ins "Myers" gleich ums Eck entschwinden. Die konsequenteste Ulmer Innenstadtdisco besteht aus einer runden Galerie, von der aus die Gäste auf den Tanzkreis eine Etage tiefer schauen. Unten drängt sich die Masse um eine chromblitzende Stange für die besonders Extrovertierten. Ein Anatomiesaal zur Abendunterhaltung.

Auch Flaschenbiertrinker mit handgekämmtem Pony finden in Ulm ihr Glück. An der im Norden der City gelegenen Olgastraße gibt es zwei Ladenlokale, aus denen findige Kneipiers Lokal-Läden gemacht haben. Im "Olga" lacht Elvis vom Spiegel. Der Chef kommt zu den Gästen an den Tisch, im Schaufenster gesellt sich das Publikum zur Plastikpuppen-Sammlung. Es riecht nach kaltem Rauch und Duftbaum "Ananas". Aus den Boxen plätschert Elektro-Klingklang.

„Das Sportfernsehen von Premiere läuft glücklicherweise ohne Ton.“

Ein Anatomiesaal zur Abendunterhaltung: das "Myers"

Ein paar Häuser weiter die "Puffer-Bar": Ein schöner Aufenthaltsort, nicht nur für 60er-Jahre-Fans. Bei Alternative und Rock hängen gepiercte Studenten auf Pilzkopf-Sesseln. Weißer Flokati rahmt die Türen, unter der Decke hängt ein Kreuzgewölbe aus roten Lichterketten. Die Olgastraße muß man sich nicht schöntrinken.

Rustikalere Naturen haben in schwäbisch-bayerischem Ambiente ohnehin wenig Sorgen. Absturztaugliche Institutionen wie der "Trödler" vertragen sich prima mit Biergärten, Wirtshäusern und Spätzle-Küchen. Ein Laden, auf den sich offensichtlich alle einigen, ist der immervolle "Wilde Mann" im Altstadt-Fischerviertel. Es gibt Flammkuchen und gutes Bier, mit Kerzen und Holzbalken ist die Kneipe gemütlich, ohne rustikal zu sein. Einziger Szene-Kitsch: Die Großbildleinwand im Nebenzimmer, auf der das Sportfernsehen von Premiere läuft. Aber glücklicherweise ohne Ton.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 75, 2004
Bildmaterial: Olaf Wittrock