Tagebuch aus Belgrad (6)

Die ungerechte „Big-4“-Regelung

Von Peter-Philipp Schmitt, Belgrad

24. Mai 2008 In einem sind sich alle einig: Das diesjährige Grand-Prix-Finale ist das bestbesetzte seit vielen Jahren. Die Qualität der meisten Beiträge ist überdurchschnittlich, allein acht Balladen sind in der Endrunde vertreten. Der oberflächliche Ethno-Pop aus dem Osten Europas ist in diesem Jahr so gut wie nicht zu hören.

Leider fallen die „Big 4“, die großen Vier, wieder stark ab. Weder Deutschland, noch Frankreich, Großbritannien und Spanien scheinen in der Lage zu sein, Beiträge zu entsenden, die in ganz Europa konkurrenzfähig sind. Dabei sind die No Angels noch mit das Beste was Deutschland international zu bieten hat. Dass sie über die Landesgrenzen hinaus funktionieren, hatten sie in ihren besseren Zeiten bewiesen. Doch das ist lange her.

Claudia Schiffer macht auch nicht bei „Germany's Next Topmodel“ mit

Was national gut ankommt, muss international nicht punkten. Das ist das Dilemma der automatisch im Finale gesetzten vier Länder aus dem Westen. Rammstein oder Tokio Hotel, meint NDR-Kommentator Peter Urban, könnten schon für Deutschland unter die ersten Fünf kommen. Doch Rammstein und Tokio Hotel werden einen Teufel tun und sich bei einem nationalen Vorentscheid zum Beispiel von weitgehend unbekannten „Superstars“ aus einer Castingshow vorführen lassen. Claudia Schiffer macht auch nicht bei „Germany's Next Topmodel“ mit, um in Folge zwei rausgeschmissen zu werden.

Die großen Namen kriegt man für den nationalen Vorentscheid des „Eurovision Song Contest“ (ESC) nicht, und die großen Namen, die man kriegt, stecken entweder in einer Krise (No Angels), wollen ihr Image ändern (wie Thomas Anders vor zwei Jahren, der ein ernstzunehmender Künstler werden wollte), oder sie hoffen auf ein internationales Comeback (wie Vicky Leandros, 2006). Der Rest der Teilnehmer zählt zum Nachwuchs, der auf eine glorreiche Zukunft spekuliert, oder es handelt sich um abgeklärte (aber weitgehend unbekannte) Künstler, die nichts aus dem Sattel werfen kann (wie etwa Texas Lightning). Und es lohnt sich ja auch mitzumachen: National landet man nach dem Vorentscheid fast immer in den Charts - das gelang 2008 allen fünf Teilnehmern. Rammstein und Tokio Hotel haben das allerdings gar nicht nötig.

Bislang stimmt die Quote, aber sie wird kontinuierlich schlechter

Warum aber ist ein schwacher Beitrag aus Deutschland oder Frankreich stets in der Endrunde gesetzt? Fürs Finale ist der qualitative Abfall eine Katastrophe. Zwar zahlt Deutschland einen hohen Anteil an den Kosten des ESC und auch die Quote stimmt bislang, auch wenn sie kontinuierlich schlechter wird. Doch was ist, wenn die Zuschauer an diesem Samstag massenhaft umschalten, wenn die No Angels schon mit Startnummer vier so schlecht singen, dass niemand mehr hinsehen mag?

Am Freitag ging Bjørn Erichsen, Direktor bei der „European Broadcasting Union“ (EBU) im Bereich Fernsehen, speziell auf das Thema „Big 4“ ein. Umstritten ist demnach, wie es mit den großen Vier nach Einführung der neuen Regeln (unter anderem zwei Halbfinale) weitergehen soll. Immerhin zahlten einige andere Länder auch schon einen erheblichen Beitrag, und sie könnten schon bald ebenfalls auf eine Sonderbehandlung - einen festen Finalplatz also - bestehen. Erichsen machte eindeutig klar, dass sich die EBU von einer Änderung der „Big-4-Regel“ auch bessere musikalische Beiträge aus den Ländern erhoffen würde. Der EBU-Direktor ließ keine Zweifel aufkommen: Über die künftige Position Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und Spaniens müsse gesprochen werden.

Televoting plus Jury

Auch auf Italiens jahrelange Abwesenheit vom ESC ging Erichsen ein: Es werde alles Mögliche unternommen, um den Fernsehsender RAI wieder ins Boot zu holen. Er selbst würde demjenigen, der die Italiener zur Rückkehr bewegen könne, nicht nur eine, sondern gleich 100 Champagnerflaschen spendieren. Mit der erstmaligen Teilnahme San Marinos aber, sagte Erichsen, wurde in diesem Jahr wenigstens eine Hintertür nach Italien geöffnet.

Zugleich ließ Svante Stockselius von der EBU wissen, dass die Regeländerungen nach dem zweiten Halbfinale Wirkung gezeigt hätten. Per Televoting werden in den Zwischenrunden jeweils neun Finalisten bestimmt, der zehnte ergibt sich aus dem Votum einer Jury. Am Dienstag abend hatten die Zuschauer noch genauso wie die Jury gestimmt - und zwar jeweils auf allen zehn Plätzen. Am Donnerstag abend aber gab es eine Abweichung. Nach der alten Regel (nur Televoting) wäre nun ein anderes Land in der Endrunde an diesem Samstag als nach der neuen Regelung, weil Televoting und Jury nicht auf allen zehn Plätzen übereinstimmten. Um welches Land es sich handelt, wird erst am Sonntag morgen verraten - um die weiteren Abstimmungen nicht zu beeinflussen. Denn bislang hatten die besten Halbfinalisten auch meist das Finale unter sich ausgemacht.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa

 
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