Eurovision Song Contest

Die Stimme aus dem Off

Von Peter-Philipp Schmitt

19. Mai 2008 Der britische Kollege von Peter Urban macht es so: Er kommt - gewöhnlich unvorbereitet - in seine Kabine. Er greift in den Kübel mit Eis, in dem zwei Flaschen Baileys bereitliegen, schenkt sich ein und legt los. Oft weiß er nicht, wer gerade auf der Bühne steht, doch für einen dummen Spruch reicht es immer. Kein Klischee ist ihm zu doof - ob es um Deutschland geht, das wieder in Österreich einmarschieren sollte, um russische Frauen, die "in meiner Jugend Schnurrbärte getragen haben", oder um Guildo Horn. Dessen Auftritt sei so lustig wie Beulenpest, beschied Terence "Terry" Wogan vor zehn Jahren seinen überwiegend begeisterten Zuhörern. Es heißt, die Briten sähen sich den "Eurovision Song Contest" (ESC) nur noch wegen des bald siebzig Jahre alten BBC-Moderators an, der schon seit 1980 kaum ein gutes Haar an der Veranstaltung findet.

Peter Urban hingegen geht nüchtern an seine Arbeit - und er bleibt es auch in seiner Kommentatoren-Kabine. Schon vor dem jeweiligen ESC-Finale hat er sich eine Woche lang die Proben und Generalproben angesehen, er kennt jeden Beitrag, weiß, wie er selbst ungarische und montenegrinische Liedtitel auszusprechen und jeden Künstler landestypisch korrekt vorzustellen hat. Urban vermeidet plumpe Klischees. Nur hin und wieder rutscht ihm ein Satz heraus, den er im Nachhinein bereut. Auf einige seiner verbalen Entgleisungen wird er noch Jahre später angesprochen.

Unvergessen: der „runde Beitrag“

In Erinnerung geblieben ist ein Fauxpas aus dem Guildo-Horn-Jahr 1998, es war Peter Urbans zweiter Grand-Prix-Einsatz. Über die füllige Teilnehmerin Chiara sagte er beim Finale in Birmingham: "ein runder Beitrag aus Malta". Dafür bekam er böse Briefe - unter anderem von einem Verband, der sich für dicke Deutsche starkmacht. "Ich dachte, das zu sagen sei okay", meint Peter Urban. "Und es war ja auch alles rund an ihrem Auftritt - sogar die Kerzen auf der Bühne." Sieben Jahre später stand die Sängerin wieder auf der Bühne - dieses Mal in Kiew. Er lobte ihre Stimme und verkniff sich jede Spitze. "Ich würde so etwas Doppeldeutiges heute nicht mehr sagen", bemerkt Urban. Auch wenn er für eine gute Pointe anzuecken bereit ist. "Ich bin ja nicht zur Langeweile verpflichtet." Dass er von manchen Zeitungen der "deutsche Terry Wogan" genannt wird, findet er dennoch unpassend. Nur in einer Hinsicht könne man ihn mit dem 2005 zum Ritter geschlagenen Briten vergleichen: "Wir machen den Job schon eine ganze Weile."

Peter Urban ist durch und durch ein Mann des Radios. Er agiert im Verborgenen, nur seine tiefe wohlklingende Stimme ist Millionen vertraut. Ganz plötzlich steht der gerade sechzig Jahre alt gewordene Moderator im Foyer des NDR-Gebäudes in Hamburg-Rothenbaum, in dem der Hörfunk residiert. "Hallo, ich bin der Peter - ist doch okay, wenn wir uns duzen." Ein schlichtes weißes Poloshirt, eine beige Sommerhose, dunkle Sneaker: Peter Urban ist das unsichtbare Arbeiten am Mikrofon gewohnt. Äußerlichkeiten interessieren ihn nicht, zumindest nicht in eigener Sache. Nie hat es ihn vor die Kamera gezogen. "Dafür bin ich nicht der Typ", sagt er. Und: "Das sollen Jüngere machen." Wenn es aber nicht der ESC wäre? Als Moderator einer Talkshow hätte er sich vielleicht schon gesehen. "Ich unterhalte mich gerne." Auch Sportkommentator wäre er gerne geworden.

Ein fairer Wettbewerb

Für Urban ist der Grand Prix ein sportlicher Wettkampf, ein "Spiel ohne Grenzen", nichts anderes als eine Unterhaltungssendung im wahrsten Sinne des Wortes. Schlagzeilen wie im vergangenen Jahr, als deutsche Boulevardzeitungen mit Blick auf vermeintliche Punkteschiebereien titelten: "Sind wir betrogen worden?", findet er albern. Da solle man die Kirche im Dorf lassen und sich an die Fakten halten, die Gegenteiliges bewiesen. "Ich sehe überhaupt nicht, dass sich die Länder im Osten die Punkte zuschanzen." Vielmehr gebe es dort einen gemeinsamen Musikgeschmack, eine Vorliebe für bestimmte Klänge. Und zum Beispiel Russen in allen ehemaligen Sowjetrepubliken. Dass Länder wie Armenien, Estland, Weißrussland und die Ukraine dann wie im vergangenen Jahr für Russland stimmten, habe nichts mit Schieberei zu tun. Außerdem gebe es viel mehr osteuropäische und südosteuropäische Länder. "Ist doch klar, dass sich das auswirkt. Wir können ja im Westen nicht neue Länder hinzuerfinden." Und noch etwas falle ihm auf: Der Osten strenge sich mehr an als der Westen. "Der Grand Prix ist dort zentrale Aufgabe."

Rund zwei Wochen im Jahr beschäftigt sich Peter Urban mit dem ESC. In diesem Jahr hat er sogar noch mehr Arbeit, nachdem 2004 schon ein erstes Halbfinale eingeführt worden war. In Belgrad muss er nun gleich zwei Zwischenrunden und das Finale kommentieren. Da bleibt wenig Zeit, die serbische Hauptstadt noch kennenzulernen. "In einer Woche Jerusalem habe ich 1999 noch nebenher die Altstadt besichtigt, war am Toten Meer und am See Genezareth. Das kann ich jetzt wohl vergessen." Dabei reizte ihn genau das 1997 an seiner neuen Aufgabe: jedes Jahr eine andere europäische Metropole kennenzulernen. "Ich wäre sonst nie nach Kiew gekommen."

Mit Prognosen danebengelegen

Zum Fernsehen und damit in die immer größer werdende ESC-Familie verschlug es Peter Urban, weil der damalige NDR-Unterhaltungschef Jürgen Meier-Beer die Arbeit des Hörfunkmanns so schätzte. "Zunächst dachte ich: Was soll ich denn da? Das war ja so gar nicht meine Musik", sagt Urban. Zugleich aber habe er die Vorzüge des Meier-Beerschen Angebots erkannt. "Man kommt aus der Alltagsroutine raus und hat die Chance, live und vor zehn Millionen Menschen eine Sendung im Fernsehen zu kommentieren." Gleich der erste Grand Prix war unvergesslich. Dublin, 1997: Die deutsche Delegation war nur mit Polizeieskorte unterwegs. "Alle Ampeln waren grün, selbst wenn sie rot waren." Die Sicherheit der Gäste hatte in der vom IRA-Terror bedrohten Stadt Priorität. In Birmingham 1998 sorgte dann Guildo Horn für einen nie dagewesenen Medienrummel: "Hunderte Journalisten waren allein aus Deutschland angereist. Es war unfassbar." Seither habe das Interesse nicht mehr nachgelassen, selbst in den Jahren nicht, als Ralph Siegel wieder Künstler schickte und Sänger angetreten seien, die nicht so in die Medien drängten.

Auch wenn Peter Urban Jahr für Jahr mit seinem Favoriten danebenlag (Gracia sah er 2005 in Kiew schon auf Platz zehn, sie wurde Letzte; und auch den deutschen Teilnehmern No Angels rechnet er in diesem Jahr in Belgrad wieder gute Chancen aus), so ist der promovierte Musiker wie kaum ein anderer ein Kenner der Materie. Schon als Schüler in Quakenbrück begeisterte er sich für die britische Musikszene und hatte das Magazin "The New Musical Express" abonniert. "Nachts lauschte ich dem Piratensender Nordsee International, um ja jede Neuveröffentlichung einer Rolling- Stones-, Beatles- oder auch The- Who-Platte als Erster zu hören", erzählt Urban. Seine ersten Live-Pop-Musikerfahrungen sammelte er, wenn man von einem Beatles-Konzert in Deutschland absieht, 1966 in London auf einer Klassenreise. Abends stahlen sich die Abiturienten aus ihrer Unterkunft und gingen in Clubs, um zum Beispiel die Spencer Davis Group zu sehen. Auch im Theater waren die Schüler - in einer Peter-Hall-Inszenierung von Shakespeares "Hamlet". "Die hat mich umgehauen. Die war wie ein Rockkonzert: ein langhaariger Hamlet, die Schauspieler kotzten auf der Bühne, so was gab es damals in Deutschland noch nicht."

Ein echter 68er

Mit 18 verließ er die Kleinstadt Quakenbrück. Seither lebt er in Hamburg. Horst Königstein, der vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Heinrich Breloer und Fernsehfilme wie "Die Manns - Ein Jahrhundertroman" bekannt ist, holte ihn zum NDR. Königstein ließ den Studenten an der Serie "Sympathy for the Devil" (benannt nach dem gleichnamigen Stones-Song von 1968) mitarbeiten. Es ging um Subkulturen: um Hippies und Achtundsechziger, um Rock 'n' Roller, Teds, Rocker und Skins.

Der Achtundsechziger Urban fühlt sich der deutschen Studentenbewegung kaum verbunden. Er erinnert sich lieber an Demonstrationen mit John Lennon und Yoko Ono in London. Nur einmal noch verließ Peter Urban nach seinem Lehramtsstudium für längere Zeit Hamburg und ging als Austauschlehrer ("assistant teacher") in die Kleinstadt Wallingford an der Themse in der Nähe von Henley und Oxford. Wohl nicht ganz ohne Hintergedanken: "Abends im Pub traf ich Musiker, die ich verehrte. Steve Winwood zum Beispiel oder die anderen Jungs von Traffic. Die wohnten dort, das war natürlich toll."

Die Tochter liebt den Grand Prix

Fortan blieb er an der Elbe. Er arbeitete zunächst frei als Autor und Moderator beim NDR 2, ist seit 1988 festangestellter Redakteur und kümmert sich seit 2003 bei NDR Info um "Nachtclub" und "Nightlounge". In seinen Sendungen spielt er Weltmusik, Jazz, Soul, eine große Bandbreite an Stilrichtungen. Er richtet sich nicht nach den Charts und spielt so gut wie nie Grand-Prix-Lieder. Ausnahmen jedoch bestätigen die Regel: Den "Unsubstantial Blues" der Ungarin Magdi Rúzsa, sie wurde Neunte in Helsinki, legte er gleich mehrfach auf.

Ganz so strenge Qualitätsmaßstäbe wie der Vater hat Tochter Chiara noch nicht. "Sie liebt den Grand Prix", sagt Urban, "und tanzt furchtbar gerne." Das Idol der bald Zehnjährigen ist "Hannah Montana". In der amerikanischen Fernsehserie spielt Miley Cyrus, Tochter des Countrysängers Billy Ray Cyrus, die Schülerin Miley Ray Stewart, die sich heimlich in die Sängerin Hannah Montana verwandelt. "Die macht sehr gute Popmusik", sagt Urban. "Miley Cyrus würde beim Grand Prix sicher richtig abräumen." Wenn's denn so einfach wäre.

Peter Urban, am 14. April 1948 in Bramsche geboren, wuchs in Quakenbrück auf. Mit 18 kehrte er der niedersächsischen Kleinstadt den Rücken und ging nach Hamburg. Noch während seines Lehramtsstudiums (Anglistik und Geschichte) habe er entdeckt, „wie spannend Popmusik ist“. Seine Doktorarbeit schrieb er über Texte anglo-amerikanischer Popsongs. Seine Dissertation erschien 1979 auch als Buch: „Rollende Worte - die Poesie des Rock. Von der Straßenballade zum Pop-Song“. Nach einem Jahr als Austauschlehrer in England war Urban seit 1974 frei als Autor und Moderator für den Hörfunksender NDR 2 tätig, 1988 wurde er Redakteur beim Norddeutschen Rundfunk. Musiksendungen im Fernsehen kommentierte er erstmals in den achtziger Jahren - unter anderem das Konzert „Live Aid“ 1985 und das „Concert for Nelson Mandela“ 1988. Seit 1997 ist Urban die deutsche Stimme des „Eurovision Song Contest“. Zudem war der Fußballfan 15 Jahre lang - als Vertreter zunächst von Jo Brauner, später von Carlo von Tiedemann - Stadionsprecher im Volksparkstadion bei Heimspielen des HSV. Urban ist verheiratet und hat zwei Kinder: Tochter Chiara ist fast zehn, Sohn Jonah wird fünf. pps.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: ddp

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