Von Peter-Philipp Schmitt, Belgrad
26. Mai 2008 Zu einer Reise nach Belgrad gehört in jedem Fall ein Abstecher nach Zemun. Der einstige Grenzort, zugleich Zollstation der k.u.k. Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, liegt am rechten Ufer der Donau und am linken der Save. Vom Austragungsort des Eurovision Song Contest (ESC) im Stadtteil Novi Beograd führt der Weg einfach entlang einer herrlichen Uferpromenade bis nach Zemun - mit 150.000 Einwohnern längst selbst Teil der serbischen Hauptstadt. Hier enden die großen Belgrader Boulevards in engen, verwinkelten Gassen mit kleinen Fischrestaurants und Galerien - und an einem neu angelegten Kiesstrand.
Es ist der Tag nach dem großen Finale, das für Deutschland desaströs endete. Die Schlagzeilen in der Heimat kann man sich schon vorstellen: Ostmafia, Schiebung, Aufhören. Wer ist schuld? Der NDR, die No Angels, der Rest Europas? Die vier Kandidatinnen für Deutschland haben sich äußerst professionell in der langen Woche in Belgrad verhalten. Sie haben ihr bestes versucht. Ob sie mit ihrem Auftritt richtig lagen, mit der Auswahl der Kostüme, mit ihrer Choreographie, mit Technik, Beleuchtung und Ton - wahrscheinlich eher nicht.
Wählt der NDR künftig die Teilnehmer?
Darauf wiederum hat der NDR so gut wie keinen Einfluss. Der Auftritt der Künstler ist der Auftritt der Künstler, sagt der ARD-Unterhaltungschef, Thomas Schreiber. Er war eigens am Freitag nach Belgrad gekommen, um sich die letzten Generalproben und das Finale anzusehen. Am Sonntag sagte er, dass man wie bisher nicht weitermachen könne. Und wir haben uns schon vor dem Finale Gedanken gemacht, unabhängig vom Abschneiden der No Angels. Schreiber spricht von drei möglichen Denkmodellen.
Die Möglichkeit, einen Teilnehmer vom NDR aussuchen zu lassen und im nächsten Jahr nach Moskau zu schicken, ohne das deutsche Publikum über einen Vorentscheid an der Wahl zu beteiligen, schließt er zumindest nicht aus. So hatte beispielsweise der zuständige französische Sender France 3 in diesem Jahr auf einen nationalen Wettbewerb verzichtet und seinen Vertreter Sébastien Tellier einfach nach Belgrad entsandt. Und auch der MDR hatte in den neunziger Jahren schon mehrmals seine Kandidaten einfach selbst gekürt.
Nicht nur die No Angels waren ernüchternd
Seit Jahren wird zudem die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Plattenindustrie kritisiert. Wir haben keine Sänger unter Vertrag, sagt Schreiber. Wir sind nur der übertragene Sender. Nun hatte der NDR endlich im Frühjahr mit den No Angels international schon etwas bekanntere Künstler gefunden und damit gehofft, dass er im nächsten Jahr größere Namen und Stars dazu bewegen könnte, sich an einem Vorentscheid zu beteiligen. Das Debakel von Belgrad aber hat alle diese Hoffnungen wieder zerstört.
Ernüchternd war auch, dass nur durchschnittlich 6,38 Millionen Zuschauer in der ARD das ESC-Finale verfolgten. Das entspricht einem Marktanteil von 27,9 Prozent. In der Spitze haben 7,94 Millionen Zuschauer den Wettbewerb in Belgrad verfolgt, Marktanteil 42,6 Prozent. Besonders die Vierzehn- bis Neunundvierzigjährigen schalteten ein: Im Durchschnitt waren es 3,45 Millionen Zuschauer (Marktanteil 33,9 Prozent), in der Spitze sogar 4,43 Millionen (Marktanteil 46,7 Prozent.)
Was bleibt von Belgrad?
Im vergangenen Jahr, als Roger Cicero in Helsinki für Deutschland startete, hatte die ARD noch einen durchschnittlichen Zuschaueranteil von 7,38 Millionen errechnet, ein Jahr zuvor sahen sich den Auftritt der Gruppe Texas Lightning in Athen noch 10,41 Millionen Menschen an. Als Quotentiefpunkt gilt der Grand-Prix von 1999 mit 4,79 Millionen Fernsehzuschauern. Damals war - ein Jahr nach dem Quotenkönig Guildo Horn - die Gruppe Sürpriz für Deutschland in Tel Aviv gestartet.
Was bleibt von Belgrad? Die Erkenntnis, dass Serbien sich als Ausrichter des ESC ganz wacker geschlagen hat. Die Befürchtungen, dass man sich als Tourist in der Hauptstadt nicht sicher fühlen könne, haben sich nicht bestätigt. Allerdings war die Polizeipräsenz auch enorm. Zweite Erkenntnis: Es hat wieder ein Lied klar gewonnen, und das - wie schon in den vergangenen beiden Jahren - mit mehr als 30 Punkten Vorsprung. Seit 1995 hat nun jedes Jahr ein anderes Land den Sieg errungen, was für die Veranstaltung sicher gut ist.
Die neuen Regeln haben sich bewährt
Die neuen Regeln der European Broadcasting Union (EBU), unter anderem nun mit zwei Halbfinalen, haben sich darüber hinaus bewährt. Wohl noch nie war ein Finale musikalisch so herausragend besetzt wie das diesjährige. Im zweiten Halbfinale überstimmte dabei die Jury die Fernsehzuschauer, die sich an der Abstimmung beteiligt hatten: Nicht Mazedonien zog mit 64 Punkten in die Endrunde ein, sondern Schweden, das nach dem Televoting nur 54 Punkte hatte, aber von der Jury als besser bewertet worden war. Und sonst? Nach dem Grand Prix ist vor dem Grand Prix. Freuen wir uns auf Moskau!
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, picture-alliance/ dpa, REUTERS