Eurovision Song Contest

Touristen nicht willkommen?

Von Peter-Philipp Schmitt, Belgrad

22. Mai 2008 Eine Stadt inszeniert sich. Selbst auf der Grand-Prix-Bühne fließen Donau und Save ineinander und umschließen die Sänger bei ihren Auftritten, als läge Belgrad in ihrer Mitte. Die Farben der Flüsse, produziert von Tausenden kleinen LEDs, spiegeln die Landesfarben wieder – Rot, Blau, aber auch ein wenig Weiß.

Rot und Blau sind auch die Farben des Stadtwappens. Auf dem spitz zulaufenden Schild sind der Turm einer Festung und ein römisches Schiff zu sehen, das auf das Alter Belgrads verweisen soll. Zwei weiße Schlangenlinien deuten Donau und Save an. Der Himmel über ihnen ist Blau, die Erde zwischen den Flüssen jedoch ist Rot, blutdurchtränkt, als Symbol für das jahrhundertelange Leiden der Stadt.

Wer Belgrad nicht kennt, wird erstaunt sein, wie unversehrt schön die serbische Hauptstadt ist. War hier nicht Krieg? Herrschte hier nicht Slobodan Miloševic, der Serbien ins Elend stürzte? Belgrad scheint eine ganz normale Stadt zu sein, die Menschen sind freundlich, die Straßen auch nachts ungefährlich. Und doch ist Belgrad keine angenehme Grand-Prix-Metropole. Die 15 000 ausländischen Touristen, die nach offiziellen Angaben zum „Eurovision Song Contest“ (ESC) angereist sind und viel Geld mitgebracht haben, fühlen sich nicht willkommen.

Eurovision Song Contest als Rekordveranstaltung

Belgrad ist zerteilt – und nicht nur durch den Fluss Save. Auf der einen Seite, der schöneren Seite, geht das Leben seinen gewohnten Gang, auf der anderen, in Novi Beograd (Neu-Belgrad), findet der ESC statt. Der Song Contest ist eine Veranstaltung von immer neuen Rekorden. In diesem Jahr nehmen 43 Länder an dem größten Fernsehmusikereignis Europas (wahrscheinlich der ganzen Welt) teil, unter ihnen erstmals Aserbaidschan und San Marino, das allerdings schon im ersten Halbfinale am Dienstag abend ausgeschieden ist.

Vier weitere Nationen übertragen das große Finale am Samstag abend – neben Österreich, das auf eine Teilnahme in diesem Jahr verzichtet hat, Kasachstan, Australien und Neuseeland.

Zwei Halbfinale gibt es erstmals in diesem Jahr, um dem Ansturm neuer Teilnehmer gerecht zu werden. Gut zwei Wochen dauert der Grand Prix inzwischen. Ein ganzer Tag vergeht, bevor alle 43 Sänger und Gruppen nur einmal hintereinanderweg auf der Bühne in der „Beogradska Arena“ für jeweils eine halbe Stunde geprobt haben.

Belgrad hat große Chance vertan

Für die beiden Zwischenrunden und das Finale gibt es insgesamt neun Generalproben, hinzu kommen noch dutzende andere Sänger, Tänzer und Kappellen, die Pausen füllen und den Rahmen gestalten. Der Zeitplan ist so eng gesteckt, dass ein großer Teil der Angereisten noch kein einziges Mal den durch Apartment- und Hotelkomplexe, Hochhäuser und Einkaufszentren geprägten Stadtteil Novi Beograd verlassen hat, um mal einen Blick in die Altstadt zu werfen.

Belgrad konzentriert sich ganz auf die Austragung dreier technisch schwieriger Fernsehshows. Das allein ist schon eine Leistung. Die Tausenden Gäste jedoch hat die Stadt aus den Augen verloren. Sie inszeniert sich nicht, die Straßen sind ungeschmückt, die vielen Nationen scheinen nicht präsent zu sein.

Es gibt kein „Public Viewing“ wie in Helsinki, kein Begleitprogramm in Museen, keine Feste, Märkte, Partys, die auf Europa verweisen. „Europa, wo bist du all die 50 Jahre nur gewesen“, fragte Moderator Željko Joksimovic beim ersten Halbfinale. Jetzt ist Europa da – aber wo ist Belgrad? Die Stadt hat eine große Chance vertan.

Für Aserbaidschan zahlt der Öl-Oligarch

Ergreifen wollen ihre Chance hingegen Länder wie Aserbaidschan oder Russland. Zehn Millionen Dollar soll Moskau in den Auftritt von Dima Bilan investiert haben, um endlich – Russland ist seit dem Finale in Dublin 1994 dabei – zu gewinnen. Mit dem Geld hätte man vor einigen Jahren noch einen ganzen Grand Prix ausrichten können.

Der Russe Bilan, der vor zwei Jahren nur knapp den Sieg in Athen verpasst hatte, steht nun mit dem ehemaligen Olympiasieger und mehrfachen Weltmeister Jewgeni Pluschenko auf der Bühne. Dem Eisläufer gelingt es, auf wenigen Quadratmetern Kunsteis kleine Sprünge und Pirouetten zu zeigen.

Für Aserbaidschan wiederum zahlt ein Öl-Oligarch einfach alles. Das Land zwischen dem Kaspischen Meer und dem Kaukasus, Debütant beim ESC, lud unter anderem zu einer Riesenparty unterhalb der Festung Kalemegdan in der Altstadt ein – mit 25 000 Gästen soll es die größte Veranstaltung dieser Art in der Grand-Prix-Geschichte gewesen sein.

Die Favoriten kommen aus dem Osten

Sie wurde live vom serbischen Fernsehsender RTS übertragen und war gut investierte Werbung für Aserbaidschan und seine ESC-Vertreter Elnur & Samir. Die beiden zogen glorreich ins Finale ein. Genauso wie die Paarung Bilan/Pluschenko. Doch für Russland sind die Zwischenrunden sowieso nur zusätzliche Trainingseinheiten. Der Riese aus dem Osten, der auch kulturell die meisten seiner ehemaligen Freunde und Nachbarn im Griff hat, landet sowieso immer im Finale.

Ebenfalls gesetzt sind die vier großen Geldgeber: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien. Sie zahlen 30 Prozent des Etats, geben Millionen an die European Broadcasting Union (EBU) und sparen dafür in Belgrad an zusätzlichen Werbemaßnahmen. Das ist der Preis dafür, dass sie nicht im Halbfinale rausfliegen können.

Wäre es nicht so, sie blieben wohl alle vier auf der Strecke. Die haushohen Favoriten kommen wieder aus dem Osten – nicht weil sie besser singen, ihre Darbietungen sind einfach eine Sensation. Ani Lorak aus der Ukraine, Dima Bilan aus Russland, Ruslan Alehno aus Weißrussland, Sirusho aus Armenien und Jelena Tomaševic aus Serbien liegen vorne. Über den Israeli Boaz, die Schwedin Charlotte Perrelli (Grand-Prix-Siegerin von 1999) und die Malteserin Morena wird immerhin noch gesprochen.

Die No Angels hat niemand auf der Rechnung

Keine Rede ist von den deutschen No Angels. Sie hat niemand auf der Rechnung. Das könnte gut sein: Texas Lightning und Roger Cicero galten kurz vor den Endrunden in Athen und Helsinki als mögliche Gewinner und landeten dann doch nur auf den Plätzen 15 und 19. Sandy, Lucy und Nadja jedoch, die drei Engel aus Deutschland, sind zuversichtlich, obwohl Jessica, die vierte Sängerin der Gruppe, seit Tagen wegen einer ansteckenden Virusinfektion das Bett hüten muss und auch schon die letzte Probe am Sonntag versäumt hat. Sie soll jedoch schon an diesem Freitag wieder bei den Generalproben auf der Bühne stehen können.

Am Mittwoch ging die deutsche Delegation auf eine Bootstour, passenderweise hieß das Schiff „Sirona“ – wie die altkeltische Göttin der Sterne und Quellen, aber auch der Fruchtbarkeit und Heilung. Dutzende Fans und Journalisten drängten sich um das Trio Schwarz, Rot, Gold. Erfrischend ehrlich war nur manchmal die rothaarige Lucy, die in bequemen Turnschuhen erschienen war, während die blonde Sandy und die schwarzhaarige Nadja auf hohen Hacken über die Decks spazierten.

„Wir sind genau die Richtigen, um für Deutschland zu singen“

„Wir sind genau die Richtigen, um für Deutschland zu singen“, sagte Lucy, die sich immer mal wieder Widerspruch von ihren Kolleginnen einhandelte. So sagte der Rotschopf einmal, die No Angels hätten hier in Belgrad noch nicht so viele Interviews gegeben. Aber von wegen, es seien sogar ganz besonders viele gewesen, ließen Sandy und Nadja wissen. Das Interesse an ihnen sei riesig. Nun denn, dachte sich offenbar Lucy, und ließ fortan lieber die Kolleginnen reden. Viel zu erfahren gab es eh nicht: Alles ist toll, alles läuft super, alles wird gut.

Was aus den No Angels wird, wenn sie es nicht einmal unter die ersten 20 schaffen, lässt sich nur erahnen. Lange wird es die schon einmal aufgelöste einstige Castinggruppe dann wohl nicht mehr geben. Ihre Erfolge seit dem Comeback waren mager. Doch selbst Grand-Prix-Gewinner singen irgendwann eher bei Autohauseröffnungen als in Las Vegas wie die Siegerin aus dem Jahr 1988, Céline Dion. Und trotzdem ist die Faszination ESC ungebrochen.

Das zeigen schon die ewigen Wiederkehrer, die Sänger, Komponisten und Fans, die nie genug vom Grand Prix bekommen können. Jahr für Jahr verkündet Svante Stockselius, der Generalsekretär des ESC bei der EBU, zudem neue Superlative. Ein Kinofilm, eine Komödie, sei in Planung. Außerdem habe man Lizenzen an die Länder Nordafrikas und die arabische Welt für das Format vergeben. Sogar von einem „World(-vision) Song Contest“ ist die Rede. Man kann nur hoffen, dass Deutschland auch dann automatisch fürs Finale gesetzt ist.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS, dpa

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