Von Peter-Philipp Schmitt, Belgrad
19. Mai 2008 Die Begrüßung in einem Gastgeber-Land war schon mal freundlicher - vor drei Jahren in Kiew zum Beispiel. Dort war am Flughafen eine Lounge für die ankommenden Grand-Prix-Fans bereitet, mit Getränken und Musik, mit jeder Menge Informationen und einem anschließenden kostenlosen Shuttle-Service zum Hotel.
Nur wenige Monate nach der Orangen Revolution im Herbst 2004 hatte sich der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko persönlich um die Ausrichtung des 50. Eurovision Song Contest (ESC) gekümmert. In Serbien hingegen wurde gerade erst gewählt, es geht um Koalitionen und um die Bildung einer (prowestlichen oder prorussischen?) Regierung.
Serbische Politiker zeigen kein großes Interesse
Der ESC scheint wohl darum für serbische Politiker nicht von so großer Bedeutung zu sein, wie er es für die ukrainischen war. Sie hatten sich 2005 von der Ausrichtung eines perfekt inszenierten Grand-Prix-Finals in Kiew nichts Geringeres als den direkten Zugang in die EU erhofft. Dieses Mal landet das Flugzeug am Sonntag auf der sprichwörtlichen grünen Wiese, links und rechts gibt es wirklich nur Äcker und Felder, von einer Metropole (Belgrad hat immerhin 1,7 Millionen Einwohner, Kiew knapp drei Millionen) ist nichts zu sehen.
Wenigstens ein Dobro došli (Willkommen) steht auf einem Schild im Flughafen, allerdings grüßt es die Passagiere auch in Grand-Prix-losen Zeiten, und es liegen ein paar touristische Broschüren sowie ein Stadtplan von Belgrad aus (extra auch für ESC-Touristen).
Wir haben das ja seit Monaten trainiert
Mit einem Taxi geht es dann weiter direkt zur Beogradska Arena, dem Austragungsort des diesjährigen Finals - nur knapp 15 Kilometer vom Nikola-Tesla-Flughafen entfernt. Hatten in Kiew noch an jeder Straßenecke Begrüßungsplakate für die zu Tausenden angereisten Fans gehangen, so erinnert in Belgrad auf dem Weg in die Stadt so gut wie nichts daran, dass in wenigen Tagen hier das größte Musikereignis Europas stattfinden wird.
In der Arena stehen gerade die No Angels auf der Bühne, es ist die zweite Probe der deutschen Kandidaten. Doch nur Sandy, Nadja und Lucy sind erschienen, Jessica fehlt. Eine Virusinfektion, heißt es, die EBU (European Broadcasting Union) sei verständigt, ein Arzt habe der Sängerin eine Woche Bettruhe verschrieben. Zur Generalprobe am nächsten Freitag und dem Finale am Samstag solle und wolle sie wieder fit sein. Zwischenzeitlich darf sich ihre Vertretung - Backgroundsängerin Leila - über freundlichen Applaus freuen. Ob Jessica die vermisste Probe aufholen könne? Klar, sagt Lucy, wir haben das ja seit Monaten trainiert, jeden Schritt, jeden Move, das ist in Fleisch und Blut übergegangen.
Keine zur Schau gestellte Gleichgeschlechtlichkeit
Eine Viertelstunde Fußmarsch entfernt von der Arena liegt das Sava Centar, Treffpunkt für Fans, Teilnehmer und Journalisten. Hier stellen sich die Künstler der Presse, hier finden Interviews statt, hier bekommt man nach seiner Akkreditierung auch ein Willkommenspaket: eine schwarze Umhängetasche, in der unter anderem noch ein paar Broschüren und ein sorgenvoll klingender Brief vom ESC-Generalsekretär Svante Stockselius von der EBU und von Sandra Šuša, der serbischen Hauptorganisatorin, stecken.
In dem Schreiben werden die beiden Gastgeber politisch. Auch wenn sie die entsprechenden Absätze mit den Worten Der ESC ist keine politische Veranstaltung einleiten. Stockselius und Šuša empfehlen, politische Diskussionen und Fragen, die die gerade stattgefundenen Wahlen und besonders strittige Themen wie das Kosovo betreffen, zu vermeiden. Erwähnt werden müsse zudem, dass ein öffentlich zur Schau gestelltes Verhalten von Gleichgeschlechtlichkeit, vor allem sexueller Natur, zu unerwünschten Reaktionen von Seiten der Bevölkerung führen könne.
Auch das sind neue Töne, Warnungen dieser Art gab es zum Beispiel in Kiew nicht. Dabei war die ganze Nation doch so stolz auf Marija Šerifović, als sie den Grand Prix als erste Teilnehmerin des Landes überhaupt für Serbien gewann und damit die Veranstaltung nach Belgrad holte. Doch auch die sich vor einem Jahr in Helsinki mutig zu ihrer Homosexualität bekennende Sängerin ist vorsichtig geworden. Sie gibt sich verbal antiwestlich und als Nationalistin, spricht sich gegen eine Unabhängigkeit des Kosovo aus. Wie unpolitisch der ESC wirklich ist und in Serbien sein kann, das werden erst die nächsten Tage zeigen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, Ulrike Frey