19. Dezember 2009
Die Börse in Stuttgart

Wer hätte das gedacht

Krisenstimmung in Stuttgart

Von Sibylle Schikora



14. Oktober 2009 Die Finanzkrise hat nicht nur die Weltwirtschaft ins Wanken gebracht. Im Stuttgarter Raum hat besonders das Image des schwäbischen Mittelstands stark gelitten. Galt er bislang als Garant für Reichtum, Jobs und Wohlstand in der Region, zeigt sich jetzt, wie schnell selbst traditionsreiche Familienunternehmen von heute auf morgen in Gefahr geraten können. Das bekommen nicht zuletzt auch Hochschulabsolventen zu spüren.

Stuttgart kämpft besonders mit den Folgen der Finanzkrise, denn die baden-württembergische Landeshauptstadt gehört zu den größten industriellen Zentren Europas. Rund um die Stadt hat sich ein Netz aus Produzenten, Zulieferern, Forschungseinrichtungen, Hochschulen und Instituten vieler Branchen entwickelt - vor allem der Autoindustrie. Gerade diese Stärke wurde der Region jetzt zum Verhängnis. Zwischen Frühjahr 2008 und Jahresbeginn 2009 gingen die Aufträge der hiesigen Unternehmen um rund 75 Prozent zurück, belegen Zahlen der IHK. Rund drei Viertel aller Industrieunternehmen setzen deshalb derzeit auf Kurzarbeit. Ein Schock für das erfolgsverwöhnte Stuttgart. Die baden-württembergische Landeshauptstadt wird sich aber von der Krise erholen, ist Doktorandin Frauke Goll überzeugt. Die 28-Jährige promoviert am Technischen Betriebswirtschaftlichen Institut der Uni Stuttgart. Dort untersucht sie, inwieweit Unternehmensphilosophien im Geschäftsalltag umgesetzt werden. Ihr erster Eindruck: „Vor allem große Konzerne schreiben sich etwa Vertrauen auf die Fahne, geben es aber nicht in der Zusammenarbeit mit ihren Angestellten weiter“, sagt sie. „Mittelständische Unternehmen sind dagegen eng mit ihrem Unternehmen und ihren Mitarbeitern verbunden“, sagt Goll. „Das mittelständische Umfeld kann der Stadt daher nur zugutekommen.“ Auch die Stimmung in der Bevölkerung sei mittlerweile wieder gut. „Alle sind zuversichtlich, dass die extremen Auftragsrückgänge bald überwunden sind.“

Julia Birn

Im Herbst 2008 stürzte die Stadt erst einmal in einen Schockzustand. „In der Region herrschte von einem Tag auf den anderen große Unsicherheit“, erzählt Jan Trescher, der gerade seine Bachelorarbeit beim Getriebebauer Getrag schreibt. „Jeder hat um seinen Job gebangt. Niemand wusste, wie es weitergeht.“ Trescher selbst hat den Einbruch der Krise vor Ort erlebt. Im Wintersemester 2008/2009 machte er ein Praktikum bei Getrag und hatte schließlich eine Diplomandenstelle ergattert. Doch dann brach der US-Markt zusammen, die Firma setzte auf Kurzarbeit und verhängte einen Einstellungsstopp. „Auf einmal galt die Zusage nicht mehr“, erzählt der Fahrzeugtechnikstudent. Doch Trescher hatte Glück. Sein Betreuer setzte sich für ihn ein, und so forscht der 24-Jährige nun ein halbes Jahr lang für die Getrag, wie sich Verzahnungen im Getriebe verbessern lassen. Ob es für ihn danach in der Automobilindustrie weitergeht, ist offen. „Ich würde gerne bei Fahrzeugen bleiben“, sagt Trescher. „Aber auch als Ingenieur muss man bei der Jobsuche Kompromisse eingehen. Die Zeiten, in denen wir uns nur die Sahnestückchen herauspicken konnten, sind vorbei.“

Die besonders guten Jobs für Nachwuchsingenieure sind mittlerweile spärlich. Es gibt sie aber noch. Denn manche Unternehmen setzen weiterhin darauf, Nachwuchs zu rekrutieren, um auch in Zukunft ausreichend Fachpersonal zu haben. Entsprechend hart umkämpft sind die Stellen. Der studierte Elektrotechniker Arnd Hogh-Binder hat im Juni als Trainee bei der Daimler AG begonnen. Hogh-Binder spezialisiert sich beim Stuttgarter Autobauer jetzt auf Hybridantriebe für Busse. „Bei uns entsteht aus Prototypen Serientechnologie“, sagt Hogh-Binder. Für den 26-Jährigen stand bereits während des Studiums fest, dass er in die Automobilbranche will. Seine Seminare hat er im Hauptstudium danach ausgewählt und seine Diplomarbeit bei Daimler geschrieben. Mit rund 15 Kollegen baut er nun die Hybridbusse der Zukunft. Seine Hauptaufgabe: Er stimmt die elektronische Architektur und die Steuergeräte des Fahrzeugs aufeinander ab. Auch nach seiner Zeit als Trainee will er im Bereich alternativer Antriebe arbeiten. „Kraftstoffeinsparungen werden immer im Fokus des Interesses stehen“, sagt der Baden-Württemberger. Er ist sich sicher: „Es gibt ausreichend Jobchancen.“

Smudo

Nicht für jeden Stuttgarter Technologiestudenten muss sich alles um Autos drehen. Sebastian Helmling studiert Technologiemanagement, eine Kombination aus Wirtschaftsingenieur und Maschinenbau. Die meisten seiner Mitstudenten legen ihren Schwerpunkt auf die Automobilbranche. „Viele kommen aus der Region Stuttgart, oft aus einer Autofamilie“, sagt Helmling. „Da arbeitet der Vater bereits als Ingenieur beim Daimler, die Mutter beim Zulieferer.“ Helmling aber will mit seinem Studium etwas anderes anfangen. Er will sich auf Energietechnologie spezialisieren. Auch mit diesem Berufsziel gibt es ausreichend Einsatzmöglichkeiten in der Region. „Wer hier studiert, profitiert von der Wirtschaft im Umland“, sagt der 26-jährige Helmling. „Fast alle Branchen sind vertreten. Arbeit gibt es überall.“ Für Ingenieure ist Stuttgart daher noch immer optimaler Ausgangspunkt für die Karriere. Jedenfalls, wenn die Prognose eintrifft - und es mit der Wirtschaft bald wieder bergauf geht.

Julia Birn studiert Internationales Finanzmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen und macht ihr Praxissemester an der Börse Stuttgart. Dort lernt die 24-Jährige die Arbeit der Händler auf dem Parkett kennen.

Die Börse ist typisch für Stuttgart: Hier wird geschafft - am Fließband wie auf dem Parkett. Sie spielt auch international eine große Rolle. Immerhin laufen 40 Prozent der Orders in Deutschland über Stuttgart. Bei Zertifikaten und Optionsscheinen ist die hiesige Börse sogar europaweit Marktführer. Das geht oft neben all den Autobauern und -zulieferern im Ländle unter. Als Praktikantin erlebe ich den Handel von Finanzprodukten hautnah und lerne, wie der Anleihenhandel funktioniert. Die Börse Stuttgart hat eine Besonderheit: Die Händler hier greifen noch aktiv ins Geschehen ein. Das heißt, der Handel läuft nicht vollelektronisch. Die Händler kaufen häufig Anleihen im Wert von 50.000 Euro oder mehr auf das eigene Buch und müssen sie anschließend wieder verkaufen - oder umgekehrt. Dadurch hat man viel Kontakt zu den anderen Handelsteilnehmern, hauptsächlich Banken. Nach Absprache mit meinen Kollegen übernehme auch ich diese Tätigkeiten. Am Anfang ist das eine riesige Herausforderung. Jeder Arbeitsplatz verfügt über acht Monitore mit unendlich vielen Daten und Zahlen und man weiß zunächst nicht, welche wichtig sind. Mit der Zeit lässt sich die Flut an Informationen jedoch gut selektieren und bewerten.

Ich könnte mir gut vorstellen, auch nach meinem Studium an der Börse zu arbeiten. Dafür würde ich gerne in Stuttgart bleiben, denn hier fühle ich mich zu Hause.

Smudo, Mitglied der Popgruppe „Die Fantastischen Vier“, ist in Gerlingen nahe Stuttgart aufgewachsen und begann seine musikalische Karriere im Ländle. Seit 1996 wohnt er in Hamburg, ist aber immer wieder in seiner alten Heimat anzutreffen.

Mit Stuttgart verbindet mich heute vor allem die Arbeit. Das Fanta4-Management und unser Firmensitz sind dort. Außerdem hat unser Produzent And.Y dort sein Studio. Deshalb bin ich geschäftlich immer wieder in Stuttgart. Gerade vor der Fanta4-Jubiläumsshow am 25. Juli auf dem Cannstatter Wasn war ich regelmäßig dort. Stuttgart ist hauptsächlich noch meine Heimat. Meine Eltern leben dort. Und wir hatten mit Fanta4 dort unsere Anfangszeit. Uns hat geholfen, dass Stuttgart eine Studentenstadt ist, in der es nicht nur viele Studenten, sondern auch Studentenpartys gibt. In der Auf-jedem-Feschtle-Auftreten-Zeit waren wir auf fast jeder studentischen Veranstaltung auf der Bühne. Und konnten so jede Menge Erfahrungen sammeln. Dennoch muss man sagen, dass wir aus Stuttgart nicht von Anfang an die Unterstützung bekommen haben, wie wir sie jetzt bei unserem Jubiläum erlebt haben. Typisch schwäbisch ist nämlich die Bescheidenheit. Dem Schwaben fehlt der Stolz auf die eigene Stadt. Der Lokalpatriotismus eines Hanseaten oder Rheinländers ist in Württemberg unbekannt. Ein Grund vermutlich, warum wir erst in unserer Heimat mit ausverkauften Konzerten geehrt wurden, nachdem wir fast alle weggezogen waren.

Mittlerweile kenne ich mich in Stuttgart - vor allem in der Partyszene - nicht mehr aus. Ich gehe in Stuttgart kaum weg. Daher habe ich jetzt auch keine heißen Szenetipps auf Lager. Um Ausgehtipps zu finden, müsste ich selbst in Stadtmagazinen blättern.

Region in Zahlen

Einwohner: 592.000
BIP in Stuttgart: 94.800 Millionen Euro, 65.700 Euro je Erwerbstätigen (Stand 2006) Arbeitslosenquote: 6,2 Prozent (Stand März 2009)
Erwerbstätige: 467.000 (Stand 2007)
Studenten: rund 43.000
Unternehmen: 41.000 steuerpflichtige Unternehmen (Stand 2008)
Wichtige Branchen: Finanzen, Automobil, Informationstechnik, Maschinenbau und Elektrotechnik, Luft- und Raumfahrt

Text: Hochschulanzeiger Nr. 104, 2009, Seite 84
Bildmaterial: Schepers, Tim Wegner
 
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