Tagebuch aus Belgrad (4)

Alles auf Zucker bei den No Angels

Von Peter-Philipp Schmitt, Belgrad

22. Mai 2008 Bludenz ist eine Kleinstadt im österreichischen Bundesland Vorarlberg. Bludenz ist weit, weit weg von Belgrad, aber vielleicht müssen die No Angels ja doch auch in Serbien manchmal an das Lila-Milka-Familienfest Anfang Juli in dem Städtchen denken. Zu dem Fest kommen an zwei Tagen immerhin an die 30.000 Besucher, doppelt so viele, wie in Bludenz leben. Wie viele wohl am Abend des 5. Juli zur Live-Show der No Angels nach Bludenz kommen werden? Gut zu wissen, dass es immerhin ein gemeinsames Leben für die Sängerinnen nach dem Grand Prix in Belgrad gibt. Und bis zum Finale am Samstag können sich Sandy, Nadja, Lucy und Jessica ja noch als Superstars mit einem Millionenpublikum fühlen. Voraussichtlich werden beim Finale wieder gut 100 Millionen Zuschauer vor den Fernsehern sitzen.

Was danach kommt? Der Absturz? Die Trennung? Der ganz große internationale Durchbruch? Selbst wenn die No Angels glorreich siegen sollten, Dana International, Gewinnerin des Grand Prix vor zehn Jahren in Birmingham und dieses Jahr beim „Eurovision Song Contest“ (ESC) als Komponistin und Texterin des israelischen Beitrags „The Fire In Your Eyes“ angereist, zog in Belgrad ein deprimierendes Fazit. Der Traum vom Grand-Prix-Sieg habe schnell an Glanz verloren. Reich geworden ist sie nicht. Ihr berühmtes Papageienfederjäckchen, von Jean Paul Gaultier entworfen und, wie sie sagt, eine Viertel Million Euro wert, musste sie gleich nach ihrem damaligen Auftritt wieder zurückgeben. „Wenn ich es heute noch hätte, würde ich es über Ebay verticken.“

Erfrischend unverblümt

Noch dürfen die No Angels träumen. Am Mittwoch morgen war auch nicht die Zeit, sie nach ihrem Auftritt in Bludenz zu befragen. In Belgrad geht es nur ums Finale. Und darum, sich unbeschwert und zuversichtlich zu geben. Und das taten die drei gesunden „Engel“ auf einer Bootsfahrt auf Save und Donau. Mit Fans und Journalisten bestiegen Sandy, Lucy und Nadja die „Sirona“, sichtlich gerührt von der großen Aufmerksamkeit, die ihnen entgegengebracht wurde.

Die blonde Sandy und die dunkelhaarige Nadja staksten auf ihren hohen Absätzen vorneweg, die rotgelockte Lucy stiefelte in ihren dicken Turnschuhen hinterher. Sie wirkte als einzige ungezwungen, ungekünstelt, unbeeindruckt, und war während der Interviews erfrischend unverblümt. Ob Sie denn schon viele Interviews in Belgrad gegeben hätten, wollte ein Journalist im Pulk der gut zwei Dutzend anderen wissen. Ach, meine Lucy, so viele waren es eigentlich bislang nicht. Oh doch, sagte Sandy, es waren sogar besonders viele. Ja, ja, ergänzte Nadja mit einem strahlenden Lächeln, und das zeigt ja, wie groß das Interesse an den No Angels ist.

Ein Stockwerk tiefer trank die Gruppe Teräsbetoni Bier

Wie auch immer: Die drei Damen hielten fast zwei Stunden bei Mineralwasser Hof und beantworteten in unterschiedliche Mikrofone die immer gleichen Fragen. Zwei von ihnen fanden dabei alles ganz wunderbar, vor allem Belgrad und die Serben, die Konkurrenz natürlich („der Beitrag aus Armenien, ist unser Favorit“) und auch sich selbst. Klar, meinte Lucy gleich mehrfach, wir sind genau die Richtigen, um hier für Deutschland zu singen. Oh ja, sagte Sandy, wir haben auch ganz tolle Kostüme und eine sehr schöne neue Choreographie. Genau, ergänzte Nadja mit einem strahlenden Lächeln, und heute abend haben wir außerdem noch ein großes Foto-Shooting. Alles auf Zucker also bei den No Angels.

Ein Stockwerk tiefer auf der „Sirona“ stand derweil fast unerkannt die Gruppe Teräsbetoni (Stahlbeton) und trank Bier. Die Finnen genossen den Alkohol, den Ausflug, die Sonne - und ihren Einzug ins ESC-Finale. Irgendwann gingen die vier Hard-Rocker dann einfach an Land und waren weg. Die No Angels mussten noch bleiben und doofe Fotos mit Kapitänsmützen auf dem Kopf über sich ergehen lassen. Zum Schluss noch ein paar Kusshändchen für die Fans und die drei verschwanden und fuhren in ihr Hotel Hyatt Regency zurück, wo Jessica noch immer das Bett hüten muss und ihre Virusinfektion auskuriert.

Morgen, so hieß es am Mittwoch, könne sie vielleicht schon wieder in die Öffentlichkeit. „Ansteckend ist sie nicht mehr“, sagte auch Sandy. Was aber wäre, wenn Jessica nicht rechtzeitig fit und vom Arzt gesund geschrieben werde? Träte dann Laila, die Backgroundsängerin an ihrer Stelle im Finale an? Sie hatte schon bei der letzten Probe am Sonntag die Erkrankte ersetzt. Oder würde die „European Broadcasting Union“ (EBU) Deutschland vielleicht sogar disqualifizieren? „Daran denken wir nicht“, hieß es beim NDR. „Wir planen mit Jessica - und einen Plan B haben wir nicht.“ Die No Angels wohl auch nicht. Nach diesem Samstag ist alles offen. Nur eines ist sicher: ihr Termin in Bludenz Anfang Juli. Den müssen sie wohl in jedem Fall wahrnehmen.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, Peter-Philipp Schmitt - F.A.Z.

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche