14. Mai 2009 Spaßnummern, die den Eurovision Song Contest persiflieren oder gar lächerlich machen, gibt es in diesem Jahr nicht. Dafür macht sich der Künstler Semjon Frolow im Internet auf You Tube über den Grand Prix lustig - und schafft es damit sogar ins russische Fernsehen.
Frolow findet, die ganze Veranstaltung sei zu einer Pop-Nummer verkommen, bei der die nationalen Identitäten dahin schmelzten. Auch die russische: Es ist peinlich. Wir schicken billige Kopien von Justin Timberlake und Britney Spears zum Contest, damit sie unser Land vertreten. Frolow nennt namentlich auch Dima Bilan, der im vergangenen Jahr mit seinem Believe für Russland gewonnen hatte.
Das Lied hatte der Amerikaner Timbaland produziert, seine musikalische Handschrift, von der auch Künstler wie Missy Elliott, Justin Timberlake, die Pussycat Dolls, Tupac und Nelly Furtado profitieren, ist bei dem von Bilan selbst geschriebenen Song unschwer zu erkennen und herauszuhören.
Fast alle singen Englisch
Semjon Frolow steht mit seiner Kritik nicht alleine da: Auch der bekannte russische Journalist und Musikkritiker, Artemij Troizkij, lässt kaum ein gutes Haar an dem Contest: Das ist keine Unterhaltungsshow, das ist eine Freakshow. Mehr eine Sport-, als eine Musikveranstaltung. Mit der Ursprungsidee, dass jede Nation ihre eigenen musikalischen Vorlieben in der jeweiligen Landessprache präsentiere, habe der Eurovision Song Contest in dieser Form nichts mehr zu tun.
Im Jahr 1999 hatte die European Broadcasting Union (EBU) die Regel, dass alle Nationen in ihrer Landessprache antreten müssen, endgültig aufgehoben. Tatsächlich ist Englisch inzwischen die Sprache der meisten Künstler. Mit Französisch tritt in diesem Jahr nur die Französin Patricia Kaas (Et S'il Fallait Le Faire) an. Das sei eine Selbstverständlichkeit, sagt die in Lothringen geborene Künstlerin.
Damit aber ist sie neben den Portugiesen Flor-de-lis, die ihr Todas As Ruas Do Amor ausschließlich auf Portugiesisch singen, unter den Teilnehmern aus dem Westen die große Ausnahme: Nur fünf weitere Nationen mischen ins Englische ihrer Lieder ein paar Zeilen auf Französisch (Malena Ernman aus Schweden), Katalanisch (Susanne Georgi aus Andorra), Türkisch (Hadise aus der Türkei), Hebräisch und Arabisch (Noa & Mira Awad aus Israel) sowie Spanisch (Soraya aus Spanien) hinein.
Der Osten ist anders
Ein wenig anders sieht es (noch) bei den Ländern aus dem Osten aus: Zehn Länder haben sich ausschließlich für Englisch entschieden, immerhin acht Kandidaten singen komplett in (mindestens) einer anderen Sprache - zum Beispiel die Ukrainerin Anastasia Prikhodko. Sie singt auf Ukrainisch und, weil sie in Moskau für Russland an den Start geht, auch auf Russisch.

Auch Portugal ist im Finale vertreten: Flor-de-Lis vertreten ihr Land mit folkloristischen Melodien.
Es wird also gerade aus dem Osten nicht immer nur der gleiche englischsprachige Pop aus dem Westen abgekupfert, wie Frolow behauptet. Viel Folklore ist dieses Jahr wieder zu hören, etwas, was gerade deutsche Zuschauer vom Contest eher abschreckt. Scharfe (oft auch ungerechte) Kritik in Deutschland ist am Grand Prix in den vergangenen Jahren immer lauter geworden.
Oft bekommt man die Frage zu hören, wer sich das denn überhaupt noch anschaut. Erstaunlich viele, wie die Zahlen beweisen. So sahen sich vor zwei Jahren rund 90 Millionen Menschen auf der ganzen Welt (unter anderem auch in Australien) den Grand Prix in Helsinki an, vergangenes Jahr in Belgrad waren es 105 Millionen. Und in diesem Jahr werden kaum weniger Zuschauer an den Fernsehern erwartet. Das Interesse steigt sogar noch, auch weil die Zahl der teilnehmenden Staaten stetig gewachsen ist - vergangenes Jahr erreichte sie mit 43 ihren Höchststand.
Live ist der Grand Prix am Schönsten

Zum ersten Mal wählten die russischen TV-Zuschauer ihren Künstler. Im Finale singt Anastasia Prikhodko für sie.
Der Eurovision Song Contest ist zwar in erster Linie eine Fernsehshow, doch ist das Live-Erlebnis in der Halle mit nichts zu vergleichen. Allein die Bühne in diesem Jahr ist gigantisch - mit 25 Metern die größte in der Grand-Prix-Geschichte (vielleicht sind deswegen auch so viele Überschläge und Salti in Moskau zu sehen). Der Aufbau allein der Bühne soll nach neuesten Zahlen 30 Millionen Euro gekostet haben, was kaum glaublich ist. Diese Zahl wurde bislang stets für die ganze Ausrichtung der Veranstaltung genannt.
Über die Vergabe der Tickets gibt es strikte Regeln: So erhält jede der 42 Delegationen 15 freie Eintrittskarten, 15 weitere bekommt sie, muss aber dafür bezahlen. Das bedeutet, das nicht einmal alle Delegationsmitglieder, geschweige denn die angereisten Journalisten Freikarten bekommen. Wer sich nicht selbst ein Ticket besorgt, muss sich die Show am Fernseher anschauen - auch in Moskau. Bei den Halbfinals ist es nicht anders.
Die großen Geldgeber stehen automatisch im Finale
Trotzdem gibt es genügend Gelegenheiten, sich die Künstler live auf der Bühne anzusehen. Seit dem 3. Mai laufen ja schon die Proben in Moskau. Jeder Künstler hat Anspruch auf zunächst 40 Minuten in der Arena, danach jeweils noch einmal 30 Minuten. So können zwischen neun und 13 Länder pro Tag proben. Es folgen drei Generalproben der jeweiligen Halbfinale, danach noch die Generalproben des Finales. Die Kandidaten, die durch die Zwischenrunden müssen und ins Finale vorstoßen, haben also viel mehr Gelegenheiten, vor großem Publikum zu üben, als zum Beispiel Deutschland, das ja als einer der mächtigen Geldgeber immer automatisch im Finale steht.
Daran wird sich vorläufig auch nichts ändern, wie der von der EBU für den Contest Bevollmächtigte, der Schwede Svante Stockselius, noch einmal bestätigte: Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien werden auch weiterhin 30 Prozent der insgesamt anfallenden Beiträge zahlen, von denen wiederum ein Drittel der Produktionskosten des Contest bestritten werden. Für den Rest muss der jeweilige Gastgeber (in diesem Jahr also Russland) aufkommen.
Die Länder seien mit der Beitragsregelung sehr einverstanden, fügte Stockselius hinzu. Denn sollte einer der großen Vier sich zurückziehen, müssten alle für den Ausfall einspringen. Und das würde in der derzeit schlechten wirtschaftlichen Situation wohl bedeuten, dass sich einige Nationen von dem Contest ganz zurückziehen müssten.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa
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Guttenberg nach Kundus gereist
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