20. Mai 2008 Svante Stockselius arbeitete 16 Jahre als Zeitungsjournalist, wurde dann Unterhaltungs-Chef beim schwedischen Fernsehen und ist nun Generalsekretär des Eurovision Song Contest (ESC). Die neuen Regeln des Grand Prix hält er für gerecht - dass die Großen Vier automatisch im Finale sind, nicht.
Ist der Eurovision Song Contest (ESC) ein fairer Wettbewerb?
Das kommt darauf an, was Sie unter fair verstehen.
Anders gefragt: Die European Broadcasting Union (EBU) hat seit dem letzten Grand-Prix-Finale die Regeln des Contest geändert und unter anderem zwei Halbfinale eingeführt. Warum?
Bei dem alten Format mit nur einem Halbfinale waren die meisten teilnehmenden Länder von ihrem jeweiligen Vorjahresergebnis abhängig. Länder, die unter die besten zehn gekommen waren, waren bislang automatisch fürs nächste Finale gesetzt. Eine Garantie aber gab es nicht, dass sie zwölf Monate später wieder mit einem guten Lied antreten würden. Mit zwei Halbfinalen werden wir nun hoffentlich die besten Stücke im Finale haben. Der Wettbewerb ist also fairer geworden.
Gesetzt im Finale sind nur noch das Gastgeberland, Serbien, was verständlich ist. Zudem sind die größten Geldgeber, die Großen Vier - Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien -, automatisch in der Endrunde. Ist das fair?
Nein. Diese Regelung würde ich auch gern ändern.
War es schwierig, die Länder, die sich 2007 in Helsinki durch ihre guten Plazierungen fürs diesjährige Finale schon qualifiziert hatten, davon zu überzeugen, dass sie sich nun nach der Regeländerung der EBU doch noch einmal durch Halbfinale kämpfen müssen?
Nein. Sie waren darauf eingestellt, denn die Regeln können immer geändert werden.
Nach dem letzten Finale war viel davon die Rede, osteuropäische Länder hätten sich die Punkte zugeschoben und dem Westen dadurch keine Chance gelassen. Wurden die Regeln auch deshalb geändert?
Nein, wir beschäftigen uns mit Tatsachen, nicht mit Gerüchten. Darum haben wir auch noch einmal die Punkte nur im Westen ausgezählt und das Resultat dann mit dem Gesamtergebnis verglichen: Es gab zwar einige Unterschiede, aber unter den ersten zehn waren acht oder neun Plätze genau gleich verteilt - der Westen stimmte da wie der Osten.
Warum aber haben so viele Grand-Prix-Fans in Deutschland trotzdem das Empfinden, es gebe eine osteuropäische Dominanz?
Das weiß ich nicht. Ihr Empfinden ist einfach falsch. Vor zwei Jahren hat Finnland gewonnen - und Finnland ist genauso wenig ein osteuropäisches Land wie Griechenland, das ja 2005 siegte. In den vergangenen drei Jahren lagen also gleich zwei westeuropäische Länder ganz vorne.
Geben sich die neuen Staaten mehr Mühe bei der Auswahl ihrer Künstler und Lieder?
Ich glaube schon, dass die Länder im Osten den Wettbewerb ernst nehmen. Sie sehen in ihm keine Witzveranstaltung, es ist für sie nicht einfach nur eine weitere Unterhaltungsshow im Fernsehen. Darum beschäftigen sie die absolut besten Komponisten, sie suchen die besten Künstler und oft auch die besten ausländischen Choreographen für den Auftritt aus. Sie stecken viel in ihre Beiträge, viel Mühe, aber auch viel Geld.
Wollen einige Länder im Westen vielleicht gar nicht gewinnen, weil der Sieg sie teuer zu stehen kommen könnte?
Für die Länder im Osten sollte es doch wohl noch immer schwieriger sein, den teuren Wettbewerb auszutragen! Offenbar scheuen sich aber viele Künstler davor teilzunehmen, weil sie befürchten, nicht zu gewinnen.
Wie teuer ist es zu gewinnen?
Das kommt natürlich auf das jeweilige Land an. Die Stundenlöhne in Finnland sind beispielsweise wesentlich höher als in Serbien. Wir gehen aber davon aus, dass die Produktionskosten eines ESC mit allem Drum und Dran zwischen 10 und 15 Millionen Euro liegen.
Und wer zahlt das?
Ein Drittel übernehmen die teilnehmenden Länder, ein Drittel zahlen Sponsoren, und für das letzte Drittel kommt der gastgebende Sender auf. Dessen Ausgaben werden unter anderem von Ticketverkäufen und Sponsoren gedeckt.
Wie viel zahlen die Großen Vier?
Etwa ein Drittel des Budgets, an dem insgesamt 43 Staaten beteiligt sind.
Das Gespräch führte Peter-Philipp Schmitt.
Text: F.A.Z.