Tagebuch aus Belgrad (5)

Tapferkeit vor dem Finale

Von Peter-Philipp Schmitt, Belgrad

23. Mai 2008 Recht hatte der Delegationsleiter vom NDR, Manfred Witt, als er beim Empfang des deutschen Botschafters in Belgrad sagte, man könne aus einem Wettbewerb ausscheiden, ohne zu verlieren. Er meinte nicht etwa die No Angels, die, ebenfalls anwesend, gar nicht ausscheiden können - sie können nur im Finale schlecht abschneiden. Die Rede war von Soetkin Baptist, die mit ihrer belgischen Formation Ishtar und ihrem in einer sich offenbar ans Serbische anlehnenden Phantasiesprache geschriebenen Beitrag „O Julissi“ schon im Halbfinale am Dienstagabend ausgeschieden war. Leider.

Denn ihr fröhliches, an einen alpenländischen Tanz erinnerndes Lied ist ein echter Ohrwurm. Ein Gute-Laune-Stück, wie es auch der österreichische Beitrag „Y Asi“ der Global Kryner vor drei Jahren in Kiew gewesen war. Ihr Lied, auf englisch und spanisch gesungen, handelte von einer Kubanerin in Österreich. Für den Einzug ins Finale reichte es allerdings nicht. Die Global Kryner kamen nur auf Rang 21 und schieden aus.

Tapferkeit ist Teil des Showgeschäfts

Damals war die Enttäuschung so groß, dass der ORF im darauffolgenden Jahr keinen Teilnehmer nach Athen schickte. Im vergangenen Jahr versuchte sich dann der mit Swarovski-Kristallen schwer beladene Eric Papilaya an dem nicht wirklich tiefsinnigen Rocktitel „Get A Life - Get Alive“ - und scheiterte wieder im Halbfinale. Die österreichische Delegation reiste noch vor dem Finale ab und hat sich bis heute nicht von dem Schrecken erholt.

Es gehört schon eine gehörige Portion Tapferkeit dazu, sich auch nach seinem Ausscheiden in einer der Zwischenrunden des „Eurovision Song Contest“ (ESC) als guter Verlierer zu präsentieren. Und im nächsten Jahr mit erhobenem Haupt wiederzukommen. Österreich ließ sich in Belgrad dieses Jahr nicht blicken, will aber, wie es heißt, 2009 einen neuen Versuch unternehmen. Ob Belgien dabei sein wird, entscheidet sich erst in den nächsten Wochen.

Tapferkeit ist Teil des Showgeschäfts. Und so ist es den No Angels hoch anzurechnen, dass sie in dieser Grand-Prix-Woche trotz aller Widrigkeiten ihre Auftritte zu dritt, am Donnerstag aber wieder zu viert hinter sich brachten. Jessica, von ihrer Virusinfektion noch geschwächt, sang tapfer an der Seite ihrer Kolleginnen sechs Lieder im Garten der deutschen Botschaft, die im Stadtbezirk Savski Venac in der Nachbarschaft Senjak südlich der Altstadt am Save-Ufer liegt. Herrschaftliche Villen stehen hier nebeneinander, getrennt durch hohe Mauern und große Gärten. Als wohlhabend und wohlangesehen wird das Viertel mit seinen engen, gut bewachten Strassen beschrieben.

Magere 3,6 Prozent

Botschafter Wolfram Maas und seine Frau Angelika hatten 250 Gäste aus Belgrad in ihre Residenz gebeten, dazu an die 80 Fans und Journalisten der deutschen Delegation. Es gab serbische Kleinigkeiten, Grillwürstchen, Pizzastückchen, Pralinen. Und Reden.

Dem Botschafter war es wichtig hervorzuheben, dass sich Serbien seinen ausländischen Gästen von seiner freundlichen, heiteren, aufgeschlossenen Seite zeige. Ähnlich äußerte sich der Thronprätendent Serbiens, Alexander II. von Jugoslawien, der sich mit seiner Frau, Kronprinzessin Katharina, genauso die Ehre gab, wie die diesjährige serbische Teilnehmerin Jelena Tomašević. Die als Gastgeberin im Finale stehende Vierundzwanzigjährige sang ihr „Oro“, und auch die Belgierin Baptist trug ihr „O Julissi“ noch einmal vor.

Der NDR-Unterhaltungschef Ralf Quibeldey war ebenfalls beim Botschaftsempfang - eine gute Gelegenheit, um ihm ein paar Fragen zu stellen. Das Halbfinale am Dienstagabend war vom NDR auf dem dritten Programm übertragen worden und hatte nicht mehr als 170.000 Zuschauer gehabt, was einem Gesamtmarktanteil von mageren 3,6 Prozent entspricht. Im Grunde eine Katastrophe, doch die war von Quibeldey erwartet worden. Wer interessiere sich schon für einen sportlichen Wettstreit, wenn Deutschland nicht am Start sei?

Es geht ums Geld

„Wir zeigen das Halbfinale aus zweierlei Gründen“, sagte Quibeldey. „Für die Fangemeinde und weil wir müssen.“ Die „European Broadcasting Union“ (EBU) schreibt vor, dass auch Länder, die schon im Finale stehen, eine der Zwischenrunden zeigen. Deutschland musste das erste Halbfinale am Dienstag live übertragen. Was Quibeldey nicht sagt, ist, dass es für viele Länder auch ums Televoting geht, genauer: ums Geld.

An den Anrufen und den mit Mobiltelefonen versandten Kurzmitteilungen verdienen die meisten Sender, die den ESC im Fernsehen zeigen. Im Grunde ist es sogar wohl in allen Ländern so - mit einer Ausnahme. Die ARD geht leer aus, denn sie bietet das Televoting zum Selbstkostenpreis an.

Wenn Engel reisen

Inzwischen hatte sich der Himmel über der deutschen Botschaft ein wenig zugezogen. Doch noch bevor die No Angels auf die Terrasse traten, verschwanden die Wolken wieder. Und Botschafter Maas konnte es sich nicht verkneifen und sagte: „Ein Sprichwort in Deutschland lautet: Wenn Engel reisen, freut sich der Himmel.“

In weißen Minis mit goldenen Schnallen sangen Sandy, Nadja, Lucy und Jessica sechs ihrer Lieder. Das war hübsch, plätscherte so im Hintergrund dahin. Einige fragten sich, ob sie Playback oder doch live sängen. Die meisten tippten auf Playback, schon allein deshalb, weil sich Jessica wohl noch schonen wollte. Erst beim letzten Song, der Zugabe, belebte sich der Garten, es wurde zugehört, getanzt, geklatscht.

Die No Angels trugen aber nicht „Disappear“ vor - mit dem Deutschland am Samstag punkten will, sondern ihren allerersten Hit: „Daylight In Your Eyes“. Kein gutes Omen.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, Ulrike Frey

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