21. Dezember 2009

Kneipe oder Location

Die geteilte Stadt

Von Sibylle Schikora



Il Po modoro
14. Oktober 2009 
In Stuttgart gibt es zwei Möglichkeiten auszugehen. Entweder in die Szenebars auf der Theodor-Heuss-Straße. Oder eben nicht. Wohin man geht, entscheidet darüber, wer man ist.

Ein Sommerabend in Stuttgart beginnt entspannt am Wilhelmsplatz. Direkt an der Straßenkreuzung, an der die Wilhelmstraße in die verstopfte Hauptstätter Straße mündet, trifft sich die schwäbische Schickeria in High Heels mit Studenten, die ihr altes Baseballcap und ihre Sneakers auftragen. Sie gehen zusammen ins „Noodle 1“, direkt an der Straßenecke, und essen im modern schlichten Ambiente in Grün asiatische Nudelsuppen und Wok-Gerichte. Dazu schlürfen sie einen „Dá chanh“ mit Limetten und Rohrzucker, das Nationalgetränk Vietnams. Oder sie treffen sich zwei Häuser weiter im rustikalen „Il Pomodoro“. Anfangs unscheinbar, verbreitet das Restaurant beim genauen Hinsehen tatsächlich so etwas wie italienisches Flair - und das mitten im Ländle. Der Italiener ist längst kein Geheimtipp mehr. Wer es vor 19 Uhr nicht schafft, muss warten. Dafür gibt es dann in familiärer Stimmung luftig leichte Pizza aus dem Holzofen, hausgemachte Pasta und Steaks aus der offenen Küche mit italienischer Lebensfreude serviert. Für zehn Euro kann sich das Partyvolk hier für die lange Nacht stärken.

Palast der Republik

Nach dem Essen trennen sich die Wege der Stuttgarter - und scheiden sich die Geister, was angesagt und out ist. Die baden-württembergische Metropole ist so tief in zwei Lager gespalten wie kaum eine andere deutsche Großstadt. Das Ziel der einen Gruppe ist die Theodor-Heuss-Straße. Während auf der vierspurigen Schneise durch die Stadtmitte teure Sportwagen und Luxuskarossen den Motor aufheulen lassen, geben sich die schicken Mädels und Jungs aus der Stadt und von der schwäbischen Alb betont lässig. Die Bars hier sind nicht einfach Kneipen, sondern Locations. Wie etwa die „Suite 212“, die so viel Platz bietet, dass sich früh am Abend keiner zu setzen traut. Auf braunen Lederquadern, mitten im dunkelbraun gestrichenen Raum aufgetürmt, lässt man sich erst zu später Stunde nieder und erholt sich abseits der Discoboys vom Tanz zur elektronischen Musik. Wem es hier nicht gefällt, geht einfach eine paar Meter weiter. Dort wartet schon die nächste loungige Bar mit den gleichen Leuten und einem coolen DJ.

Das Nachtleben in der baden-württembergischen Metropole kann sich aber auch von einer ganz anderen Seite zeigen. Besonders krass gebärdet sich die Feieralternative am „Palast der Republik“. Der steht auf einer Verkehrsinsel und ist nicht viel mehr als ein Pavillon mit einem kleinen Platz davor. Hier trifft im Sommer Büdchen- auf Studentensubkultur. Der Anzugträger mit italienischen Lederschuhen lässt seinen Abend hier ebenso entspannt ausklingen wie das Mädel in der Blümchenbluse. Man braucht kein Outfit. Sondern vor allem einen Platz. Den ergattert man entweder auf einem der raren Stühle oder bildet einfach im Stehen Grüppchen. Wer noch entspannter ist, setzt sich auf den Boden, auf die Baumumrandung aus Beton. Oder legt sich einfach wie bei einer privaten Grillparty im Park hin.

Hier hört die Tristesse der Uni-Seminare auf. Es beginnt das wahre Studentenleben.

Mata Hari

Alternativ weiter geht's am Hans-im-Glück-Platz. Wo sich Geiß- und Töpferstraße kreuzen, steht ein kleiner Brunnen, der dem Platz seinen Namen gab. Hier findet jeder Nachtschwärmer ein Zuhause für den Abend. Schaltragende Menschen, die an rosafarbenen Drinks nippen, treffen sich im barock verzierten „Ruben's“. Die Eckkneipe ist voll mit Engelkitsch, silber eingerahmten Promibildern vom Stuttgarter CSD und kunstvoll aufgereihten Gläsern.

Um die Ecke geht es ins berüchtigte Bermuda-Dreieck, wo sich eine Studentenkneipe an die andere reiht. Lieblingstreff ist das „Mata Hari“. Das vereint - wenn man es genau betrachtet - zwei Kneipen in einer. Von der Töpferstraße aus hat die Bar den Charakter eines amerikanischen Diners. Während hier große Gruppen auf geschwungenen, blauen Plastikpolstern an langen Tischen sitzen und diskutieren, wohin sie später weiterziehen sollen, gibt es auf der Geißstraßenseite verwinkelte Ecken. Von hier sieht es aus, als hätten Studenten die Wohnzimmer ihrer Omas ausgeräumt, um es sich gemütlich zu machen. Auf plüschigen, ausgesessenen Sesseln sitzen alternativ angehauchte Drittsemester mit Strickmütze und extra weitem Shirt. Über ihnen hängt ein in Goldrahmen gefasster Akt aus der Jahrhundertwende an der rot-rosa gestreiften Sechziger-Jahre-Tapete. Rocker mit Tattoos und geweiteten Ohrlöchern servieren, aber auch zugezogene Mädchen mit Tuch und Top. Man bestellt Wulle, Augustiner, Cluss oder Astra, gerne auch mal die 1-Liter-Flasche San Miguel, und lässt sich überraschen, ob man vor Ort versackt oder später doch noch weiterzieht.

Ruben’s

Eine Tür weiter ist das „Bergamo/Transit“. Das hat nicht nur aufgrund seiner zwei Eingänge zwei Namen, sondern ebenso zwei Gesichter. Draußen kommt die Bar ganz süß verspielt daher. Mit weißen Klappstühlen und rot-weiß karierten Tischdecken. Im nüchternen Innenraum konzentriert man sich dagegen aufs Wesentliche: Bar. DJ-Pult. Tanzfläche. Und einfache Sitzbänke entlang der dunkelgrünen Wand. Im kleinen Club - wenn es denn einer ist - landen spät am Abend Studenten, die zu einer Mischung aus Electro, Retro, Punk und Funk glücklich und gequetscht tanzen.

Viel mehr Platz zum Tanzen hat man dagegen im „Rocker 33“ in der Heilbronner Straße. Der vollkommen schwarz gestrichene Club glänzt vor allem mit seinem Line-up. Hier legt die Crème de la Crème der internationalen Elektro- und House-DJs auf - von Chris Liebing über Johnny D bis zu den Turntabelrockern. Im „Keller Klub“ am Rothebühlplatz hält man es klassischer. Erstsemester feiern zwischen glitzernden Totenköpfen und Graffitis zu Indierock und -pop und bekommen vom tätowierten Langzeitstudenten Hofbräu oder blaue, extrem süße Schnäpse über die klebrige Theke gereicht. Hier hört die Tristesse der Uni-Seminare auf. Es beginnt das wahre Studentenleben.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 104, 2009, Seite 90
Bildmaterial: Tim Wegner