Von Peter-Philipp Schmitt
20. Mai 2008 Der Protest im Westen und vor allem in Deutschland war ungerechtfertigt: Die Zuschauer in Nord-, West- und Südeuropa - einschließlich Israel und Türkei - hatten beim Grand-Prix-Finale 2007 in Helsinki fast genauso gestimmt wie das Fernsehpublikum im Osten. Klare Siegerin war auf beiden Seiten des Kontinents die Serbin Marija Serifovic mit ihrem Lied "Molitva", vor Verka Serduchkas Ulknummer "Dancing Lasha Tumbai" aus der Ukraine. Und auch über die folgenden Plazierungen herrschte so gut wie Einigkeit. Doch die Proteste gegen die angeblichen Schiebungen durch osteuropäische Länder zeigten Wirkung. Die "European Broadcasting Union" (Ebu) änderte zum wiederholten Mal die Regeln des Wettbewerbs, um einen weiter schwelenden Ost-West-Konflikt zu verhindern.
Seit 2004 gab es bereits ein Halbfinale, um der stetig steigenden Zahl der Teilnehmerländer gerecht zu werden. In diesem Jahr finden nun gleich zwei Qualifikationsrunden statt. Im Finale sind nicht mehr 14, sondern nur noch fünf der 43 gemeldeten Länder gesetzt - neben Gastgeber Serbien die "großen Vier", Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien, als Hauptgeldgeber der Veranstaltung, die gut 30 Prozent der Gesamtkosten tragen. Per Losverfahren wurden dann die jeweils verbliebenen 19 Nationen auf die beiden Zwischenrunden des "Eurovision Song Contest" (ESC) aufgeteilt - und so zum Beispiel Griechenland von Zypern getrennt. Zumindest im Halbfinale können sich die beiden also nicht, wie sonst fast immer, mit der Höchstpunktzahl begünstigen.
Nachbarschaftliche Punktevergabe nicht zu verhindern
Um solche Zusammentreffen in den Zwischenrunden zu vermeiden, wurden die 38 Halbfinalisten von der Ebu auf sechs "Töpfe" verteilt. In einem Topf fanden sich alle Balkanländer wieder, in einem anderen die skandinavischen Nationen, in einem dritten die Staaten der früheren Sowjetunion und Israel, weil dort viele Zuwanderer aus dem einstigen Ostblock leben. Aus dem gleichen Grund wurde Irland mit den baltischen Staaten Lettland und Litauen zusammengesteckt, und so weiter. Je die Hälfte aus einem Topf wurde dem ersten Halbfinale zugelost, die andere Hälfte dem zweiten. So traten etwa Bosnien-Hercegovina, Montenegro und Slowenien am Dienstagabend gegeneinander an, Mazedonien, Kroatien und Albanien am Donnerstag. Abstimmen dürfen nur die teilnehmenden Länder, so dass Montenegro nicht Kroatien zwölf Punkte geben kann, aber Dänemark ohne weiteres Schweden, da die beiden Länder im zweiten Halbfinale antreten. Ausschließen lässt sich die nachbarschaftlich oder durch Einwanderung bedingte Punktevergabe nicht.
Die fünf gesetzten Finalisten sind verpflichtet, eines der beiden Halbfinale im Fernsehen zu übertragen. Deutschland und Spanien mussten die Qualifikationsrunde am Dienstagabend ausstrahlen, Frankreich, Großbritannien und Serbien die Runde am Donnerstag. Nur an diesem Abend dürfen sich die Zuschauer per Televoting an der Abstimmung beteiligen, selbst wenn sich die Fernsehanstalten entschlossen haben, auch das andere Halbfinale zu zeigen (wie der NDR). Die jeweils neun Nationen mit der höchsten Punktzahl nehmen am Finale teil, ein zehnter Finalist aus jeder der Zwischenrunden wird zudem von einer Jury ermittelt. Insgesamt treten am 24. Mai in Belgrad 25 Länder in der Endrunde gegen- einander an. Im Finale können dann auch wieder alle 43 Teilnehmerländer abstimmen, selbst wenn ihre Sänger im Halbfinale ausgeschieden sind.
Und nächstes Jahr mit Kosovo?
Schon seit den frühen Neunzigern verzeichnet die Ebu jedes Jahr ESC-Neuzugänge: In diesem Jahr werden erstmals Aserbaidschan und San Marino teilnehmen. Andere wie Italien verweigern sich dem größten Fernsehunterhaltungsspektakel Europas. Auch Österreich ist in diesem Jahr mal wieder nicht dabei. Dass die Ebu nicht an die europäischen Grenzen gebunden ist, zeigen schon die Mitgliedsländer Ägypten, Algerien, Jordanien, der Libanon, Libyen, Marokko und Tunesien. Da aber Israel schon seit 1973 (damals trug Sängerin Ilanit während ihres Auftritts noch eine kugelsichere Weste) an dem Wettbewerb teilnimmt, ist nicht damit zu rechnen, dass die muslimischen Staaten des Maghreb und Maschrek dauerhaft zum ESC stoßen werden. Absehbar scheint allerdings schon jetzt zu sein, dass im nächsten Jahr das Kosovo um Aufnahme in den ESC-Club bitten wird.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP