Von Peter-Philipp Schmitt, Belgrad
25. Mai 2008 Vor lauter Bodyguards war der kleine Gewinner in der Mitte fast nicht zu sehen. So treten wohl Stars auf. Megastars, die allerdings weniger um ihre Sicherheit fürchten, als auf sich aufmerksam machen wollen. Darum auch versuchte der kaum zu sehende Dima Bilan, sein gläsernes Mikrofon in die Höhe zu recken - über alle Köpfe hinweg. Die Eurovisions-Trophäe wurde in diesem Jahr zum ersten Mal vergeben. Es war nicht der einzige Preis, den der Russe bekommen sollte. Immerhin ist er auch Komponist und Texter seines Siegertitels Believe (zusammen mit Jim Beanz).
Still neben ihm saß derweil am Sonntag morgen Jewgeni Pluschenko, eingehüllt in die Fahne seines Heimatlandes. Der Weltmeister und Olympiasieger im Eiskunstlaufen hatte zuvor, noch auf der Bühne der Beogradska Arena, seinen Triumph in Worte gefasst: Nun habe ich noch einen Titel gewonnen - den Eurovision.
Bilan lud schon mal nach Moskau
In den vergangenen Tagen waren die Meinungen auf den Fluren des Belgrader Sava Centars heftig auseinandergegangen, dort also, wo Fans, Teilnehmer und Journalisten zusammen trafen. Bloß nicht nächstes Jahr nach Russland, sagten die meisten Gäste aus dem Westen. Dann, so hieß es, blieben wohl noch mehr der sonst jährlich zum Eurovision Song Contest (ESC) wiederkehrenden Besucher zu Hause. Schon in diesem Jahr waren weniger Grand-Prix-Touristen als sonst nach Belgrad gefahren. Sie wollten nicht nach Serbien reisen, spätestens nachdem sich das Kosovo für unabhängig erklärt hatte und im Februar Botschaften gebrannt hatten. Danach gab es Anfragen der European Broadcasting Union (EBU) und etlicher Regierungen an Belgrad, auch in Berlin, und der Staatspräsident Serbiens, Boris Tadić, sah sich veranlasst, eine persönliche Garantieerklärung für die Sicherheit der ausländischen Gäste abzugeben.
Trotzdem gab es zu Beginn des ESC einen Brief der Grand-Prix-Verantwortlichen, der klare Verhaltensregeln für die Tage in der serbischen Hauptstadt empfahl und zugleich Warnungen aussprach. So etwas hatte es noch nicht gegeben, doch so etwas wird es sicherlich auch in Russland wieder geben. Schon jetzt scheint festzustehen, dass der nächste Grand Prix in Moskau stattfinden wird - trotz einer Zeitverschiebung von zwei Stunden. Jedenfalls lud Dima Bilan in die Hauptstadt Russlands und nicht etwa nach Sankt Petersburg ein.
Danke an Bulgarien für die Lucy-Stimmen
Wie erwartet stürzten die großen Vier, die Haupt-Geldgeber des ESC und gesetzten Finalisten, bis ans Ende des Feldes ab. Deutschland, Großbritannien und Polen erhielten jeweils 14 Punkte. Ohne die Lucy-Stimmen - zwölf Punkte aus Bulgarien - wären die No Angels jämmerlich allein auf dem letzten Platz gelandet. Dann wären ihnen nur die zwei Punkte aus der Schweiz geblieben. So kamen sie auf immerhin 14 Punkte, weil Sängerin Ludmilla Lucy Diakovska von den No Angels bulgarische Wurzeln hat und im Fernsehen ihres Geburtslandes als Jurymitglied einer Popstars-Casting-Show regelmäßig zu sehen und auch sehr bekannt ist. Weil Deutschland einmal die Höchstpunktzahl bekam, wird es nun auf Platz 23 geführt. Polen erhielt einmal zehn Punkte und damit die zweithöchste Punktzahl. Es liegt auf Rang 24, Großbritannien mit nur einmal acht Punkten ist offiziell das Schlusslicht.
Frankreich erreichte wie Schweden 47 Punkten, liegt aber hinter den Skandinaviern auf Platz 19, Spanien bekam wie Albanien 55 Punkte (auf Platz 17) und erreichte Rang 16. Wie frustriert die EBU mit der Big-4-Regelung inzwischen ist, wurde ebenfalls in Belgrad klar. Ein Vertreter der Union hatte am Freitag gesagt, dass über die künftige Position Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und Spaniens sowie über ihre Sonderbehandlung gesprochen werden müsse. Von einer Änderung der Regel erhoffe man sich auch bessere musikalische Beiträge aus den Ländern.
Bilan zielt auf westlichen Markt
Dazu einige Fakten zum russischen Beitrag: Timbaland, der eigentlich Timothy Z. Mosley heißt und unter anderen schon Destiny's Child, Jay-Z, Missy Elliott, Nelly Furtado, Madonna und Justin Timberlake zu ihren Erfolgen führte, war für die Produktion von Dima Bilans Siegertitel Believe verantwortlich. Auf der Bühne neben dem Russen spielte der ungarische Starviolinist Edwin Marton auf, der vor allem als Komponist von Titeln für Weltklasse-Eisläufer wie Stéphane Lambiel und Jewgeni Pluschenko bekannt wurde. Pluschenko selbst tanzte für Bilan auf der Belgrader Bühne, sprang und drehte seine Pirouetten auf einer künstlichen Eisfläche. Insgesamt zehn Millionen Dollar soll Russland in die diesjährige Teilnahme ihres Vertreters gesteckt haben. Ob davon auch Call-Center finanziert wurden, die für den Sechsundzwanzigjährigen angerufen haben - darüber wird bestimmt spekuliert werden. Die EBU allerdings schließt das kategorisch aus.
Es zählt auch nur eins: Russland hat klar mit 272 Punkten vor der Ukraine (230 Punkte) und Griechenland (218 Punkte) gewonnen. Das Endergebnis stand schon fest, noch ehe überhaupt alle 43 Teilnehmerländer ihre Punktzahlen öffentlich bekanntgegeben hatten. Dabei hatte Bilan nur knapp im März den russischen Vorentscheid gewonnen. So knapp, dass er in Tränen ausbrach, als seine zweite ESC-Teilnahme für Russland in nur drei Jahren endlich feststand. Bilan, der als Viktor Belan geboren wurde, war 2006 in Athen von den Rockmonstern Lordi aus Finnland geschlagen worden. Mit seinem Lied Never Let You Go kam er auf Platz zwei. Seither versucht er, den westlichen Markt zu erobern. Noch in diesem Jahr werden drei neue Alben erscheinen: ein russisches, ein englisches und ein spanisches, das von Rudy Perez produziert wurde und ein Duett mit Nelly Furtado beinhaltet.
Deutschland wäre in jedem Fall hinten gelandet
Russland erhielt im Schnitt mehr als sechs Punkte aus jedem Land. Sieben Mal bekam Dima Bilan zwölf Punkte - aus sechs ehemals sowjetischen Republiken und aus Israel, wo viele Russen leben. Zehn und acht Punkte gab es noch zehn Mal - aus sieben Ländern des ehemaligen Ostblocks sowie aus Zypern, Malta und Finnland. Deutschland stimmte mit sieben Punkten für Russland. Auf den ersten zehn Plätzen finden sich vier klassische Grand-Prix-Länder wieder - Griechenland, Norwegen, Türkei und Israel - und sechs Vertreter aus dem einstigen Ostblock. Hätten nur die 25 Nationen im Finale abgestimmt, die tatsächlich in der Endrunde standen, dann hätte trotzdem Russland mit 151 Punkten vor der Ukraine (144) und Norwegen (131) gewonnen. Zählt man nur die Stimmen aus dem Westen, dann hätte Armenien mit 95 Punkten vor Norwegen (83 Punkte), Griechenland (81), der Ukraine (76) und Russland (75) gelegen.
Deutschland wäre in diesen beiden Fällen auf dem letzten Platz gelandet. Dabei waren die No Angels am Samstag abend so gut wie kein einziges Mal zuvor in den Tagen von Belgrad gewesen. Jede Probe und Generalprobe war nicht optimal gelaufen. Zudem war das Quartett durch eine Virusinfektion geschwächt worden. Sängerin Jessica musste tagelang das Bett hüten. Sie stand zwar rechtzeitig wieder auf der Bühne, doch das durchaus eingängige Poplied der No Angels kam nicht an. Trotz kritischer Stimmen hielten die vier an ihren flatternden Tüchern fest, die von viel zu großen Ventilatoren auf der Bühne in Bewegung gehalten wurde. Sie selbst konnten sich kaum rühren, weil lange Schleppen sie mehr oder weniger daran hinderten. Nadja war zudem stark überschminkt, ihre Augenlider konnte sie vor lauter Farbe und Glitzersteinen nicht mehr öffnen. Und Lucys rote Lockenmähne war so steif nach oben toupiert worden, dass sie damit wie ein Clown aussah.
Nicht nur für die No Angels, auch für den Grand-Prix-Sender NDR war das Abschneiden eine bittere Lehre. Wenn man sieht wie professionell Länder wie Russland, Ukraine und sogar schon der Debütant Aserbaidschan an den ESC herangehen, müssen sich die Verantwortlichen einfach eingestehen, dass man so nicht konkurrenzfähig ist. Es muss dringend etwas geändert werden. Die EBU wird wohl Konsequenzen ziehen. Ob sich Deutschland dann im nächsten Jahr noch auf eine Finalteilnahme in Moskau verlassen kann, ist ungewisser denn je.
Die Plazierungen im Einzelnen:
1. Russland
2. Ukraine
3. Griechenland
4. Armenien
5. Norwegen
6. Serbien
7. Türkei
8. Aserbaidschan
9. Israel
10. Bosnien Herzegowina
11. Georgien
12. Lettland
13. Portugal
14. Island
15. Dänemark
16. Spanien
17. Albanien
18. Schweden
19. Frankreich
20. Rumänien
21. Kroatien
22. Finnland
23. Deutschland
24. Polen
25. Großbritannien
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS